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Ein weißer, neuer, innovativer E-Golf steht symbolisch für die Hoffnung bei VW.

Der Hoffnungsträger aus Dresden darf nicht floppen: E-Golf (Bild: Volkswagen)

Börsenexperte Reinhard Schlieker macht sich Gedanken zu VW Volkswagen.

Reinhard Schlieker (Bild: ZDF)

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Volkswagen: Zu wenig, zu spät?

VW spricht von einer „Radikalkur“, und was der Vorstand nun bestätigte, mag für den Wolfsburger Konzern tatsächlich wie eine unerhörte Kraftanstrengung wirken: Diese Kürzungen, Sparmaßnahmen, Umbauten sind aber nur das, was andere längst hinter sich haben – oder gar nicht brauchten, weil sie ohnehin stetig mit der Zeit gingen.

Von Reinhard Schlieker

Weltweit 30.000 Arbeitskräfte weniger, fast achtzig Prozent dieses Rückbaus in Deutschland – das ist sicher eine Zahl, die wenig erfreulich herüberkommt. Auch angesichts der enormen Zahl von 624.00 Mitarbeitern weltweit ist das kein Pappenstiel: Dabei soll das Programm doch „Zukunftspakt“ heißen. Immerhin werden auch 9.000 Stellen neu geschaffen. Das alles über normale Fluktuation und Teilzeit, der Deckel der Konsenswelt bleibt drauf, zumindest im Stammwerk, in Wolfsburg.

Die Aufteilung der Opfer lässt aber noch einen weiteren Schluß zu: Die Auslandswerke von Volkswagen arbeiten bereits wesentlich effizienter als die Heimatbasis – weitere Personaleinsparungen dort würden weniger entlastend als vielmehr einschränkend wirken. Dass es zudem Monate dauerte, diese Eckzahlen für die Zeit bis 2025 festzulegen, ist erneutes Indiz dafür, wie mächtig die IG Metall in Wolfsburg mitregiert, wie verbissen das Land Niedersachsen seine Standortpolitik betreibt, und wie wenig kämpferisch die Familieneigentümer des Konzerns auftreten mögen. Dass das Management angesichts dieser Phalanx nicht mit rational betriebswirtschaftlichen Erwägungen hervortritt, kann man fast schon verstehen.

Zukunftsplan – oder Plan ohne Zukunft?

Ironischerweise hat der fortdauernde Abgasskandal (VW-Sprech: „Dieselthematik“) vermutlich geholfen, das Abkommen unter Dach und Fach zu bringen. Denn der Druck ist immens. Was man mit den Abermilliarden an bereits verhängten Strafen, Vergleichszahlungen und noch zu erwartenden Entschädigung alles an Innovation hätte finanzieren können, treibt nicht nur den VW-Aktionären die Tränen in die Augen. Büßen müssen das auch die Schwächsten im Aufbau des Konzerns: Zeitarbeiter und Aushilfen. Der Betriebsrat hat sich (nicht nur) da durchgesetzt. Das Unternehmen wird sich etwas einfallen lassen müssen, um die damit wegfallende Flexibilität andernorts zu schaffen.

Zudem erfordert das Umkrempeln des Konzerns einiges an Phantasie. Die Stichworte Elektromobilität, Dienstleistungen rund um Verkehr und Transport, Automatisierung und dergleichen mehr müssen erst noch im Alltagsgeschäft verankert werden. Obendrein will VW noch seine beklagenswerte Rendite aufbessern – derzeit verdient Wolfsburg pro 100 Euro Umsatz gerade einmal 1,60 Euro – vor Steuern und Zinsen, wohlgemerkt. Da erscheint einem Anleger der Lebensmittel-Einzelhandel fast schon wie eine Cash Cow.

Der Konsensdeckel bleibt drauf

Wie VW-Markenvorstand Herbert Diess erklärte, will sich der Konzern gegen den „Zukunftssturm“ wappnen – dabei handelt es sich in Wirklichkeit um einen Gegenwartstornado, denn es wirbelt schon beträchtlich in der Branche. Alteingesessene Wettbewerber wie Toyota kann man einschätzen, neue wie Tesla sind noch ein wenig vor den Toren, aber die Autohersteller in China, hierzulande weitgehend unbekannt, können jederzeit über das eingefahrene deutsche Autowesen hereinbrechen. Da helfen Pläne bis 2025 wenig, auch wenn milliardenteure Investitionen den Sparpakt begleiten. Es mag sich am Ende als zu wenig, zu spät herausstellen.

Bei VW fehlt außerdem das Korrektiv unabhängiger Aktionäre: Angesichts der Machtverhältnisse, einbetoniert durch das VW-Gesetz mit seiner Stimmrechtsbegrenzung, kommen externe Ideen kaum durch. Hin und wieder begehrt ein Großaktionär auf, sei es der Investor Blackrock, seien es deutsche Fondsgesellschaften – all das wird dann freundlich abgeheftet, und der Trott geht weiter. Darunter fällt dann auch am Ende der „Zukunftspakt“: Überkommene Strukturen werden nicht angetastet, fast allen wohl und kaum einem wehe, wird die Gewerkschaft auf ihrer Habenseite verbuchen können. Sollte tatsächlich so etwas kommen wie der genannte Zukunftssturm, ahnt man leider, wen es umpusten wird.

24.11.2016 | 18:17

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