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Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Wohin geht der Weg der großen Nation, die seit 240 Jahren im Zeichen der Freiheit handelt? (Bild: Fotolia / Oscity)

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Wohin steuert Trump die US-Wirtschaft?

Donald Trumps Wahlsieg sorgt für Verunsicherung an den Märkten. Die Zusammenstellung der Regierungsmannschaft wird die entscheidende Weichenstellung sein. Die Aussichten für US-Wirtschaft sind jedoch insgesamt verhalten positiv.

Von Ulrich Stephan

Die Wahlentscheidung in den USA ist gefallen: Der Republikaner Donald Trump wird aller Voraussicht nach der 45. Präsident der Vereinigten Staaten werden. Ein Ergebnis, das viele Marktbeobachter überrascht hat – und entsprechend in den ersten Stunden nach Öffnung der Finanzmärkte weltweit zu heftigen Reaktionen führte: Der mexikanische Peso beispielsweise gab zum US-Dollar stark nach, die Kurse an den globalen Aktienmärkten verloren zum Teil deutlich und die Renditen von US-Staatsanleihen zogen an. Bereits im weiteren Tagesverlauf zeichnete sich insgesamt jedoch eine gewisse Beruhigung der Marktsituation ab. Anlegern stellt sich daher jetzt die Frage, mit welchen Entwicklungen in den USA kurz- und langfristig gerechnet werden und welche Auswirkungen diese auf das globale Investmentumfeld haben könnten.

Größerer politischer Handlungsspielraum möglich

Zunächst einmal scheint es derzeit eher unwahrscheinlich, dass die politischen und wirtschaftlichen Unter¬gangsszenarien der Trump-Gegner sich tatsächlich vollumfänglich manifestieren könnten. Denn Trump, der seinen Wahlkampf die meiste Zeit als One-Man- Show bestritten hat, muss jetzt seine Qualitäten als Teamplayer unter Beweis stellen: Rund 2.500 Posten in der Regierung sind neu zu besetzen und in beiden Kammern des Kongresses wird er eine hohe Kompro¬missbereitschaft zeigen müssen. Denn obwohl die Republikaner sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus weiter das Sagen haben, sind viele vergleichsweise extreme Positionen Trumps nicht mehrheitsfähig.

Insgesamt könnte sich die aktuelle Mehrheitsverteilung sogar positiv auf die politische Entscheidungsfindung in den Vereinigten Staaten auswirken: Im Vergleich zur Pattsituation zwischen dem demokratischen Präsidenten Obama und dem republi¬kanisch dominierten Kongress könnte sich die Hand¬lungsfähigkeit der US-Regierung mit der Amtseinführung Trumps am 20. Januar 2017 vergrößern.

Thema Wirtschaftswachstum im Mittelpunkt

Dabei dürfte es in den kommenden vier Jahren in erster Linie um ein Thema gehen: das Wirtschaftswachstum. Denn für Trumps Wähler, insbesondere aus der unzufriedenen weißen Mittelschicht, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nur unzureichend von den Vorteilen der zunehmenden Digitalisierung und Globalisierung profitieren konnten, ist sein Wahlprogramm in erster Linie ein US-Wachstumsprogramm mit folgenden Inhalten:
•    Weniger Regulierung, zum Beispiel in den Bereichen Pharma, Gesundheit und im Finanzsektor
•    Schließung von Steuerschlupflöchern und Repatriierung von im Ausland erzielten Unternehmensgewinnen
•    Senkung der im internationalen Vergleich recht hohen Unternehmenssteuern auf ein wettbewerbsfähiges Niveau
•    Ein Zurückfahren geldpolitischer Maßnahmen zugunsten fiskalpolitischer wirtschaftlicher Anreize, etwa in Form von Investitionen in die marode Infrastruktur des Landes

