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Draghis Spiel mit dem Feuer

Die EZB will die eigene Währung abwerten und schwächt den Euro. Das ist brandgefährlich. Denn so droht ein Währungskrieg – und die labilen Märkte werden in den Crash getrieben.

Seit Mai macht die Europäische Zentralbank ihre eigene Währung madig. Bei einer Pressekonferenz in Brüssel gab EZB-Präsident Mario Draghi den Auftakt, er halte den Euro für überbewertet. Der Wechselkurs sei "eine ernste Sorge", derer man sich annehmen müsse. Den ganzen Sommer über folgten die EZB-Mächtigen ihrem Chef in einer Serie von Schlechtrede-Kommentaren  und sprachen über den Euro plötzlich wie über ein fettleibiges Kind, dass jetzt einmal abnehmen müsse.

Die konzertierte Aktion zeigte an den Märkten Wirkung: Woche um Woche ist seither der Wert des Euros gefallen.

Eigentlich ist eine seriöse Notenbank dazu da, die eigene Währung zu festigen, ihre Stabilität und Stärke zu verteidigen. Die EZB aber tut das glatte Gegenteil. Sie verhält sich seit Monaten wie ein dubioser Ramschverkäufer - als sei der Euro Wühltischware. Draghi verfolgt zwei Ziele mit dieser Dumpingstrategie. Zum einen will er der schwachen Wirtschaft in Südeuropa bei den Exporten helfen. Ein schwacher Euro macht Europas Produkte auf den Weltmärkten schlagartig wettbewerbsfähiger. Zum anderen hofft er durch die gezielte Abwertung, die Gefahr einer angeblich drohenden Deflation zu dämmen. Die Importpreise würden steigen und das Preisniveau in Europa hebe sich damit automatisch. Die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar habe also „einen positiven Effekt auf die Inflationsrate, die ja derzeit deutlich unter dem ist, was unsere Zielsetzung ist“, heißt es aus der EZB.

Was auf den ersten Blick clever klingt, ist in Wahrheit eine ziemlich riskante Strategie. Denn den eigenen Abwertungsvorteil empfinden alle anderen in der Welt  als unfaire Manipulation - und werden sich wehren. Schon jetzt sind die Amerikaner über das plumpe Euro-Dumping schwer verärgert und erwägen „Gegenmaßnahmen“. Der Internationale Währungsfonds warnt daher offen vor einem  „Abwertungswettlauf“. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft und ihr Direktor Michael Hüther mahnen: „Wir sind einem Währungskrieg durch bewusst herbeigeführte Abwertungen sehr nahe. Was jetzt beim Euro passiert, haben wir zuvor beim japanischen Yen erlebt. Besser geht es der japanischen Volkswirtschaft deshalb aber nicht.“

Die EZB betreibt Konjunkturpolitik

Hüther hat Recht. Abwertungen lösen keine strukturellen Probleme sondern wälzen die inneren Probleme der Eurozone kurzfristig und unfair auf andere Staaten ab. Vor allem aber schädigt ein Abwertungswettlauf am Ende alle, ganz besonders aber Deutschland und seine exportorientierte Industrie. Länder, die sich unfair behandelt fühlen, werden mit Handelssanktionen reagieren - vom Währungskrieg zum Handelskrieg ist es nur ein kleiner Schritt. Deutschland gerät als Land mit dem größten außenwirtschaftlichen Überschuss weltweit damit in die internationale Schusslinie.

Doch Draghis Dumpingpolitik birgt noch ein zweites, akutes Risiko. Denn viele Markteilnehmer wollen das EZB-Spiel mit dem Feuer vorwegnehmen, und lösen so eine Kettenreaktion aus. Globale Investoren ziehen schlagartig billiges Geld aus Europa ab und legen es zu höheren Zinsen und mit Aussicht auf Aufwertungsgewinne in den USA oder anderswo an. Italien zum Beispiel meldet derzeit massive Kapitalabflüsse. Diese Kapitalströme verstärken die Abwertung des Euro und verunsichern die Finanzmärkte. Die EZB ist also dabei, statt die Kapitalmärkte zu stabilisieren, das Risiko eines umfassenden Crashs unnötigerweise zu vergrößern.

Fazit: Die EZB betreibt mit ihrer Geldmengeneskalation und den Dumpingzinsen seit einiger Zeit gezielte Konjunkturpolitik und riskiert schon damit Blasenbildungen an den Märkten. Indem sie nun auch noch die Währung weich manipuliert, wird das Spiel mit dem Feuer ziemlich heiß. Sie verfolgt das Gegenteil von Stabilitätspolitik. Was die Regierungen Europas an Strukturreformen nicht hinbekommen, nämlich endlich die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, das will Draghi durch seine Spekulations-Spielchen erzwingen – ein riskantes Unterfangen.

Dieser Kommentar ist Teil der Kolumne "What's right?", die Wolfram Weimer wöchentlich für das Handelsblatt schreibt.

17.10.2014 | 09:26

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