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Warum die VW-Aktie so wichtig bleibt

Erst vor kurzem überraschte Volkswagen mit starken Zahlen. Umsatz, Absatz und operatives Ergebnis stiegen 2017 auf ein neues Rekordhoch. Nun sorgen Neuigkeiten mit Blick auf die Konzernstruktur für Aufsehen. Die LKW-Sparte soll zügig an die Börse gebracht werden. Es könnte der Anfang einer großangelegten Neustrukturierung sein.

Von Oliver Götz

Abgas-Skandal, Diesel-Fahrverbote, Glaubwürdigkeitskrise. Alles da, alles bedrohliche Realität. Vor allem in Deutschland. Global betrachtet, braucht das Volkswagen jedoch allem Anschein nach kaum mehr zu kümmern. Wenn es das überhaupt jemals hat. Die Zahlen nämlich, die Volkswagen jüngst für das abgelaufene Jahr 2017 vorlegte, waren beeindruckender Natur.

In vielerlei Hinsicht legten die Niedersachsen das beste Jahr ihrer Konzerngeschichte hin. So stieg der Umsatz insgesamt um sechs Prozent auf 230 Milliarden Euro, der operative Gewinn legte gar um knapp 100 Prozent auf 13,8 Milliarden Euro zu. Auch der Gewinn nach Steuern lag beinahe doppelt so hoch, wie noch im vergangenen Jahr. Hier half aber auch eine Gutschrift in Höhe von zirka einer Milliarde Euro im Zuge der US-Steuerreform mit. Den Absatz wiederum steigerte man auch ohne „trumpsche Hilfe“ aus den USA auf 10,7 Millionen Fahrzeuge, bleibt damit der größte Automobilhersteller der Welt. Allein im vierten Quartal 2017 konnte VW drei Millionen PKW und LKW verkaufen, vor allem bei Skoda, Porsche, MAN und Scania lief das Geschäft hervorragend.

Damit kletterten alles in allem sowohl Umsatz als auch operativer Gewinn und Absatz auf ein neues Rekordniveau und damit auch über das aus dem Jahr 2014, dem letzten in dem VW noch keine Abschreibungen im Zuge der Abgasaffäre tätigen musste. Die belaufen sich inzwischen auf zirka 25 Milliarden Euro. 2018, so das Ziel, sollen seit langem endlich mal keine neuen Belastungen mehr dazukommen.

Mit den Brummis startet eine neue Struktur

Einer Abspaltung der LKW- und Bussparte und damit zu einem ersten Schritt in Sachen Konzern-Neustrukturierung. „Dass wir uns auch mit Fragen, wie die Governance und die langfristige Zukunft unserer Gesellschaftsstruktur und die Struktur unseres Unternehmens betreffend befassen, das ist klar“, erklärte jüngst CEO Matthias Müller. Reuters TV sagte er: „Das ist eine Überlegung, mit der wir uns permanent zu beschäftigen haben. Da geht es nicht nur um Truck & Bus, sondern um die Schlagkraft des VW-Konzerns insgesamt.“

Nun wäre natürlich allein schon der Börsengang der LKW-Sparte eine im wahrsten Sinne des Wortes milliardenschwere Hausnummer und nach „Siemens Healthineers“ wohl der zweitgrößte deutsche IPO seit Langem. Doch Investoren dürfte vor allem die Aussicht  auf eine Holding-Struktur á la Siemens Freude bereiten. So wird auch die Idee spezieller Markenwelten wieder präsent. VW hat vor längerem durchaus schon einmal darüber nachgedacht, seine Premium-Marken zusammen zu führen oder all jene Marken, die über das selbe Baukastensystem verfügen.

Eine Holding-Struktur würde den Großkonzern Volkswagen für Investoren wohl deutlich transparenter machen, zudem wahrscheinlich auch den Börsenwert steigen lassen. Weiterhin sind die deutschen Autohersteller im Allgemeinen dazu gezwungen, sich schlankere Strukturen zu verpassen, um letztlich anpassungsfähiger zu werden. Digitalisierung, Elektrifizierung, Automatisierung. Die Branche steht bereits im Jetzt vor großen Herausforderungen. Um hier international Schritt halten zu können, scheinen kleinere und reaktionsschnellere Unternehmenseinheiten besser geeignet als schwerfällige Großkonzerne.

Analysten sehen Potential für die Aktie

Spekulationen um eine Neustrukturierung können einen Aktienkurs durchaus antreiben. Und Volkswagen hat trotz der starken Rally im zweiten Halbjahr 2017 gemessen an dem Rekordhoch von vor dem Dieselskandal bei zirka 253 Euro, noch viel Luft nach oben. Derzeit steht der Kurs bei 155,20 Euro, ist damit auch von seinem Zwischenhoch aus dem Januar bei 187,26 Euro wieder ein ganzes Stück weit entfernt. Grund waren nicht zuletzt Sorgen, die USA könnte nach Strafzöllen auf Aluminium- und Stahlimporte demnächst auch die europäische Automobilindustrie in ähnlicher Art und Weise angreifen. Macht Volkswagen in Sachen Umsatz, Absatz und Gewinn weiter Tempo wie bisher und in Sachen Konzernumbau ernst, wäre das VW-Papier derzeit wohl ein günstiger Fang. Das KGV der Aktie liegt gerade mal bei 6,2. Und viele Analysten sind positiv gestimmt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich VW 2018 und 2019 besser entwickle als der Branchen-Rest, sei groß, glaubt so beispielsweise der Kepler-Cheuvreux-Experte Michael Raab. Analyst Frank Schwope von der NordLB schrieb: Die Kunden scheinen den Wolfsburgen mit Blick auf die Zahlen ihre Abgas-Trickserei weitgehend verziehen zu haben. Auch im Januar wären die Verkaufszahlen schon wieder beeindruckend gewesen. So dürften Umsatz und operatives Ergebnis im laufenden Jahr neue Rekorde erzielen. Sein Kursziel beließ er bei 189 Euro.

Warnende Stimmen mit Blick auf die gesamte europäische Autoindustrie kamen dagegen von Morgan Stanley-Analyst Harald Hendrikse. Dass die Hersteller an der Börse günstig bewertet schienen, sei nur eine oberflächliche Betrachtung, so der Experte. Hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung würden bei allen steigen, womit wiederum freie Barmittelzuflüsse und Kapitalrenditen fielen. Auch die drohenden Dieselfahrverbote in Städten bereiteten ihm Sorge.

Und während Überlegungen zu einer Holding-Struktur bislang ohnehin nichts als reine Spekulation sind, ist selbst die Abspaltung der LKW-Sparte noch lange nicht beschlossene Sache. Zunächst einmal müssen noch Betriebsrat und Arbeitnehmervertreter überzeugt werden, genauso übrigens wie die Familien Piech und Porsche, die sich bislang gegen Abspaltungen dieser Art sträubten. Hinzu kommt die Konjunkturanfälligkeit der Branche. Ein Börsengang scheint 2019 nur dann möglich, wenn die Weltwirtschaft weiter brummt, könnte das Einsammeln von Investorengeldern sonst schließlich zur Hängepartie werden. Sicher bleibt bei all der Unsicherheit nur eines: Kaum ein Aktienkurs dürfte 2018 so interessant zu beobachten sein, wie der von Volkswagen.

09.03.2018 | 11:55

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