Protektionismus als möglicher Hemmschuh

Voraussetzung für mehr Wachstum ist allerdings, dass Trump seine Regierungsmannschaft in den kommenden Wochen umsichtig aufstellt und zum Beispiel keine internationalen Handelskriege vom Zaun bricht. Hier bleibt abzuwarten, welche zum Teil sehr protektionistischen Positionen aus seinem Wahlkampf Bestand haben werden. Festzustehen scheint, dass sich die Verhandlungen mit der Europäischen Union (EU) über das Freihandelsabkommen TTIP weiter verkomplizieren werden – wobei die EU durch ihre unklare Haltung selbst einen gehörigen Beitrag zum möglichen Scheitern der Gespräche beisteuern dürfte. Auch könnte es zur Einführung neuer US-Importzölle kommen. Doch auch hier ist Europa in jüngster Vergangenheit schon mit schlechtem Beispiel vorangegangen.

Insgesamt erscheint es bei allen etwaigen Zweifeln an der Person Trumps also vorstellbar, dass sich die möglichen wirtschaftlichen Maßnahmen positiv auf die Entwicklung der US-Ökonomie auswirken könnten.

US-Aktienmarkt weiter mit Potential

Auf Unternehmensebene könnten beispielsweise die bislang unterbewerteten Pharma- und Biotechkonzerne mögliche neue Freiheiten für eine Aufholjagd nutzen, für Finanzinstitute könnte sich das Geschäftsumfeld ebenfalls verbessern. Hingegen dürfte der Energiesektor unter den Frackingplänen Trumps und einem damit einhergehenden möglichen Ölpreisverfall leiden. Je nachdem welche neuen Beschränkungen Trump dem Handel auferlegt, könnten auch In¬dustrieunternehmen, etwa aus dem Automobilsektor, zu den Verlierern zählen. An ihrer positiven Prognose für die US-Aktienmärkte hält die Deutsche Bank fest, und sieht den Leitaktienindex S&P 500 am Ende des Jahres 2017 bei 2.350 Punkten.

Auch ihre Erwartungen hinsichtlich eines stärker werdenden US-Dollar sieht die Deutsche Bank weiter intakt. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts der US-Notenbank im Dezember 2016 am Tag nach der Wahl von 80 auf 40 Prozent geschrumpft. Die Ausweitung der Zinsdifferenz etwa zur Eurozone scheint aber nur eine Frage der Zeit zu sein. Denn während sich die USA auch weiterhin in einem langfristigen Zinserhöhungszyklus befinden dürften, könnte die Europäische Zentralbank schon bald eine Verlängerung ihres Anleiheankaufprogramms verkünden. Die Folgen wären Kapitalzuflüsse in die USA und ein entsprechend an Stärke gewinnender US-Dollar. Für 10-jährige US-Staatsanleihen rechnet die Deutsche Bank zum Ende des Jahres 2017 mit einer Rendite von 2,4 Prozent.

Was jetzt für Anleger wichtig ist

Bei allen Chancen und Risiken ist auf absehbare Zeit in jedem Fall mit einer erhöhten Schwankungsintensität an den Kapitalmärkten zu rechnen. Das gilt nicht nur für die USA, sondern weltweit. In Europa beispielsweise sind neben den möglichen Auswirkungen der US-Wahl auch die bevorstehenden Urnengänge, etwa in Italien und Frankreich, zu beachten. Die Schwellenländer wiederum scheinen gegen eine mögliche US-Dollarstärke insgesamt zwar robuster aufgestellt als noch vor ein paar Jahren, unberührt lassen dürften sie die Entwicklungen in den USA aber auch nicht.

Anleger sollten die Entwicklungen der kommenden Tage und Wochen in den USA sehr genau beobachten und bei Ihren Investmententscheidungen berücksichtigen. Dabei gilt es, nicht einem unbestimmten Bauchgefühl zu folgen, sondern den Fokus auf die dann tatsächlich getroffenen Entscheidungen zu richten.

Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

24.11.2016 | 18:53

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