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Prof. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen

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Die Familie ist "heilig"

Geburtenrückgang, Patchworkfamilien, Kleinhaushalte: Welche Rolle spielt die Familie noch in unserer Gesellschaft?

Die im traditionellen Wertesystem etablierte Vorstellung der Großfamilie spiegelt in Deutschland schon lange nicht mehr die Realität wider. Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich das Familienverständnis gewandelt und der Begriff „Familie“ eine neue Bedeutung erfahren. Mit diesem verbindet eine Mehrheit der Deutschen zwar nach wie vor das Bild von verheirateten Eltern mit Kindern, doch im Zuge der demografischen Entwicklung verändert sich die Gesellschaftsstruktur und führt zu neuen Formen des Zusammenlebens. Durch Wandlungsprozesse, die mit den Schlagworten Wertewandel, Urbanisierung, Individualisierung und wirtschaftlicher Aufschwung umschrieben werden können, haben sich tradierte Lebensentwürfe geändert, die wiederum unmittelbare Rückwirkungen auf erstens die Familienstruktur und zweitens die Haushaltszusammensetzung haben.

Patchworkfamilien, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Paare und Eltern oder unverheiratete Partnerschaften mit Nachwuchs treten stärker in Erscheinung und stellen neue Anforderungen an (Familien-)Politik und Gesellschaft. Generationenübergreifend werden diese neuartigen Familienstrukturen durch außerfamiliäre soziale Netzwerke, sogenannte Wahlfamilien, ergänzt. Diese erfahren eine gesteigerte Bedeutung und der Gedanke, dass auch Freunde Familie sein können, verankert sich zunehmend in unserer Gesellschaft.

Der demografische Wandel beeinflusst jedoch nicht nur das Familienbild, sondern führt auch zu Veränderungen innerhalb der Haushaltsgrößen. Die strukturellen Umwälzungen innerhalb der Bevölkerungszusammensetzung, die abnehmende Gesamtzahl an Familien und die Verschiebung der Familiengründung innerhalb der Lebenszeitachse nach hinten, führen beispielweise dazu, dass immer mehr Menschen alleine leben: zwei von fünf Haushalten sind mittlerweile Ein-Personen-Haushalte. Die Gesellschaft steht somit vor der Herausforderung, die Rahmenbedingungen für das Familienleben an die Veränderungen der familiären Strukturen anzupassen.

Wenn es um die Zukunft der Familie geht, spielt darüber hinaus das Geburtenverhalten eine entscheidende Rolle. Die geringere Anzahl von Kindern, ein deutlich erhöhtes Alter der Eltern bei der Geburt des ersten Kindes sowie die statistisch bewiesene Kinderlosigkeit von Akademikern bilden zentrale und in den letzten Jahren auch in der Öffentlichkeit umfassend diskutierte Themen.

Doch wieso bekommen die Deutschen immer weniger Kinder? Repräsentativbefragungen der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen belegen, dass Deutschland im internationalen Vergleich in punkto Kinderfreundlichkeit schlecht abschneidet. Während rund 90 Prozent der Dänen ihr Heimatland als kinderfreundlich einstufen, kann dieser Aussage nur etwa jeder siebte Bundesbürger zustimmen – im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit den letzten Rang. Neben dieser generell niedrigen Kinderfreundlichkeit, nennt die Mehrheit der Bürger drei wesentliche Gründe als ausschlaggebend für die geringe Anzahl von Familiengründungen: finanziellen Kosten, Freiheitsverlust sowie Karriereknick.

Man könnte aber auch sagen, dass viele Deutsche schlichtweg Angst vor der Familiengründung haben. Es ist die Angst vor den Kosten, die Angst vor einer möglichen Scheidung und die Angst vor den unsicheren Zukunftsperspektiven für den eigenen Nachwuchs. Es ist aber auch die Angst, die eigene Autonomie zu verlieren, sich die eigenen Karrierechancen zu verbauen oder den falschen Zeitpunkt zu wählen. Zusätzlich zu diesen Ängsten werden die fehlenden staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzung für eine Familiengründung bemängelt: Die Argumente reichen dabei von fehlenden Kindergartenplätzen über familienunfreundliche Städte bis hin zum niedrigen gesellschaftlichen Stellenwert von Familien.

Aus Sichtweise der Bevölkerung sollten für eine Erhöhung der Geburtenrate vor allem der Staat und die Wirtschaft in die Pflicht genommen werden. Hierbei wollen die Bürger Unternehmen nicht zu einer Frauenquoten verpflichten oder zu mehr Familienangeboten überreden. Im Gegenteil: sie würden es begrüßen, wenn Firmen, die sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen, eine staatliche Förderung erhielten, z.B. in Form von steuerlichen Vorteilen.

Die Forderungen an den Staat konzentrieren sich in erster Linie auf finanzielle Bereiche. So wünscht sich die Mehrheit der Deutschen mehr kostenfreie Betreuungsangebote für Babys und Kleinkinder. Fast ebenso viel Zustimmung erhält der Vorschlag einer zusätzlichen staatlichen Förderung von Familien. Diese Förderungen reichen von Maßnahmen monetärer Art (Steuerentlastungen) über zeitliche Vorteile (mehr Urlaubsanspruch) bis hin zu vergünstigten Eintritten in Schwimmbäder, Museen, oder Theater.

Beruf und Karriere in Deutschland vereinbaren zu können, muss genderunabhängig möglich sein und wird nahezu von der gesamten Bevölkerung gewünscht – auch wenn Frauen dies etwas stärker fordern als Männer. Dennoch sieht die Gesamtheit der Berufstätigen insbesondere Männer in der Pflicht und fordert Väter auf, mehr für die eigene Work-Family-Balance zu tun. Dagegen findet die Aussage, dass Frauen sich zwischen Beruf und Familie entscheiden müssten, kaum noch Zustimmung: lediglich jeder fünfte berufstätige Mann und nur jede zehnte berufstätige Frau befürwortet dieses. Bei einem sind sich die Berufstätigen sehr einig: Nicht der eine oder der andere soll sich um den Nachwuchs kümmern, sondern beide Elternteile.

Dieser Wunsch nach dem gemeinschaftlichen Sorgen um den Nachwuchs spiegelt die fast schon religiöse Bedeutung der Familie wieder. Für 73 Prozent der Deutschen ist die Familie heilig – acht Mal häufiger als die Kirche. Die informellen, verlässlichen Beziehungen überstehen alle Krisen und sind für die Mehrheit der Bundesbürger unantastbar sowie unverzichtbar.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die „heilige Familie“ bleibt der Ankerpunkt im Leben – und dies mit steigender Tendenz. Gerade in unsicheren Zeiten zwischen Euro- und Finanzkrise erfährt die Familie – egal in welcher Ausprägung – eine besondere Bedeutung. Die Renaissance der Familie steht also unmittelbar bevor, gibt sie den Menschen doch das was sie suchen: Halt und Sicherheit sowie Sinn und Liebe.

Prof. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen

11.12.2013 | 09:22

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