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Der gebürtige Italiener, EZB-Chef Mario Draghi, wird wegen seiner Effizienz „der Deutsche“ genannt.

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Mario Draghi ist ein weißer Revolutionär

Mario Draghi verwandelt die EZB in eine gigantische Gelddruckmaschine. Die Zinsen sinken auf null Prozent, und Europa wird mit Geld überschüttet. Der leise Italiener verändert damit den Kontinent stärker, als es links-laute Massenbewegungen je vermocht haben.

Es gibt Revolutionäre mit brennenden Fackeln, lauten Parolen und Barrikadengewalt. Das sind seit der russischen Revolution von 1917 die Roten. Es gibt aber auch Revolutionäre hinter Schreibtischen, mit leisen Dekreten und mächtigen Institutio­nen. Konservative Umstürzler. Die sind seltener, aber zuweilen erfolgreicher. Historiker nennen sie „weiße Revolutionäre“ – und Mario Draghi ist so einer.

Eigentlich zeichnet ihn alles aus, was Europas bürgerlich-konservative Herkunft an „weißen“ Elementen hergibt. Er kommt – 1947 in Rom geboren – aus einer katholischen Großbürgerfamilie Italiens. Sein Vater war ranghoher Beamter der Zentralbank in Rom, er wird gebildet und ausgebildet mit allem, was die klas­sische Tradition bietet. Er besucht die von Jesuiten geführte Eliteschule Istituto Massimo, 1551 gegründet und eine geistige Bastion der Oberschicht Italiens. So wird Draghis Schulkamerad der spätere Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo.

Vom Musterschüler zum Musterprofessor

Draghi ist seit seinem 16. Lebensjahr Vollwaise, er konzentriert sich strenger als andere auf Pflichten und Aufgaben des Lebens. Er wird Musterschüler, Musterstudent der Wirtschaftswissenschaft (erst in Rom an der Spienza-Universität, dann am renommierten MIT in Cambridge/Boston), Musterdoktorand (1976 in Boston) und schließlich Musterprofessor (erst in Florenz, dann in Harvard).

Doch Draghi erkennt früh, dass die wichtigsten Dinge des Lebens nur durch Grenzüberschreitungen zu erreichen sind. Und so überschreitet er die Grenzen der Akademie und arbeitet für die Bankenwelt, zunächst eher analytisch für die Weltbank, dann mehr operativ für Goldman Sachs. Schließlich politisch für die italienische Zentralbank, deren Gouverneur er von 2006 bis 2011 wird. Draghi ist klug, fleißig, effizient und viel weniger eitel, als das in Italien üblich ist. Sie nennen ihn daher auch „den Deutschen“. Und weil das in geldpolitischen Dingen ein Kompliment ist, hilft ihm dieser Ruf an die Spitze der Europäische Zentralbank.

Heute ist er EZB-Präsident in Frankfurt und neben dem Fußballer Mario Balotelli die größte Provokation, die Italien für Deutschland zu bieten hat. Denn Draghi organisiert still und systematisch eine Revolution, die Deutschland mehr schadet als nutzt. Er überschreitet diesmal große Grenzen und senkt den Einlagenzins für Banken auf minus 0,1 %, womit – ein historisches Fanal – der Strafzins Wirklichkeit wird. Zugleich wird der Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 % gesenkt. Und als wäre das alles nicht genug, will er noch in diesem Jahr zweimal die große Geldkanone zünden. Im September und im Dezember bekommen die Geschäftsbanken jeweils Mega-Milliardenbeträge hingedonnert, für eine Laufzeit von vier Jahren fast geschenkt.

Der Konservative macht Revoution. Er flutet Europa mit Geld wie nie zuvor in seiner Geschichte. Und während die Analysten noch streiten, ob wir darin ertrinken oder wie in einem Spaßbad auf hohen Wohlstandswogen dahinsurfen werden, kündet Draghi die Dauerrevolu­tion an: „Wenn es notwendig ist, werden wir im Rahmen unseres Mandats noch mehr tun.“

Draghis Dumpingzinspolitik wird Europa mehr verändern, als es die größten sozialen Umverteilungsprogramme je vermocht hätten. Der weiße Revolutionär macht, wovon die Roten seit Generationen träumen: Kapitalisten enteignen. Denn Draghis Gelddruckerei sorgt dafür, dass es zu einer dramatischen Umverteilung vom Sparer zum Kreditnehmer, vom Kapitalbesitzer zum Schuldner, vom Bürger zum Staat, von Deutschland nach Südeuropa kommt.

1 % negativer Realzins entzieht dem deutschen Sparvermögen jedes Jahr etwa 60 Mrd. Euro – ohne dass irgendeine Occupy-Bewegung die Barrikade überhaupt erst aufbauen müsste. Draghi wird mit dieser Zinspolitik zum Che Guevara des Schuldensozialismus. Um die gewaltigen Staatsschulden zu refinanzieren, wird so viel Geld geschöpft, dass die Zinsen auf null sinken und Schulden extraleicht zu refinanzieren sind. Den Preis freilich haben alle Sparer, die Rentenfonds, die Lebensversicherungen zu zahlen.

Draghis Einstieg in die Nullzinswelt wäre in einer akuten Notlage Europas zu rechtfertigen. Die aber gibt es nicht – die Schuldenkrise ist überstanden, die Banken sind bestens finanziert und melden wieder Milliardengewinne, Krisenländer sind an die Kapitalmärkte zurückgekehrt, die Konjunktur ist wieder in Schwung. Für Draghi aber läuft sie nicht schwungvoll genug, vor allem im Süden – und ganz vor allem in Italien. Anstatt aber die Wettbewerbsschwächen Südeuropas endlich mit Strukturreformen zu überwinden, kommt aus Frankfurt nun Super Mario wie der Weihnachtsmann und wirft Geld übers Land.

Die Soliditätskultur ist in Gefahr

Die Draghi-Revolution wird Europa und seine Soliditätskultur tief verändern. Wer wird seine Altersversorgung noch auf Sparvermögen aufbauen? Draghis Politik erschwert millionenfach langfristige Zukunftsplanung, und sie verkehrt die Verhältnisse: Sparer sind fortan die Dummen, Schuldenmacher sahnen ab.

Draghis weiße Revolution hat manche Freunde. Immobilienspekulanten und Börsianer freuen sich, denn die eskaliernde Geldschöpfung führt zwangsläufig zu lukrativen Spekulationsblasen in ihren Feldern. Auch die Politik applaudiert, weil so sind die Schuldenberge der Staaten plötzlich tragbar. Doch jede Revolu­tion hat auch Verlierer – denn Draghis Geldkanonen gehen nach hinten los und verletzen neben Sparern, Pensionären, Lebensversicherern und den Deutschen vor allem die Vorsorgeethik insgesamt. Der weiße Revolutionär sollte seinen Lieblingsphilosophen Cicero noch einmal nachlesen: „Sparsamkeit ist eine große Quelle von Wohlstand.“ Klingt deutsch, ist aber richtig.

MR

29.06.2014 | 21:27

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