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Jürgen Fitschen ist ein Mann des leisen Auftritts. Er hat es damit an die Spitze der Deutschen Bank gebracht. Erst nur als Starthilfe für Anshu Jain wahrgenommen, ist er nun auf Augenhöhe. Die Karriere eines Top-Bankers der anderen Art.

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Der Unterschätzte

Früher gab es Banker mit donnernden Stimmen, gestärkten Hemden und imprägnierten Seelen. Früher gab es Bankbeamte und eine minutiöse Dienstwagen­ordnung. Früher kochten Fräuleins den Herren Bankiers einen Kaffee zur Vorstandssitzung, die Schreibtische mussten aus Massiveiche sein. Und früher gab es sogar Zigarren und Visionäre.

Heute sind Banker geschmeidig, umgänglich und leise. Entweder kühl schneidende Investment-Ingenieure, mathematische Konstrukteure, juristische Puzzlespieler oder smarte Hasardeure. Allesamt Pragmatiker hinter Glasfassaden. Sie sind selten so böse und gierig wie ihr schlechtes Image, unter dem viele leiden. Es fehlt der gesamten Branche ein neues Leitbild, ein positives Idol. Eine neue Figur der Integrität und Integration.

Jürgen Fitschen könnte das werden. Obwohl Fitschen zeit­lebens nicht auftritt wie einer, der Vorbild werden will, eher wie einer, der sich vorbildet. Er ist ein Mann der leisen Töne, eher Zuhörer als Lautsprecher, eher diskret als demonstrativ. Zeitlebens wurde er unterschätzt. Doch damit ist es nun vorbei. Er ist heute Kopf der Deutschen Bank, Präsident des Bankenverbands, erster Gesprächspartner von Angela Merkel, der erste Banker des Landes. Noch vor wenigen Monaten, da wurde er unterschätzt – ein allerletztes Mal.

Da sahen sie in ihm nur den Steigbügelhalter Anshu Jains, der als schillernder Investmentbanker noch einen soliden Adjutanten für das nationale Terrain brauchte. Nun wird Fitschens Vertrag nicht nur überraschend verlängert, die Machtgewichte innerhalb der Bank verschieben sich auch zu seinen Gunsten. Fitschen ist jetzt der entscheidende Mann im Konzern, er hat danach nicht gegiert und nicht gegriffen, wie immer in seinem Leben.

Gerade dass er etwas nicht unbedingt will, macht ihn immer wieder stark. Fitschen hätte sich auch im Taunus, am Tegernsee oder in seinem niedersächsischen Heimatdorf Hollenbeck gut zur Ruhe setzen können und seine Leidenschft für Spring­pferde ausleben können. Er gehört nicht zu denen, die unbedingt das Dauergefühl von Bedeutsamkeit mit Fahrer, Hotelsuite, Privatflieger und Vorstands­referent brauchen.

Doch nun müssen die Springpferde ebenso warten wie die Wanderungen am Tegernsee. Denn der „Übergangschef“ wird noch eine ganze Weile an der Spitze der Deutschen Bank bleiben. Sein 2015 auslaufender Vertrag wird frühzeitig durch einen neuen Vertrag ersetzt. Mindestens bis 2017 soll er bleiben, genauso wie Jain. Damit vollendet sich die Karriere eines Mannes, der ein uraltes, fast in Vergessenheit geratenes Prinzip des Bankings verkörpert wie kaum ein anderer: Seriosität und Beharrlichkeit.

Fitschen zog schon 2001 in den Vorstand der Deutschen Bank ein, doch er drängte nie in die Presse oder auf rote Teppiche. Mit Journalisten traf er sich bestenfalls zu diskreten Vier-Augen-Gesprächen. Wer nicht genau hinschaute, der folgte dem Fehlurteil von der „grauen Maus im Vorstand“. Ein Norddeutscher, der im geschwätzigen Frankfurt kein Wort zu viel verliert, wird schon mal überhört. Nicht aber bei denen, die ihn einmal näher kennengelernt oder mit ihm zusammen gearbeitet haben. Denn die verlassen sich auf ihn, weil sie gelernt haben, dass man sich auf ihn verlassen kann.

Und so wirkt er bis heute irgendwie preußisch, obwohl er viele Jahre seiner Karriere in Südostasien und London verbracht hat. 1948 geboren als Wirtssohn in der Nähe von Buxtehude, zog es ihn nach Kaufmannslehre und Studium direkt in die Finanzwelt. Seit 1975 bei der Citibank in verschiedenen Positionen unter anderem im Firmenkundengeschäft tätig, wurde die Deutsche Bank in den 80ern auf Jürgen Fitschen aufmerksam. 1986 betreute er für sie von Hamburg aus das Asiengeschäft, bis er nach kurzer Zeit ganz nach Asien wechselte und später die Region leitete.

Er erkannte früh aus eigener Anschauung, dass Asiens historischer ­Aufstieg die Gleichgewichte der Welt und in der Finanzindustrie grundlegend verschieben werde – und er stellte sich darauf ein, als in Europa noch viele glaubten, man sei und bleibe der Nabel der Welt. Im Jahr 1993 wurde er Bereichsvorstand für das Firmenkundengeschäft und 2001 schließlich Konzernvorstand für den Bereich Corporate & Investmentbanking.

Als die Deutsche Bank unter Führung von Josef Ackermann 2002 den Vorstand umbaute, wurde der allseits wegen seiner leisen Effizienz respektierte Fitschen Mitglied des unter dem Vorstand angesiedelten Group Executive Committees, wo er zunächst für das Firmenkundengeschäft und seit 2004 für Regional Management weltweit verantwortlich ist und das Management Committee Deutschland leitet.

