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Wer wissen will, was demnächst in ist, sollte ins Kinderzimmer schauen: So lautet eine alte Regel. Die Youngsters halten Facebook nicht mehr für hip.

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Facebook-Aktien? Langsam verkaufen!

Für WhatsApp hat Facebook 19 Mrd. US-Dollar bezahlt. Das ist sehr viel Geld, und mancher Analyst meint, es sei viel zu viel Geld für eine einzelne App. Tatsächlich wurde der Messenger-Dienst noch vor Kurzem auf einen Bruchteil dessen geschätzt, was Facebook jetzt großgewaltig hingelegt hat.

Nach Dokumenten, die der Analysedienst VC Expert veröffentlicht, wurde WhatsApp bei der letzten Finanzierungsrunde im vergangenen August nur mit 1,5 Mrd. US-Dollar bewertet. WhatsApp hatte damals mit dieser Angabe gerade einmal 52 Mio. US-Dollar bei Investoren eingesammelt.

Insgesamt war WhatsApp seit der Gründung 2009 mit bescheidenen Mitteln und nur drei Finanzierungsrunden ausgekommen. Auf eine Startinvestition von 250 000 Dollar folgte eine zweite Geldspritze von 8 Mio. US-Dollar im Jahr 2011. Damals bekamen die Investoren im Gegenzug Firmenanteile von 80 Mio. US-Dollar, wie der Technologiebranchendienst TechCrunch berichtet. Den WhatsApp-Investoren der vergangenen Jahre bringt der ­Facebook-Deal damit eine selbst für kalifornische Verhältnisse atemraubende Vervielfachung ihres Einsatzes.

Umgekehrt wird aber deutlich, dass Facebook offenbar dramatisch zu viel bezahlt hat. Marc Zuckerberg wollte das kleine Unternehmen mit seinen nur 55 Mitarbeitern aber um jeden Preis haben. Analysten beziffern die Überbezahlung auf mindestens 17 Mrd. US-Dollar. Zum Vergleich: Der deutsche Energiekonzern RWE mit seinen 17 000 Mitarbeitern, Adidas mit seinen 40 000 oder die Commerzbank mit ihren 54 000 Beschäftigten werden billiger bewertet als das stofflose Miniunternehmen aus einer einzelnen App mit überschaubaren Umsätzen und ständig neuer Konkurrenz.

Börsianer raunen sogar etwas von „Panikkauf“. Experten erinnern daher nun an das Jahr 2000, als die erste Internetblase am neuen Markt vor dem Platzen stand. Auf dem damaligen Höhepunkt der Hausse kaufte das extrem hochbewertete Internet­unternehmen AOL den Medienkonzern Time Warner für 164 Mrd. US-Dollar. Nach dem Platzen der Internetblase wurde dieser Deal zum Synonym für desaströse Übernahmen im Gefolge eines Börsenfiebers.

Für die Aktionäre von Facebook ist der Megadeal daher ein Warnsignal. „Nachdem die Aktie in den vergangenen Monaten sehr gut gelaufen ist, sollte man nun einen Ausstieg erwägen“, empfehlen erfahrene Analysten in New York. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Facebook sei extrem hoch, und ob die Gewinne so schnell wüchsen, wie der Börsenkurs vorausgelaufen sei, könne man bezweifeln.

Teenager wenden sich ab

Denn Facebook zeigt in seinem Kerngeschäft – trotz aller Wachstumssprünge – Schattenseiten. Neue Konkurrenten drängen auf den Markt, Asien beginnt ein digitales Eigenleben, und erste Sättigungserscheinungen zeigen sich in Amerika und Europa. So beginnen dem Netzwerk zusehends die Teenager wegzulaufen. Bei jungen Usern wird ­Facebook ziemlich rasch uncool. Doch so hat es bei dem Musiknetzwerk Myspace auch angefangen, und frühere Stars unter den sozialen Medien wie ­Friendster oder Schüler-VZ können ein Lied davon singen. Wenn die Jugendlichen wegbleiben, kann ein soziales Netzwerk schnell ins Schlingern kommen.

Noch ist es bei Facebook nicht so weit, aber erste Anzeichen sind da, wie Finanzchef David Ebersman in einem Analystengespräch zugab. Es sei insgesamt schwierig, die Aktivität von Teenagern zu messen, merkte er an. Viele machten falsche Altersangaben. Aber man habe trotzdem versucht, Messmethoden zu entwickeln. Und siehe da: Selbst die eigenen, für die Börse aufgehübschten Zahlen zeigen einen Rückgang der täglichen Aktivitäten unter jüngeren US-Jugendlichen. Trotzdem, versuchte­ Ebersman zu beruhigen, sei die Durchdringung des Jugendmarkts „so gut wie vollständig“.

In Wirklichkeit stören sich Jugendliche, aber auch ältere Nutzer an der Datenunsicherheit von Facebook und WhatsApp. Die globale Diskussion um die NSA-Affäre und die technischen Überwachungsmöglichkeiten der sozialen Dienste werden daher zum wachsenden Problem für Facebook. Davon profitieren Konkurrenten wie Snapchat, die einander Bilder zusenden, die sich nach wenigen Augenblicken wieder auflösen. Snapchat ist bei amerikanischen Jugendlichen inzwischen sehr beliebt, was wiederum Begehrlichkeiten von Facebook weckt. Doch im vergangenen November lehnte Snapchat-Gründer Evan Spiegel es ab, sich für 3 Mrd. US-Dollar übernehmen zu lassen. Nun hat Facebook mit WhatsApp ein extrem datenfixiertes, für Missbräuche offenes System für mehr als das Sechsfache gekauft – und vertieft damit sein strategisches Problem als vermeintliche Datenkrake. Kurzum: Es wird spannend – für Aktionäre womöglich zu spannend.

17.03.2014 | 10:46

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