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Die fetten Jahre des Netflix-Aktienkurses sind vorbei (Foto: Shutterstock).

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Haben Anleger die Netflix-Aktie zu Unrecht abgestraft?

Die hohen Kursverluste der Netflix-Aktie der vergangenen Monate wirken auf einmal wieder fehl am Platz. Zwar belastet weiter der Konkurrenzdruck, die Wachstumsstory jedoch scheint intakt.

Das erste Halbjahr war aus Sicht des US-Streaming-Anbieters kein gutes. Mit Blick auf die eigene Performance nicht. Und schon gar nicht in Sachen Aktienkurs. Zwar stehen die Netflix-Titel – den Jahresbeginn als Ausgangspunkt – mit gut zwei Prozent im Plus. Der Nasdaq 100 jedoch ist im selben Zeitraum um fast 25 Prozent ­gestiegen. Auf Jahressicht ergibt sich für das Netflix-Papier darüber ­hinaus ein recht deutliches Minus von fast 20 Prozent. Zudem tauchte der Kurs der Streaming-Aktie in den vergangenen dreieinhalb Monaten regelrecht ab. Von 381 auf 273 Dollar – ein Minus von knapp 30 Prozent. Das Rekordhoch bei 411 Dollar aus dem Juni 2018 liegt nun schon mehr als ein Jahr zurück und zudem in weiter Ferne.

Ein Mix aus verfehlten Erwartungen, vor allem in Sachen Nutzerwachstum, und dem sich anbahnenden Konkurrenzdruck durch neue, große Anbieter am Markt, wollte Anlegern gar nicht schmecken. Erfolgsverwöhnt nahmen viele ihre Gewinne mit. Die naheliegende Devise: Den Kampf der Anbieter, der für die Beteiligten zu hohen Investitionen und vergünstigten Lockangeboten führt, kann man sich schließlich auch aus sicherer Dis­tanz ansehen. Mit einer Netflix-Serie vielleicht. Lieber nicht mit einer Netflix-Aktie. Die fetten Jahre – in den vergangenen zehn legte der Netflix-Aktienkurs um wahnsinnige 3660 Prozent zu – schienen vorbei.

Aggressiver Start von Newcomern

Nun das überraschende Lebenszeichen. Zum goldrichtigen Zeitpunkt. Im November starteten sowohl Apple als auch Disney ihre Streaming-Angebote in den USA. Beide mit Kampfpreisen. Apple bietet sein Paket für gerade einmal fünf Dollar an. Wer ein neues Gerät der Kalifornier kauft, bekommt die Mitgliedschaft für ein Jahr gratis. Disney will 6,99 Dollar für das Monats-Abo und hat mit Verizon einen Deal ausgehandelt, der rund der Hälfte der Kunden des US-Telekommunikationskonzerns, sprich circa 50 Millionen Menschen, ein kostenloses Jahres-Abonnement beschert. Das nennt man dann wohl einen aggressiven Markteintritt. Es steht außer Frage, dass Net­flix damit einem gewaltigen Konkurrenzdruck ausgesetzt wird. Vor allem jetzt, zum Start der neuen Player. Und tatsächlich bekam der Streaming-Dienst die Auswirkungen schon zu spüren. Im dritten Quartal fanden nur 517 000 US-Kunden neu zu Netflix. Analysten hatten mit 800 000 gerechnet. Gut möglich, dass viele US-Amerikaner den Start von AppleTV+ und Co abwarten.

Doch das war es dann auch mit den negativen Nachrichten. In jeder Hinsicht positiv war nämlich der gegenüber dem Vorjahr um 65 Prozent auf 665 Millionen Dollar gestiegene Gewinn zu bewerten. Das wiederum führte zu einem Gewinn je Aktie von 1,47 Dollar. Analysten hatten mit 1,04 Dollar deutlich weniger erwartet. Ebenso konnte Netflix international hohe Nutzerzuwächse verzeichnen. Global abonnierten 6,26 Millionen Menschen den Video-on-Demand-Dienst neu. Auch das übertraf die Erwartungen (6,05 Millionen). Der Umsatz verfehlte diese zwar knapp (5,24 statt 5,25 Milliarden Dollar), dennoch lag er um 31 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Insgesamt sei das dritte Quartal des Streaming-Dienstes solide ausgefallen, schrieb JPMorgan-Analyst Douglas Anmuth. In der Folge sei für die letzten drei Monate des laufenden Jahres mehr Zuversicht angebracht. Mehr Zuversicht deshalb, da die eigene Prognose von Netflix konservativ ist. Der Gewinn soll im Schlussquartal nur noch 51 Cent je Aktie betragen. Hohe Produktions- und Marketingkosten sollen, dem Strea­ming-Dienst nach, das Ergebnis belasten. Doch das bleibt abzuwarten. Normalerweise ist das Weihnachtsquartal stark für Netflix. Vorstellbar, dass sich die Kalifornier, angesichts der schwer einzuschätzenden Durchschlagskraft von Apple und Disney, vor zu hohen Erwartungen schützen wollen. Die Analysten sind sich diesbezüglich erstaunlich einig. Auch Credit Suisse hält die Ziele des Streaming-Konzerns für ­einen vorsichtigen Ausblick. Die Schweizer beließen ihr Kursziel bei 440 Dollar, was bei dem derzeitigen Kurs einem Aufwärtspotenzial von rund 60 ­Prozent entspräche. Bei Goldman Sachs bleibt die Netflix-Aktie mit einem Kursziel von 400 Dollar auf der Conviction-Buy-List.

Neue Angebote – viel Lärm um nichts?

Losgelöst von der Zahlenpro­gnose zeigen sich die Verant­wortlichen um CEO Reed Hastings dann auch plötzlich ziemlich selbstbewusst. Im Brief an die Aktionäre hieß es: Die neuen Angebote würden viel Lärm um nichts machen, Netflix möglicherweise auf kurze Sicht belasten, doch alles in allem werde man weiter wachsen. Kein Wettbewerber habe eine vergleichbare Qualität und Vielfalt zu bieten.

Ähnlich optimistisch ist die Deutsche Bank. „Obwohl die Konkurrenz mit niedrigen Preisen versucht, in den Markt für Streaming-Dienste einzusteigen, kann Netflix mit der größeren Erfahrung aufwarten“, steht in einer Analyse des Geldhauses. „Film- und Serienfans werden außerdem nicht zu einem einzigen Anbieter ­strömen.“

Alles in allem zählte ­Net­flix zum Ende des dritten ­Quartals 158 Millionen bezahlte Mitglied­schaften. Das ist eine ganze Menge und Ausdruck einer gewissen Marktmacht. Apple, Disney und Co müssen erst mal ein Angebot schaffen, das dem von Netflix ernsthaft ­gewachsen ist. Neue Konkurren­ten machen es für Netflix ­sicher nicht leichter, ver­stecken braucht sich der Branchen­krösus jedoch mitnichten. Das könnte auch für Anleger gelten.  

Oliver Götz

06.12.2019 | 11:51

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