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Anleger leiden unter Minizinsen

Bill Gross: Er verwaltet den größten Anleihefonds der Welt und hadert mit der Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Was Anleger von Pimco lernen können – und was nicht.

Er studierte Psychologie, machte anschließend seinen MBA in Los Angeles und finanzierte sein Studium als professioneller Black-Jack-Spieler in Las Vegas. Bill Gross ist ein ungewöhnlicher Mensch, manisch fleißig und besessen vom Treiben der Börsen. Er ist aber auch ungewöhnlich ­erfolgreich. Sein Privatvermögen wird auf zwei bis Milliarden Dollar geschätzt. Im Jahr 1971 gründete er die Pacific Investment Management Company (Pimco) und machte daraus eine der ­größten Kapitalsammelstellen der Welt.

1999 wurde Pimco an die Allianz Global Investors verkauft, heute verwaltet die Allianz-Tochter aus Kalifornien rund zwei Billionen Dollar, Gross blieb das Mastermind vieler Anlagen. Heute verwaltet Gross den Pimco Total Return Fonds, den mit einem Volumen von 250 Milliarden Dollar weltweit größten Rentenfonds.

Gross hat jahrelang alle Welt beeindruckt mit guten Analysen, scharfen Prognosen und verblüffenden Renditen. In den vergangenen fünf Jahren hat der Total Return Fonds durchschnittlich 7,88 % Ertrag jährlich gebracht und sich damit besser entwickelt als 84 % seiner Wettbewerber, so zeigen es die von Bloomberg zusammengestellten Daten. Kaum ein Anleihe-Investor war bislang erfolgreicher als er. Dazu passt auch folgende Geschichte: Als der damalige US-Finanzminister Timothy Geithner in der Finanzkrise keinen Ausweg mehr sah, soll er nicht einen seiner Berater um Rat gefragt, sondern Bill Gross an seinem Wohn- und Firmensitz im südkalifornischen Urlaubsort Newport Beach angerufen ­haben. Gross hat dann die Wege gewiesen, wie Amerika und die Welt den großen Crash mit einer Politik billigen Geldes vermeiden können.

Im Jahr 2013 allerdings hat es auch Gross erwischt – nicht schlimm, aber doch so, dass sein legendäres Image erste Kratzer bekam. Sein Fonds lief – wie viele andere in der Branche – bescheiden. Die exzessive Niedrigzins­politik der Notenbanken machen den Anlegern das Leben schwer, auch Bill Gross, der nicht glauben mochte, dass das Rettungsspiel so lange dauern werde.

Gross hatte Anfang 2013 auf steigende Anleihepreise gesetzt und in dem Total Return Fonds US-Staatsanleihen hinzugekauft. Die Rechnung ging jedoch nicht auf. Grund dafür ist, dass das Ende der ultralockeren Geldpolitik der US-Notenbank Fed weiter auf sich warten lässt. Deren scheidender Chef Ben Bernanke hatte noch im Juni zu verstehen gegeben, dass die Notenbank die Aufkäufe von Staatsanleihen in „maßvollen Schritten“ zurückfahre, wenn die Wirtschaft sich weiter stabilisiere. Mit anderen Worten hieß das: Die Zinsen könnten bald wieder angehoben werden.

Doch steigende Zinsen wären Gift für bereits begebene Anleihen gewesen. Aus diesem Blickwinkel ist die Ernennung von Janet Yellen zur Bernanke-Nachfolgerin folgerichtig und logisch, denn sie steht für eine Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik der Fed. Mit der schwindenden Nachfrage nach den alten Anleihen zu niedrigen Zinsen ­wären auch deren Kurse gefallen. Die Folge wäre ein Vermögensverlust für Anleihefonds, die die alten Anleihen im Portfolio haben, gewesen. Dieses Szenario, das Anlegern die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben drohte, ist nun vorerst abgewehrt.

Doch zwischenzeitlich zogen Anleger knapp 15 Milliarden Dollar aus dem Pimco-Flaggschiff-Fonds ab. Laut dem Fondsanalysehaus Morningstar waren dies die größten Abflüsse seit 20 Jahren. Gross gibt sich kämpferisch: „Geraten Sie nicht in Panik. Wenn eine Person Angst hat, schreien Sie sie an. Dieses Schiff wird den Hafen erreichen, mit der Hilfe der Fed, von Pimco und den Co-Kapitänen“, schrieb der 69-Jährige in seinem Investment-Ausblick.

Nun geht es allen Anlegern so wie Bill Gross. Die eskalierenden Geldmengen der Notenbanken und die historischen Extremniedrigzinsen machen Festzinsanlagen zu einem Trauerspiel. Und da die Fed die Schuldenmaschine der Regierung immer weiter schmieren muss, dürfte sich daran alsblad nichts ändern. Und so hat auch Bill Gross seine Meinung inzwischen geändert und akzeptiert das dauerhafte Tal der Tränen.

Nach dem Vorbild der Murmeltiere

Wenn es eine Sache gibt, auf die man sich verlassen kann, dann ist es die folgende: Sobald die quantitativen Lockerungsmaßnahmen eingestellt werden und der Leitzins in den Fokus rückt, wird dieser über einen sehr langen Zeitraum niedriger bleiben als erwartet. Aktuell geht der Markt (und die Prognose der US-Notenbank) davon aus, dass der US-Leitzins bis Ende 2015 um 1 % steigen wird und bis Dezember 2016 um weitere 1 %. Wetten Sie dagegen. Der Grund, gegen ein Eintreten dieses Zinsanstiegs bis 2016 zu wetten, sind unsere Erfahrungen der vergangenen Monate: Bei einer Rendite auf US-Staatsanleihen von 3 % und einem 30-jährigen Hypothekenzins von 4,5 % streckte die Wirtschaft ihren Kopf aus ihrer Höhle – wie ein Murmeltier an seinem besonderen Tag – und beschloss, sich sprichwörtlich für weitere sechs Wochen zurückzuziehen.

Bei diesen Renditen sind kein Frühling und kein Sommer in Sicht. Die USA (und die Weltwirtschaft) werden sich vermutlich noch viele Jahrzehnte mit künstlich unterdrückten – und daher niedrigen – Leitzinsen abfinden müssen. Die US-Wirtschaft benötigte das letzte Mal, als sie derart verschuldet war (Anfang der 1940er-Jahre), mehr als 25 Jahre, um sich zu erholen. Anleihe-Investoren, die auf niedrigere Leitzinsen wetten als jene, die aktuell in den Märkten eingepreist sind, sollten sich in den kommenden Jahren auf eine gewisse ländliche Ruhe einstellen – ähnlich einer grasenden Kuh. Zwar ist das nicht so auf­regend, aber was soll’s – es ist auch ein Dasein! Portfolios sollten sich auf Positionen mit kurzer Laufzeit konzentrieren.

Gross richtet sich im bescheidenen Dasein mit Kurzläufern ein. Zum 30. September verringerte sich die durchschnittliche Laufzeit der Werte in Gross’ 250 Mrd. US-Dollar schwerem Pimco Total Return Fonds von 5,1 auf 4,4 Jahre. Anleihen mit Laufzeiten zwischen einem und fünf Jahren machen jetzt 70 % des Portfolios aus, meldete das Unternehmen aus dem kalifornischen Newport Beach. Die Ära Yellen lehrt Bescheidenheit und Vorsicht.

20.01.2014 | 10:00

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