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Wieder fünf vor zwölf

Klimawandel: Der Weltklimarat schlägt erneut Alarm. Doch geändert haben sich nicht die Daten, sondern die Prognosen.

Wie ist denn die Sache mit dem rechtwinkligen Dreieck in Mathe ausgegangen?“, fragt der Vater den Sohn. „Ja, also der Konsens sieht so aus, dass die Summe der Quadrate über den Katheten genauso groß ist wie das Quadrat über der Hypotenuse“, gibt der Sprössling zurück. Die Antwort suggeriert: „Genau weiß es niemand, aber die Abstimmung hat eine Mehrheit für die Ansicht von Pythagoras ergeben.“ Das erscheint amüsant, denn der Satz gilt als bewiesen. In der Klimadebatte heißt der Konsens: „Alle vernünftigen Menschen erkennen die Wahrheit der menschengemachten Klimaerwärmung an. Wer es nicht tut, ist entweder verblendet oder bezahlt von Lobbyisten.“ Das suggeriert, die Behauptung sei bewiesen.

Das Ohmsche Gesetz funktioniert im Alltag, wir behandeln es als faktisch bewiesen. Aber das Klima, ein nichtlineares chaotisches System? Hier wird die Hörigkeit gegenüber der Allmacht der Computermodelle offenbar, die überall dort herrscht, wo ein System nicht im Labor untersucht werden kann. Bei Klimamodellen geht es um Größen, die als Ergebnis unzähliger Mitteilungen und Näherungen unter vereinfachenden Annahmen zustande kommen. Rückkoppelungseffekte sind häufig kaum verstanden, und manche Phänomene, die das Geschehen beeinflussen könnten (wie das Zusammenspiel von Sonnenaktivität und kosmischer Strahlung bei der Wolkenbildung), bleiben unberücksichtigt.

Die Rolle der Ozeane ist unerforscht

Der Weltklimarat IPCC hält große Stücke auf die Computermodelle, die ja schließlich auf bekannter Physik beruhen. Doch die globalen Temperaturphänomene werden vor allem durch die thermischen Prozesse in den Ozeanen bestimmt – und die sind prognosefeindlich, weil kaum verstanden. Klimamodelle mühen sich mit einem nichtlinearen System ab: Eine leichte Änderung einer Variablen kann zu einer exponentiellen Änderung einer anderen führen. Eine im Labor lineare Größe, kann sich in Kontakt zur Umgebung unvorhersagbar verhalten, Fehler multiplizieren sich. Die amerikanischen Wissenschaftler Orrin Pilkey und Linda Pilkey-Jarvis zeigten jüngst, dass die Entwicklung solcher Systeme höchstwahrscheinlich nie befriedigend vorhergesagt werden kann.

Dennoch hat das IPCC seine Klimastudie erneuert – und alles andere als ein neuerlicher Druck auf die Alarmanlage wäre eine faustdicke Überraschung gewesen. Et voilà: Man ist sich sogar noch sicherer (95 %) als zuvor, dass der Mensch der Übeltäter ist. Dabei haben sich keineswegs Messwerte bedrohlich verändert, sondern die Vorhersagen wurden angepasst. Kein Wunder, denn nicht nur die Prognosen zum Anstieg von Hurrikanhäufigkeit und Meeresspiegel lagen daneben. Dafür trat Unvorhergesehenes ein: Seit 15 Jahren gibt es keine Erderwärmung mehr, obwohl die Staaten weiter fleißig CO2 produzieren.

Rätselhafterweise ist man sich dennoch sicher, dass man sich sicherer sein kann. Dazu bedient man sich offensichtlich der Flexibilität der Computermodelle. Was nicht passt, lässt sich passend machen, was nicht erklärt werden kann, wird in unerforschten Ecken der Physik endgelagert (wo bleibt die für die vergangenen 15 Jahre vorhergesagte Erwärmung? In den Ozeanen, deren Wärmeaustauschmechanismen bequemerweise unerforscht sind).

Inzwischen rätseln Kritiker, wie man es geschafft hat, Messpunkte, die noch im vorletzten Bericht außerhalb der Vorhersagen der Theorien lagen, in den neuen Graphen so darzustellen, als wären sie im Einklang mit den Modellen. Skalen wurden verändert, unzählige Linien eingeführt, bis alles im Spaghetti-Nebel verschwindet.

Die Theorie wird angepasst

Doch das alles ist längst irrelevant. Hitze, Kälte, Feuchte, Dürre, mehr Stürme, weniger Stürme – alles ist ein Beweis für den Klimawandel: Wo sich eine Theorie jeder Beobachtung anpassen kann, ist sie so aussagekräftig wie der Verweis auf Gottes Ratschluss. Der Klimakonsens ist unwiderlegbar geworden, so wie der Urknall der Kosmologie unwiderlegbar geworden ist, weil nach gleichem Muster unbequeme Beobachtungen durch numerische Kunststücke und die Einführung von unverstandenen physikalischen Phänomenen wie der dunklen Energie passend gemacht werden. Anders als in der Kosmologie geht es aber bei der Interpretation der Klimadaten um die Wurst: die Art, wie wir künftig leben. Die Politik verlangt eine CO2-gerechte Umgestaltung der Gesellschaft mit drastischen Einschnitten in Freiheit und Mitbestimmung sowie die Einführung einer CO2-Planwirtschaft, wie sie auf dem Energiesektor schon weit gediehen ist.

Doch seit die Erde ein Klima hat, wandelt es sich. Der Geologe Don Easterbrook verweist auf mindestens drei CO2-unabhängige Warm-/Kaltzeitenwechsel in den letzten 15 000 Jahren mit 20-mal so starken Schwankungen wie gegenwärtig sowie weitere 15 Perioden mit fünffacher Schwankungsbreite. Zahlreiche Forscher belegen, dass Erwärmungsphasen für die belebte Natur wesentlich positivere Folgen hatten als Abkühlungsphasen.

Wäre es nicht klug, Geld und Kreativität pragmatisch an tatsächlich messbare Veränderungen zu koppeln und dazu zu nutzen, positive Folgen der Erwärmung zu unterstützen und negative zu begrenzen? Statt auf Freiheit und Kreativität zu vertrauen, prognostizieren wir wie die Auguren Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Konsens lautete, dass bei gleichbleibender Verkehrsentwicklung etwa ab 1910 die New Yorker hüfthoch im Pferdemist waten müssten. Die New Yorker wateten aber nicht, sie nutzten den Verbrennungsmotor.

Auch was das Klima betrifft, gehen wir unbelehrbar vom technologischen Stillstand aus, falls Entwicklung nicht planwirtschaftlich verordnet wird wie in der Elektromobilität. In den Jahrhundert-Zeiträumen der zweifelhaften Klimavorhersagen wird nach den Erfahrungen der Vergangenheit die Technologie unsere Lebensverhältnisse bis zur Unkenntlichkeit verändern – warum also nicht auch mit Klimaverschiebungen fertig werden?

Ross Hoffman, Chefwissenschaftler beim Forschungsunternehmen Atmospheric and Environmental Research, hält ein globales Wetterkontrollsystem nur noch für eine Frage der Zeit. In deutschen Ohren klingt dies nach lächerlichem Zukunftsoptimismus. Die Vorstellung, dass wir durch einen planwirtschaftlichen Thermostaten die Erwärmung des chaotischen Systems Erdatmosphäre auf zwei Grad einregeln könnten, erscheint dagegen offenbar hier niemandem so lächerlich, wie sie ohne Zweifel ist.

Dr. Hans-Dieter Radecke

04.11.2013 | 11:09

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