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Scheinbar ein Paradoxon, doch für Börsianer logisch: Zerstörungen weniger schlimm als befürchtet, Aktien steigen. (Bild: Twitter)

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Rückversicherer: Erleichterungsrallye nach „Irma“

Hurrikan „Irma“ hat auf vielen karibischen Inseln und an der Küste Floridas Spuren der Verwüstung hinterlassen. An der Börse sorgte der Wirbelsturm zeitgleich für Kursgewinne bei Aktien von Rückversicherern wie Münchner Rück, Hannover Rück oder Swiss Re. Auf der einen Seite verlieren Menschen ihr Dach über dem Kopf, auf der anderen sehen die Rückversicherer darin die große Chance auf endlich wieder stabilere Preise ihrer Produkte. Anleger dürfte es freuen.

Plus 4,5 Prozent. Plus 5,7 Prozent. Plus 4,6 Prozent. Das waren die Werte die am 11. September neben Münchner Rück, Hannover Rück und Swiss Re jeweils in der Spitze auf der Anzeigetafel standen. Hohe Kursgewinne ausgerechnet am Tag nachdem der in seiner Zerstörungswut stärkste Hurrikan seit Langem den US-Bundesstaat Florida getroffen und gewaltige Schäden angerichtet hatte. Wie passt das zusammen?

Hauptgrund war wohl tatsächlich Erleichterung. Erleichterung darüber, dass der Wirbelsturm am Ende zwar fürchterlich war, aber dann doch vor allem in Florida nicht so fürchterlich wie erwartet. „Der Wirbelsturm Irma hat sich entlang der Westküste abgeschwächt und die Schätzungen für die Schäden sind entsprechend zurückgegangen.“, äußerte sich ein Börsenkenner. Da sind sie in Milliardenhöhe freilich trotzdem. Das Management der Münchner Rück sieht sich allerdings gut aufgestellt. Man könne auf eine solide Kapitalbasis blicken, die ausreiche um die gesamte Rückversicherungskapazität bereitzustellen, hieß es seitens des Konzerns.

Ein weiterer und keineswegs zu vernachlässigender Grund aber ist auch, dass sich die Schäden wohl genau in einem solchen Rahmen bewegen, in dem sie einerseits die Bilanzen der Rückversicherer nicht ernsthaft in Gefahr bringen und andererseits in ihrer Summe doch so hoch sein werden, dass die Branche nun höhere Preise durchsetzen und Wettbewerber wie beispielsweise Hedgefonds aus dem Markt drängen kann. Auch viele Erstversicherer könnten Munich Re und Co. nun wieder verstärkt als ihre Rückversicherer nutzen. Zuletzt hatten diese viele Risiken auf sich selbst genommen. Torsten Jeworrek, Vorstandschef der Münchner Rück, rechnet durch die Wirbelsturmschäden mit einem Anstieg der Nachfrage nach Ersatzdeckungen. Auch die Preise für Katastrophen-Deckungen sollten in den betroffenen Regionen anziehen.  Neben dem für Versicherungsunternehmen ohnehin schwierigen Niedrigzinsumfeld waren die Preise für Absicherungen der Erstversicherer zuletzt stark unter Druck geraten.

Nach dem Orkan: Munich Re als DAX-Primus!

 

Am Mittwochabend dann, nachdem das Ausmaß der Schäden schon klarer geworden war, teilten die Bayern aber doch mit, dass trotz der bislang guten Geschäftsentwicklung die Gewinnprognose in Höhe von zwei bis 2,4 Milliarden Euro verfehlt werden könnte. Im derzeit laufenden dritten Quartal müsse wohl von einem Fehlbetrag ausgegangen werden. Allerdings hängt der am Ende des Jahres ausgewiesene Gewinn auch davon ab, wie viele Schadenreserven der letzten Jahre die Münchner im Zuge der diesjährigen Wirbelsturmsaison auflösen. Durch solche Auflösungen könne die Münchner Rück dank sehr guter Rücklagen beinahe „jedes Ergebnis“ darstellen, sagte Konzernchef Jeworrek. Für Aktionäre besonders relevant: An der Dividende soll nicht gerüttelt werden. Die gilt für viele nach wie vor als ein entscheidender Kaufgrund für die Aktie des Konzerns. Mit einer Dividendenrendite in Höhe von 4,5 Prozent ist die Münchner Rück klarer Dax-Spitzenreiter.

Auch Hannover Rück-CEO Ulrich Wallin ist optimistisch. Bisher deutet nichts darauf hin, dass die Schäden das konzerneigene Großschaden-Budget in Höhe von 825 Millionen Euro übersteigen. „Wir erwarten, dass unsere Gewinnprognose von mehr als einer Milliarde Euro weiterhin gilt.“ Seitens der Analysten gab es die zu erwartenden Reaktionen. Einige widerriefen ihre Kaufempfehlung und stuften sowohl die Aktie der Münchner Rück als auch die Papiere der Hannover Rück auf „Halten“ zurück. Damit einhergehend sanken die Kursziele. So sieht beispielsweise Vikram Gandhi von der französischen Großbank Société Générale die Aktie der Munich Re nur noch bei 180 Euro und nicht mehr wie zuvor bei 205 Euro. Auch DZ-Bank Analyst Thorsten Wenzel stufte das Papier mit „Halten“ ein. Kursziel: 180 Euro. Es sei davon auszugehen, dass der Konzern sein bisheriges Ziel in Bezug auf den Jahresüberschuss wohl tatsächlich aufgeben müsse, sobald es mehr Klarheit über die Kosten der Schäden gibt, die sowohl Wirbelsturm „Harvey“ als nun auch „Irma“ hinterlassen hätten.

Guilhem Horvath, Analyst bei BNP Paribas sieht die „Irma“-Auswirkungen auf die Versicherungskonzerne als vermutlich weniger schlimm an als zunächst gedacht. Im Kurs der Hannover Rück-Aktie dürfte das denkbar schlimmste Szenario der Hurrikan-Saison bereits enthalten sein. Die Aktie könnte daher sogar positiv auf nun möglicherweise geringere Verluste reagieren. Munich Re und auch Swiss Re könnten seiner Meinung nach dagegen bei einem ungünstigen Schadensszenario unter Druck geraten. Wohl aufgrund der eher vorsichtigen Analysten-Einschätzungen bewegen sich die Aktien der drei Rückversicherer aus Deutschland und der Schweiz seit ihrem Senkrechtstart in die Woche seitwärts. Eine Aktie der Munich Re ist derzeit 176,20 Euro wert, der Kurs der Schweizer Swiss Re steht bei 86,95 Franken und den Anteilsschein der Hannover Rück gibt es derzeit für 102,30 Euro.

Fazit

Was bis Ende des Jahres nach oben hin noch möglich ist, muss sich zeigen. Angesichts der durch die Wirbelsturmsaison durchaus unsicheren Gewinnprognosen scheint eine ausufernde Rallye allerdings nicht besonders wahrscheinlich. Langfristig dagegen sehen die meisten Analysten weiter Potenzial. In den von „Irma“ verwüsteten Regionen beginnt nun das große Aufräumen. Dass es vor allem hier wieder aufwärts geht, erscheint zunächst viel wichtiger. OG

15.09.2017 | 22:54

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