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Der "Freigtliner Inspiration Truck" ist Daimlers neuester Coup in den USA - mit jeder Menge moderner Technologie. (© Daimler)

Der "Freigtliner Inspiration Truck" ist Daimlers neuester Coup in den USA - mit jeder Menge moderner Technologie. Doch nicht alles am Geschäft des Konzerns ist derzeit inspirierend. (© Daimler)

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Daimler: LKW-Krise und Risiko-Airbags

Daimler startete erfolgreich ins zweite Quartal - doch der Aktienkurs ist seit Wochen auf Talfahrt. Jetzt gibt es neue Probleme in Nordamerika. Während die Aktie heute zu den schwächsten Werten im DAX gehört, geben sich die meisten Analysten kämpferisch. 

Den 38. Rekordmonat in Folge konnte Daimler bei seinem Flaggschiff Mercedes-Benz im April verbuchen: Über 164.000 Fahrzeuge wurden an die Kunden übergeben, das ist ein Plus von 10,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Doch der Erfolg der Premiummarke - vor allem in den USA - steht derzeit nicht für den des Konzerns. Denn Daimler hat an der Börse in genau einem Monat zehn Milliarden Euro an Wert verloren - am Freitag waren es nur noch rund 61,3 Milliarden Euro. Mit einem schwachen Minus steht Daimler damit fast am Ende des sonst erholten DAX, nur unterboten von Merck. Das Papier des Stuttgarter Autobauers kostet aktuell weniger als 58 Euro. Verantwortlich für die Kursschwäche dürfte vor allem die Pflichtmitteilung des gestrigen Abends sein, die Daimler an die Börse schickte.


Aufgrund anhaltender Schwierigkeiten im LKW-Geschäft musste Daimler Trucks seinen Ausblick für 2016 senken. Der nach eigenen Angaben „führende LKW-Hersteller weltweit“ erwartet eine Ergebnis „deutlich unter“ dem Rekord-EBIT von 2,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. In den USA, Kanada und Mexiko behauptet der Konzern zwar seine klare Marktführerschaft, sieht jedoch „keine Belebung“ bei den Bestellungen im schweren Segment. Der Gesamtmarkt für LKW der Klassen 6 bis 8 werde in diesem Jahr um zirka 15 Prozent zurückgehen. 

Politische Krisen und Risiko-Airbags

Während der europäische Markt ein paar Hoffnungsschimmer ausstrahlt, kann er diese Schwäche aufgrund einer starken Konkurrenz nur bedingt kompensieren. Für die sinkende Nachfrage im Mittleren Osten macht Daimler indes den Ölpreis verantwortlich. Drei Märkte, die bereits zu Jahresbeginn für Probleme sorgten, verschlechtern sich nun offenbar weiter: In Brasilien rechnet man mit einem Rückgang von 20 Prozent, in Indonesien könnten es rund 15 Prozent werden. Auch in der Türkei gebe es Probleme. Hintergrund sind in den einzelnen Fällen politisch und/oder wirtschaftlich ungünstige Rahmenbedingungen. 

Die mittelfristigen Wachstumstreiber sieht man bei Daimler dadurch jedoch nicht in Gefahr: „Auch wenn wir die Prognose im Vergleich zum Vorjahr senken, erwarten wir für das Gesamtjahr immer noch ein Ergebnis auf hohem Niveau. 2016 wird nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen Weiterführung

unserer Effizienzmaßnahmen eines der ertragsstärksten Jahre für Daimler Trucks“, verkündete Wolfgang Bernhard, Daimler-Vorstand und Leiter von Daimler Trucks sowie Daimler Buses. 

Doch damit ist die Daimler-Messe noch nicht gelesen. Wie im gleichen Atemzug der LKW-Meldung bekannt wurde, ruft der Konzern in den USA bis zu 200.000 Fahrzeuge in die Werkstätten. Grund dafür sind möglicherweise defekte Airbags des japanischen Zulieferers Takata, die in den USA und Kanada auf der Beifahrer-Seite verbaut wurden. Für die Rückrufmaßnahme, die bis Ende 2019 schrittweise durchgeführt werden soll, stellt der Konzern im laufenden Geschäftsjahr „einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ zurück.

Analysten sehen weiterhin großes Potenzial - bis auf einen

Der Konzern verspricht, dass sich der Aufwand nicht auf das laufende Geschäft auswirken werde und die Cash-Flow-Belastung gering bleibt. Im Jahr 2016 will man das Konzern-EBIT unverändert „leicht steigern“ - im letzten Jahr hatte es bei rund 13,2 Milliarden Euro gelegen. Schon im Februar hatte Daimler eine Rückrufaktion für 840.000 Fahrzeuge angekündigt und rund 340 Millionen Euro zurückgelegt - die Maßnahme wirkte sich direkt auf das Ergebnis 2015 aus. An der Börse haben die beiden Meldungen zur Folge, dass Daimler im Laufe des Freitagvormittags auf den vorletzten DAX-Platz abgerutscht ist und ein leichtes Minus von 0,16 Prozent mit sich herumschleppt. Konkurrent BMW hingegen steht mit einem Plus von 1,25 Prozent deutlich besser da und schafft es in die Top 10 des Aktienindizes. 

Unterdessen haben am Freitag zahlreiche Analysten ihre Bewertungen für die Daimler-Aktie überarbeitet - die meisten raten noch immer zum Kauf. So etwa Stefan Burgstaller von der US-Investmentbank Goldman Sachs, der das Papier mit der Einstufung „buy“ bei einem Kursziel von 83 Euro beließ. Die Reduzierung des Ausblicks in der Nutzfahrzeugsparte sei bereits eingepreist - durch die neue Prognose ergebe sich nun Raum für Überraschungen, sollte sich der Markt doch noch besser entwickeln. Diesen Tenor bestätigen die Schweizer Großbank UBS mit einem Kursziel von 95 Euro sowie das französische Pendant Société Générale mit 78 Euro. Auch JPMorgan bleibt bei „overweight“. Und sogar unter den Skeptikern von der britischen Investmentbank Barclays klingt „equal weight“ mit einem Kursziel von 78 Euro eher wie eine Kaufempfehlung. 

Die Stimmung vermiest hingegen Stuart Pearson, der in seiner Studie für Exane BNP Paribas das Kursziel von ohnehin niedrigen 54 auf nur noch 53 Euro senkt - das wäre noch weniger als der aktuelle Wert. Pearson rechnet mit weiteren Warnungen dieser Art und bezweifelt, dass Daimler mit seinen PKW und LKW gut durch den laufenden Zyklus kommen wird. Der Blick in die Daimler-Sterne ist also nicht völlig klar - und könnte durchaus nochmals getrübt werden. Auf plötzliche Kursexplosionen sollten Anleger hier jedenfalls nicht setzen, sondern Geduld beweisen.

Marius Mestermann

20.05.2016 | 12:44

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