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(Foto: Manuchi / Shutterstock)

Bis wohin die Kurse jetzt noch fallen können

Die Börsen befinden sich im freien Fall. Der Dax erlebt den schnellsten Crash seiner Geschichte. Und es bleibt noch immer Luft nach unten. Dafür spricht neben zahlreichen Trendindikatoren die Hilflosigkeit der Notenbanken und ein doppelter Schock. „Langfristig könnten 8.000 und dann 6.500 Punkte folgen“, blickt nicht nur die UBS wenig optimistisch voraus.

Das Coronavirus ist ein "Katastrophenereignis, wie es nur einmal in 100 Jahren vorkommt", schrieb der bekannte Hedgefonds-Manager Ray Dalio vor kurzem auf seinem Linked-In-Profil. Der Nobelpreisträger Robert J. Shiller sprach in einem Interview mit dem "Aktionär" von "einer  beängstigende Situation, die den Markt psychologisch beeinflussen könnte." Inzwischen ist klar: Covid-19 wird die Welt noch lange beschäftigen und die tatsächlichen Auswirkungen bleiben nicht abschätzbar. Weder medizinisch, noch wirtschaftlich.

Am Donnerstag verlor der Dax 12,2 Prozent und rutsche unter die 10.000-Punkte-Marke. Es war der zweitgrößte Tagesverlust in der Geschichte des Börsenbarometers. Zeitweise befanden sich 22 Dax-Werte zweistellig im Minus. Seit Beginn des Jahres hat Deutschlands Leitindex bereits 30 Prozent an Wert eingebüßt. Ein ähnliches Bild zeichnen die großen US-Indizes. Unter der Woche musste der Handel an der Wall-Street zweimal wegen zu hoher Verluste ausgesetzt werden. Die Marktkapitalisierung börsennotierter US-Unternehmen ist seit Beginn des Corona-Crashs um sechs Billionen US-Dollar zurückgegangen. Und auch wenn am Freitag eine erste Gegenbewegung zu beobachten war, bleibt noch immer Luft nach unten.

Den globalen Indizes fehlt es inzwischen an ernstzunehmenden Unterstützungslinien. Dazu gilt der Bärenmarkt als eingeleitet. Der Dax hat seinen lange gültigen Aufwärtstrendkanal verlassen. Die Kurse könnten nun weiter purzeln. „Langfristig könnten 8.000 und dann 6.500 Punkte folgen“, blickt die UBS wenig optimistisch voraus. Risiken kämen auch vom chinesischen Markt, weiß DZ-Bank-Analyst Kahler. Der halte sich noch vergleichsweise gut, könne so jederzeit stark fallen. Weiterhin ist nicht abzusehen, wann die Verunsicherung an den Märkten nachlässt. In dieser Woche stieg der Volatilitätsindex jedenfalls auf über 60 Punkte und stand damit so hoch wie zuletzt Ende 2008.

Der doppelte Schock und historische Muster


Zu den Unsicherheiten rundum die weitere Ausbreitung des Corona-Virus gesellt sich der Kursrutsch am Ölmarkt. Nachdem sich die OPEC und Russland nicht auf eine Fortsetzung der bestehenden Förderbeschränkungen einigen konnten, brachen die Preise der Rohölsorten Brent und WTI bereits am Montag um 30 Prozent ein. Einen solchen Preissturz hatte es zuletzt 1991 gegeben, als der Golfkrieg losgetreten worden war. Ausgehend von Anfang Januar hat sich der Ölpreis inzwischen halbiert. „Bislang haben die Anleger ein Szenario nur kurzfristiger temporärer wirtschaftlicher Folgen der Corona-Krise gegen die Möglichkeit einer Pandemie mit der Folge einer Rezession abgewogen. Mit dem Zusammenbruch des Ölpreises trifft nun der zweite schwarze Schwan in Form von potenziellen Kreditrisiken an den Märkten ein“, sagte CMC Markets-Analyst Jochen Stanzl. Auch deshalb ein unerwarteter Schock, da laut der Schweizer UBS viele Analysten damit gerechnet hätten, dass es der Energiesektor sein würde, der 2020 das Gewinnwachstum wesentlich antreibt. Ob des Preisverfalls sind diese Erwartungen nun nicht mehr haltbar.

Überhaupt dürfte die kommende und besonders die darauffolgende Berichtsaison zum Fiasko werden. Allein die Gewinne der 30 im Dax notierten Konzerne könnten nach Einschätzung von DZ-Bank-Analyst Christian Kahler in diesem Jahr um zehn bis 20 Prozent sinken. Damit einhergehend könnte das Börsenbarometer bis auf 8.000 Punkte fallen, mahnt der Experte. Dafür sprächen historische Muster. Und auch  die Art und Weise des Schocks lässt nicht an eine schnelle Erholung glauben. Die UBS spricht von der größten Korrektur am europäischen Aktienmarkt innerhalb der vergangenen 30 Jahre – dauerhafte Bärenmärkte ausgenommen.  Dazu crashte es an den Börsen mit einem nie dagewesenen Tempo. Üblicherweise, so die UBS-Experten, dauerten Kursrückgänge solchen Ausmaßes doppelt so lange. Der Dax erlebte gar den schnellsten Crash seiner Geschichte. Zudem hat die jüngste Panik – auf acht Wochen gesehen – zum stärksten Rückgang bei den Wachstumserwartugen seit der Finanzkrise 2008 geführt. „In den USA“, mahnt Jochen Stanzl, sehe man derweil „eine klare Invertierung der Anleihekurve, die Mehrheit der Anleger rechnet also mit einer baldigen Rezession.“

Politische Hilflosigkeit trifft auf machtlose Notenbanken

Regierungen und Notenbanken stehen der gegenwärtigen Situation sogleich macht- und hilflos gegenüber. Besonders den USA und Europa fehlt es nach der expansiven Geldpolitik der vergangenen Jahre – in den USA kamen noch die massiven Steuererleichterungen dazu – an Stimuli. Die Europäische Zentralbank hat zwar unter der Woche angekündigt, ein neues Kreditprogramm aufzulegen, bis zum Ende des Jahres zusätzliche Anleihenkäufe im Volumen von 120 Milliarden Euro zu tätigen und den Leitzins auf dem Rekordtief von null Prozent zu belassen, an der Börse jedoch sanken die Kurse ungerührt weiter.

Risiko Bankensektor

Vor allem Bankaktien stürzten ins Bodenlose. Die Papiere der Deutschen Bank markierten am Donnerstag ein neues Rekordtief bei 4,80 Euro. Der europäische Bankenindex fällt ebenso rasant und notiert bereits unter dem Finanzkrisenniveau von 2008. Die EZB hat zwar angekündigt, Banken mit  einem speziellen Maßnahmenpaket zu stützen, auf der anderen Seite lassen die weiteren Maßnahmen der Notenbank die Margen im Kreditgeschäft weiter dahinschmelzen. Europas Geldhäuser könnten so einmal mehr in existentielle Nöte geraten. Dann würde sich neben dem Corona-Virus wohl auch die Panik an der Börse weiter ausbreiten.

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17.03.2020 | 14:42

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