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Wolfgang Langhoff (Bild: BP)

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„Alternative Technologien müssen auch wirtschaftlich sein!“

Wolfgang Langhoff (56) ist seit 2013 Mitglied des Vorstands und seit Januar 2017 Vorsitzender des Vorstands der BP Europa SE. Außerdem ist er in verschiedenen Verbänden und Organisationen tätig: Er ist Vorstandsvoritzender des Mineralölwirtschaftsverbandes und seit 2011 auch Vorsitzender des Beirats des Mineralölbevorratungsverbands. Auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel 2017 hatte der Manager, der seine Laufbahn bei BP bereits 1989 startete, ein sehr aufmerksames Publikum. Auch die BÖRSE am Sonntag sprach mit Wolfgang Langhoff.

Herr Langhoff, es drängt sich der Eindruck auf, dass sich die Energiewelt außerhalb Deutschlands nur sehr langsam dreht und die Entwicklung hin zu einer CO2-ärmeren Energieversorgung stockt. Täuscht dieses Bild?

Wir leben mitten in einer globalen Energiewende, von der die deutsche nur ein Teil ist. Der Ansatz hierzulande ist jedoch sehr anspruchsvoll. Vorhaben gehen in vielen Bereichen weit über das hinaus, was international oder auch auf europäischer Ebene vereinbart wurde. Die globale Entwicklung  jedenfalls führt in eine Energiewelt, die nicht mehr von einigen wenigen Energieträgern dominiert wird wie früher Kohle oder Öl, sondern von einem breiten Energiemix geprägt ist. In diesem Energiemix gewinnen erneuerbare Energien schnell an Gewicht. Doch fossile Energien werden noch sehr lange gebraucht, zum Beispiel Öl in der Petrochemie und im Flug- und Transportverkehr und Erdgas als CO2-freundlichster fossiler Energieträger als sehr gute Ergänzung zu erneuerbaren Energien.

Werden erneuerbare Energien überschätzt?

Die erneuerbaren Energieträger gewinnen stark an Bedeutung. BP prognostiziert, dass der Anteil der Erneuerbaren am Primärenergieverbrauch bis 2035 weltweit auf neun Prozent ansteigt, das ist eine Verdreifachung. Es zeigt sich aber auch, dass die kommenden Jahrzehnte von einem Miteinander fossiler und erneuerbarer Energien geprägt sein werden. Der Weg hin zu einer CO2-ärmeren Energieversorgung führt daher vor allem über Technologien, die die Stärken beider Energieträger kombinieren, also Hybridtechnologien. Das gilt für alle Sektoren.

Kommt international ein roll-back hin zum Öl? Oder, anders gefragt, verlieren die erneuerbaren Energien im weltweiten Wirtschaftsleben schon wieder an Wert, kaum dass sie sich stellenweise durchzusetzen beginnen?

Der Ölverbrauch ist in den meisten entwickelten Ländern in den letzten zehn Jahren gesunken, diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden zehn bis 20 Jahren weiter fortsetzen. Hier spielen fortschreitende technologische Entwicklungen im Bereich der Energieeffizienz eine bedeutende Rolle. Doch die Ölnachfrage wird in anderen, aufstrebenden Regionen  der Welt aufgrund des wachsenden Wohlstands sehr wahrscheinlich stark ansteigen. Das wird den Rückgang in den bereits entwickelten Ländern überkompensieren.

Der Kraftstoffverbrauch in Deutschland ist zuletzt wieder gestiegen. Ist das ein neuer Trend zurück zum Öl?

Die höhere Nachfrage in 2016 wurde vor von zwei Faktoren bestimmt: zum einen gesunkene Einstandspreise durch einen niedrigen Ölpreis und zum anderen die in Deutschland robuste wirtschaftliche Entwicklung. Es ist jedoch davon auszugehen, dass  die Nachfrage nach Mineralölprodukten hierzulande langfristig tendenziell weiter sinken wird. Das liegt vor allem an den stetigen technologischen Verbesserungen in der Motorentechnologie, die noch lange nicht ausgereizt ist.

Energiewende, Verkehrswende, Elektroautos: Gibt es für Unternehmen wie BP in Deutschland beziehungsweise Europa noch eine Perspektive?

Unsere Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Mobilität, Wärme und Lebensqualität werden noch lange Zeit unverzichtbar bleiben. Das gilt beispielsweise besonders bei Grundstoffen für die Chemieindustrie. Was die Mobilität anbetrifft, steht bei allen neuen Konzepten und Trends der zentrale Kundenwunsch im Mittelpunkt: Wie komme ich schnell, bequem und bezahlbar von A nach B? Dies funktioniert  beim Auto und Flugzeug bislang nur in Kombination mit Öl bzw. den daraus hergestellten Kraft- und Treibstoffen. Jede Alternative der Zukunft muss sich an diesen Kriterien messen lassen. Aber wir lehnen uns in diesem Wissen natürlich nicht zurück. Neben der Weiterentwicklung unserer aktuellen Produkte  beobachten wir die Trends  sehr genau und testen und bewerten seit vielen Jahren alternative Kraftstoffe und neue Antriebstechnologien.

Wie schätzen Sie das Potential der Elektromobilität ein?

Bei der Elektromobilität gibt es noch viele offene Fragen, insbesondere mit Blick auf Reichweiten, aber auch bezogen auf die Infrastruktur der Ladestationen. Das lässt sich auch an der Zurückhaltung der Verbraucher erkennen. Es wird sich zeigen, ob wir im nächsten Jahrzehnt bei Kosten und Technologie einen Durchbruch erleben. Ich bin jedoch skeptisch, ob dies durch politische Vorgaben, Zwangsquoten oder Verbote erreicht wird. Wir sollten grundsätzlich alle alternativen Technologien mit einbeziehen.

