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(Bild: Shutterstock)


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So leben die neuen Gamestop-Millionäre

Sie haben sich an nichts von dem gehalten, was professionelle Anlageberater predigen. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt. Und sie sind ausgestiegen, als es am schönsten war. US-Reporter haben die neuen Gamestop-Millionäre besucht. So sieht es bei ihnen aus.

Arzel Rodriguez erwacht an diesem 27. Januar in Panik. Seit Mitte des Monats war er regelmäßig früh morgens in seinem Haus in Hollywood Hills aufgestanden, um den Kurs der Gamestop-Aktie zu beobachten. Aber an diesem Tag hatte er verschlafen. Es war fast 11 Uhr, und als er den Bildschirm im Schlafzimmer hochfuhr, stellte er fest, dass die Aktien bereits während des Handels in New York durch die Decke geschossen und von 150 Dollar am Vortag auf 380Dollar in dieser Sekunde geklettert waren.
Der 23jährige Software-Ingenieur Rodriguez ist einer jener Kleinanleger, die ohne jede Ausbildung zum Trader, ohne „Spielgeld“ oder gar Vermögen und nur weil sie im Netz darüber gelesen haben, mit Gamestop-Aktien gezockt und gewonnen haben. Das US-Magazin Forbes hat die frisch gebackenen Gamestop-Millionäre diese Woche besucht. Hier sind ihre Erfahrungsberichte.

Rodriguez befürchtet, der tiefe Schlaf habe ihn um die Chance gebracht, auf diesem vorläufigen Höchststand zu verkaufen. Doch die Aktie steigt weiter. Der Amateur-Zocker verbringt die nächsten 25 Stunden damit, seine Position kurz abzustoßen und wieder nachzukaufen. Es wird ein 25-Stunden Marathon mit viel Kaffee und Energy-Drinks mit Pfirsich-Mango-Geschmack. Am Ende verkauft er und füllt sein Konto mit 3,8 Millionen Dollar. 28 000 Dollar waren es, die er vor Monaten in diese Spekulation investiert hatte. „Lieber Gott“, sagt er, „ich kann es nicht einmal erklären.“ Er macht es sich bequem an seinem bevorzugten Handelsplatz, dem Bett, in dem er sich auf Kissen gestützt, jetzt aufrichtet. „Ich werde mich wahrscheinlich nie wieder so fühlen. Vielleicht, wenn ich heirate.“

Das Gamestop-Abenteuer, in das Rodriguez verwickelt ist, gehört zu den „einzigartigsten Momente in der Geschichte der Wall Street“, meinen die Reporter, die Rodriguez besucht haben: Sehr gewöhnliche Kleinanleger haben die Aktien von Gamestop, jenem bis dahin weitgehend vergessenen Händler von Videospielen, in lichte Höhen getragen. Sie haben es teilweise getan, um Investoren zu narren, die die Aktie leerverkaufen wollten. Zusammen haben sie viele Milliarden Dollar investiert, die meisten haben viel verloren und nur wenige haben gewonnen. Es war ein Casino. Ihre Aktion löste eine internationale Debatte über den Zugang zu Finanzmärkten aus. US-Politiker beider Parteien nutzten sie, um Anti-Elite- und Anti-Wall Street-Reden zu schwingen. Diese Woche muss Robinhood-Chef Vlad Tenev, dessen Online-Broker-Plattform von den Kleinanlegern in großem Umfang genutzt wurde, vor dem US-Kongress dazu aussagen.

Inmitten dieses Chaos sind Leute wie Rodriguez über Nacht Millionäre geworden. „Sie begannen“, schreiben die Forbes-Analysten, „ihre Reise alle von demselben Einschiffungspunkt aus.“ Sie lasen über Gamestop auf WallStreetBets, der Kleinanleger-Seite der Reddit-Gruppe, in der sich die Bewegung zusammenschloss. Und sie sind ein Symbol für den Typ, der in dem Forum das Sagen: Männer unter 30 Jahren, ohne Ausbildung in Finanzenthemen, inhaltlich Lichtjahre von der Wall Street entfernt. Es sind gewöhnliche Leute, die Gewinner des bisher wildesten Zockerspiels aller Zeiten geworden sind.