„Neben Jain wirkt er wie der brave Esel neben dem Rennpferd“, zischten die Tratscher der Frankfurter Szene. Doch wer so sprach, der kannte die Interna der Deutschen Bank schlecht. Denn Fitschen knüpfte Stück für Stück an seinem Netzwerk aus Vertrauen. Er war bei Schlüsselkunden hoch angesehen und verkörperte im inneren Kulturkampf zwischen Investmentzockern und klassischen Bankern, zwischen London und Frankfurt immer das klassische Prinzip.

In seinem ersten Jahr als Co-Chef hat Fitschen nun so deutlich an Profil gewonnen, dass der vermeintliche Esel munter vorantrabt, während das Rennpferd ein wenig lahmt. Fitschen, 15 Jahre älter als Jain, sollte anfangs nur so etwas wie die Starthilfe für den Kollegen aus London sein. So lange, bis sich die deutsche Öffentlichkeit an einen indischen Deutsche-Bank-Chef gewöhnt haben würde und Jain das Zepter übernehmen könnte. Das Indiz für diesen Fahrplan war die unterschiedliche Laufzeit ihrer Vorstandsverträge: Jain wurde für fünf Jahre verpflichtet, Fitschen dagegen nur für drei Jahre. Nun aber sind sie auf Augenhöhe.

Die Entscheidung für Fitschen ist zugleich ein Votum für den Kulturwechsel. Nach den saftigen Zeiten unter Josef Ackermann sucht die Bank ein neues Ich. Jains Investment-Banking-Identität muss sich der deutschen Demut ein Stück weit beugen. Aufsichtsratschef Paul Achleitner hat erkannt, dass er die Bank mit einem ruhigen Naturell wie Fitschen besser in ruhigen Fahrwassern halten kann. Denn Fitschen hat der Bank einen Kulturwechsel zur neopreußischen Integrität verordnet, und nur mit Fitschen wird der auch glaubwürdig.

Er selbst sagt: „Wir sind fest entschlossen, die Deutsche Bank einem tief greifenden kulturellen Wandel zu unterziehen. Das fordern unsere Kunden, das fordert die Gesellschaft, und das fordern die Investoren. Unsere Werte sind klar: Wir erwarten vollständige Integrität beim Handel und die Wahrung der Interessen unserer Kunden.“ Wer glaubt, dass Fitschen zu weich sei, um diesen Kulturwechsel auch durchzusetzen, der höre sich an, was er seinen Leuten offen sagt: „Unsere Botschaft als Arbeitgeber ist daher ebenso eindeutig: Es gibt keine Kompromisse. Wer sich nicht vorbehaltlos zu diesen Werten bekennen kann, der ist bei der Deutschen Bank am falschen Ort und sollte sich nicht bei uns bewerben. Oder, wer bereits für uns arbeitet und diese Werte nicht respektiert, der sollte besser gehen.“

Die Ansage ist deutlich. Die Probleme der Bank sind es auch. Die Skandale um Libor und CO2-Emissionshandel haben das Institut erschüttert. Fitschen selbst muss dafür immer wieder den Kopf hinhalten. Am 12. Dezember 2012 wurde bekannt, dass ein Ermittlungsverfahren formal auch gegen ihn wegen des Verdachts des Umsatzsteuerbetrugs eingeleitet wurde. Die hessische Landesregierung ließ in diesem Zusammenhang auch noch eine spektakuläre und rufschädigende Razzia mit Hubschraubern durchziehen.

Fitschen kommentiert das Vorgehen so ruhig wie Angela Merkel eine Attacke aus Griechenland: „Mit der Vergangenheit muss und wird sich die Bank auseinandersetzen – konsequent und vorbehaltlos. Wir haben nichts zu verheimlichen. Aber wir werden uns auch gegen ungerechtfertigte Vorwürfe zur Wehr setzen.“

Im vergangenen Winter, als die Skandale sich häuften, die Attacken heftiger wurden und die Geschäftszahlen ihren Zenit zu überschreiten schienen, da sah man Fitschen kaum noch lachen. Die einstigen Perlen wie BHF und Sal. Oppenheim bereiteten Probleme, und auch die ­Exzesse in Geschäften wie Gehältern haben das Ansehen der Bank beschädigt. Doch er machte sich Schritt für Schritt und mit ernster Miene an die Korrektur. Und er wiederholte es immer wieder, fast wie ein buddhistischer Mönch: „Kulturwechsel“. So hat er die Vergütungspraxis neu gestaltet, die internen Kon­trollsysteme verstärkt und eine – seit Jahren war das Wort verschmäht – „Vision“ verkündet: „Ich bekräftige meine Vision, die führende kundenorientierte, globale Universalbank zu werden.“

Das ist schwieriger, als es sich sagt. Denn mit dem Zurückdrängen eines hasardeurhaften Investment-Bankings dürften auch die Gewinne schrumpfen. Die fallenden Zinsmargen machen das Geschäft ohnedies schwer, der Aufstieg der Schattenbanken ebenso wie die nächste Regulierungswelle. Ausgerechnet in dieser Situation hat die Branche ein miserables öffent­liches Standing, kaum Rückhalt in der Politik und nur noch geringe Einflussmöglichkeiten. Umso wichtiger ist es, dass sie mit Fitschen als Verbandspräsident in Berlin ernst genommen wird. Gerade weil er die Anliegen so leise vorträgt. Mit diesem Stil trifft er den der Kanzlerin.

Wolfram Weimer

20.01.2014 | 09:16

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