Wie wird dies das Tankstellengeschäft verändern?

Die Auswirkungen auf das Tankstellengeschäft sind schwer abzusehen. Tankstellen bieten in der Regel wenig Platz für mehrere Elektrofahrzeuge und länger andauernde Ladezyklen. Daher wäre dort vor allem die Installation von Schnellladesäulen denkbar. Das muss jedoch wirtschaftlich sein.

Wie ist Ihre Prognose für die EU für 2017 und zwar ökonomisch wie politisch?

Niemand ist in der Lage, die Entwicklung Europas im Jahr 2017 vorherzusagen. Ich persönlich hoffe, dass wir Europäer uns auf unsere Stärken und Gemeinsamkeiten verlassen können. Ich kann mir ungeachtet aller Prognose-Unsicherheit gerade unter den aktuellen Umständen gut vorstellen, dass am Ende des Jahres 2017 die Erkenntnis steht: Der Zusammenhalt Europas politisch und wirtschaftlich ist viel stärker als heute manche vermuten oder erhoffen.

Wie entwickelt sich die europäische Energie- und Klimapolitik im eben angebrochenen Jahr?

Die EU wird an die Ergebnisse der Klimakonferenzen in Paris 2015 und Marrakesch 2016 anknüpfen müssen. Konkret geht es jetzt um die Diskussion und Entscheidung über das von der EU-Kommission im November 2016 vorgeschlagene sogenannte Winterpaket, das aus einer Reihe von Vorschlägen besteht, wie der europäische Energiemarkt, erneuerbare Energien und Klimaschutz vorangebracht werden können. Als Energieunternehmen gehen wir davon aus, dass sich an der Grundrichtung der europäischen Energie- und Klimapolitik, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, nichts ändert. Auch hier wird sich zeigen: Die EU ist viel stabiler als manche denken.

Jeder ist also gut beraten, sch an den EU-Vorgaben zu orientieren?

Wir jedenfalls orientieren uns daran, was die EU bereits energie- und klimapolitisch beschlossen hat und wahrscheinlich beschließen wird. Dazu gehört beispielsweise der europäische CO2-Emissionshandel, den wir immer für richtig befunden haben und der weiterhin das zentrale Instrument der europäischen Klimaschutz-Politik sein muss. Nur der Emissionshandel stellt eine ausgewogene Plattform nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen dar.

Reinhard Kardinal Marx hat in Rottach-Egern den Freiheitspreis der Medien 2017 erhalten. Ein Wort zu ihm als Ökonom?

Viele unserer gesellschaftlichen und politischen Themen sind ohne ein fundiertes Wissen um makro- und mikroökonomische Zusammenhänge nicht richtig einzuordnen. Dabei muss es Menschen geben, die in der Lage sind, diese Zusammenhänge allgemeinverständlich zu erläutern und in einen größeren Kontext zu stellen. Dass Kardinal Reinhard Marx dies als Vorsitzendem der Deutschen Bischofskonferenz ein bedeutendes Anliegen ist, ist sehr zu begrüßen. Durch seine klugen und kritischen Ausführungen zu zahlreichen wirtschaftlichen Themen gibt er wichtige Denkanstöße für die öffentliche Debatte.

Was ist die größte Herausforderung, der sich im Wahljahr die bundesdeutsche Politik zu stellen hat?

Als Staatsbürger und Wähler vermute ich: die innere Sicherheit, aber über eine solche generelle Einschätzung hinaus will ich dazu als Vertreter eines Mineralölunternehmens nichts sagen. Mir kommt es aus Sicht unserer Branche darauf an, dass der Fortgang der Energiewende und der Klimapolitik mit Augenmaß betrieben wird. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass dem Klimaschutz zu sehr der Vorrang vor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und den Kostenfragen eingeräumt wird.

Woran machen Sie das fest?

Die Treibhausgas-Emissionen sollen zwischen 1990 und 2050 um 80 bis 95 Prozent gesenkt werden. Das ist Konsens. Aber niemand sagt mit gleicher Entschiedenheit, wir wollen auch noch in 2050 den gleichen Anteil an industrieller Wertschöpfung und industrienahen Dienstleistungen wie heute von zusammen fast 40 Prozent unseres Sozialprodukts haben. Dieses Ziel muss den gleichen Rang erhalten wie das Klimaschutz-Ziel. Und die Kostenfrage ist bislang viel zu sehr vernachlässigt worden. Wir müssen primär danach fragen, wieviel es kostet, eine Tonne weniger Treibhausgase auszustoßen, und die kostengünstigsten Lösungen müssen dann vorangetrieben werden und nicht solche, die die stärkste Lobbymacht haben.

Also eine marktwirtschaftlich getriebene Wende zum Besseren?

Eine starke Industrie ist Basis für eine starke Wirtschaft und die ist Voraussetzung für das Funktionieren unserer Sozialen Marktwirtschaft. Um es im Sinne Ludwig Erhards zu sagen: Wirtschaft braucht ein gesundes Klima, braucht Einsatzfreude, Risikobereitschaft, Solidarität. Das zu gewährleisten, ist eine große Herausforderung der Politik.

Herr Langhoff, haben Sie recht herzlichen Dank für dieses Gespräch.

26.01.2017 | 10:26

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