Zu den Gewinnern gehört auch der 27-jährige Kevin Sanzone. Er ist außerhalb seiner Zockerkarriere für den Einkauf bei einem in Connecticut ansässigen Händler für Autoersatzteile zuständig.  Auch er liest auf WallStreeBets über Gamestop und beginnt im November 2020, Aktien zu kaufen. Er baut seine Beteiligung im Dezember aus, nachdem er herausgefunden hat, dass Ryan Cohen, der Gründer von Chewy.com, einem erfolgreich an Amazon verkauften E-Commerce-Unternehmen für Haustiere, zum Gamestop-Großinvestor geworden war.  140 000 Dollar steckt Sanzone in die Aktie. Sein ganzes Vermögen.

Als die Aktien im Januar abheben, ist Sanzone nicht in der Lage, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. „Es war irgendwie surreal“, sagt er. „Ich saß nur da und schaute mir den Ticker an und suchte nach Neuigkeiten“, berichtet er den Forbes-Reportern. Als er seine Aktien dann verkauft, sackt er 1,8 Millionen Dollar ein. „In den Tagen, in denen es schwankte, habe ich nicht gut geschlafen. Ich hatte viel Angst. Nachdem ich verkauft hatte, schlief ich besser. Mir ist eine Last von den Schultern gefallen“, sagt Sanzone. Er denkt jetzt daran, seinen Job zu kündigen, verwirft den Gedanken aber wieder. „Wenn es zu 1000 Dollar pro Aktie gereicht hätte, hätte ich meine Kündigung eingereicht. Leider sind wir nicht dort angekommen. “

Ähnlich wie Sanzone kauft Jason Monahoyios, ein 28-jähriger Projektmanager bei einer kleinen Import-Export-Firma aus Montreal, Gamestop-Aktien, nachdem auch er Cohens Investition bemerkt. „Ich dachte mir: Oh, da ist etwas dran“, sagt Monahoyios. Und wie Sanzone ignoriert Monahoyios die kollektive Empfehlung auf WallStreetBets, wo sich Kleinanleger damit brüsten, GameStop nicht zu verkaufen, als der Kurs fast 500 Dollar pro Aktie erreicht. Sie hätten „Diamanthände“ heißt es bei den treuen Investoren auf dem Forum - ihr Vertrauen, in den Laden sei so hart wie der Edelstein. Sie markieren ihre Posts mit rauten- und händeförmigen Emojis. Jemand, der bereit ist, schnell zu verkaufen, erhält einen anderen Spitznamen: „Papierhand“, dahinter steckt eine Überzeugung so unzuverlässig wie eine Lose-Blatt-Sammlung. „Ich wurde mit Verschwörungstheorien bombardiert. Darüber, wie es zu 1000 Dollar pro Aktie kommen wird“, stöhnt Monahoyios im Gespräch mit den Forbes-Reportern. „Jeder, der in dieser Situation klar denken kann, ist ein Übermensch.“ Trotzdem wendet sich Monahoyios schließlich von der Masse ab, er ist die „Papierhand“ und verkauft. E wird zum Millionär, der allerdings einige Tage braucht, um über den Umstand hinwegzukommen, dass er bis zu acht Millionen Dollar hätte verdienen können: „Mein Bruder sah mich an und sagte: 'Meine Güte, warum siehst du so deprimiert aus?“

Und dann ist da noch Travis Martin. Er ist genauso alt wie Rodriguez, 23, und träumt seit seiner Kindheit in Austin, Texas, davon, Profi im Baseball zu werden. Er ist kürzlich in Seattle gewesen und hat dort hart trainiert. Aber während der Pandemie zieht er sich zurück, um in der Nähe seiner Familie zu sein. Er verdient etwas Geld mit der Vermittlung von Immobilien. Sein Stiefvater hat vor einigen Jahren als Amateur-Day-Trader rund 3000 Dollar verloren. Für seine Finanzausbildung geht Martin den gleichen Weg wie Rodriguez: YouTube-Tutorials. Als er Rodriguez' Instagram-Posts über Gamestop bemerkt, tauschen sich die beiden aus. „Ich bin einfach All-In gegangen“, berichtet er. Er investiert 38 000 Dollar in Gamestop-Optionen - ein hochriskantes Manöver. Aber auch er gewinnt.

Er sehe es als „Sprungbrett“ und überlege nun, ob er einigen Familienmitgliedern bei Immobilieninvestitionen in Texas folgen könne. „Dies ist eine unvorhergesehene Gelegenheit. Ich wäre kindisch, wenn ich nicht weitermachen würde.“ Sein Kumpel Rodriguez hat dagegen einen Trophäenkauf im Auge. „Ein Porsche", sagt er, „das wird wahrscheinlich meine nächste Investition sein.“

Oliver Stock

18.02.2021 | 09:24

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