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Ein Brief sorgt für Furore

Dividenden: Auch in diesem Jahr haben viele Konzerne ihre Anleger wieder
mit dicken Ausschüttungen verwöhnt. Doch Larry Fink, Chef des weltweit größten Vermögensverwalters BlackRock, findet diesen Trend gar nicht gut.


Rund zwei Drittel der im Dax-30-Index vertretenen Firmen stockten ihre Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr noch einmal auf. Insgesamt schütten die 30 wichtigsten deutschen Konzerne gut 28 Mrd. Euro aus. Das verkraften sie auch ohne Probleme: Die Barreserven der Dax-Unternehmen summierten sich 2013 auf knapp 140 Mrd. Euro. 2008 waren es dagegen erst 85,5 Mrd. Euro. Einer der Hauptgründe für die Anhäufung dieses Schatzes ist die Tatsache, dass viele Konzerne vor größeren Investitionen zurückschrecken, weil sie nicht an ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum glauben und weil ihnen der Schrecken der Finanzkrise noch immer in den Knochen steckt.

Nicht nur die Dax-Unternehmen zeigen sich großzügig. Nach einer Analyse von Bloomberg schütten auch die europäischen Unternehmen, die im Stoxx Europe 600 Index gelistet sind, in diesem Jahr 11,54 Euro je Aktie an Dividenden aus. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Datenaufzeichnung im Jahr 2002.

Doch BlackRock-Chef Larry Fink, Chef des weltweit größten Vermögensverwalters, hält die derzeitige Praxis für kurzsichtig. In einem Brief an die Vorstands­chefs mehrerer europäischer Großkonzerne, der dem „Handelsblatt“ vorliegt, fordert er sie auf, mehr Geld in ihre langfristige Zukunft zu investieren, statt Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe weiter in die Höhe zu treiben.

„Wir sind besorgt, dass nach der Finanzkrise viele Unternehmen vor Investitionen in ihre ­Zukunft zurückgeschreckt sind. Zu viele haben ihre Kapitalausgaben zurückgefahren oder sogar höhere Schulden gemacht, um ­Dividenden und Aktienrückkäufe zu steigern“, kritisiert Fink in dem Schreiben, das in Deutschland unter anderem an Siemens, Daimler und ProSieben gegangen sein soll. „Viele Kommentatoren beklagen die kurzfristigen Forderungen der Kapitalmärkte, wir teilen diese Bedenken“, fährt Fink fort. Geht es nach BlackRock, dann sollen die Unternehmen wieder mehr Geld in Produkte, Innovationen, aber auch in strategische Op­tio­nen wie Übernahmen investieren.

Ob dieser Vorstoß Wirkung hat, wird sich zeigen. Auch den Anlegern steckt nämlich der Finanzcrash in den Knochen. Trotz Aktienboom profitieren von der aktuellen Börsenhausse die wenigsten Deutschen. Allein im vergangenen Jahr trennten sich nach Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) 600 000 Menschen in Deutschland von Aktien oder Aktienfonds, seit 2001 kehrten 3,9 Mio. Menschen der Börse den Rücken. Kursstürze wie nach dem 11. September oder der Lehman-Pleite haben das Vertrauen beschädigt.

Dabei gibt es einen Airbag für Anleger, wie Experten immer wieder erläutern: die Dividende. Die Ausschüttung hilft, Kursverluste abzufedern, und gilt als Hinweis für verlässliche Unternehmenspolitik. Jörg de Vries-Hippen, Chefanlagestratege Europäische Aktien bei Allianz Global Investors, betont, es gebe keinen besseren Indikator für die Solidität der Gewinnprognosen als die Dividendenpolitik.

Tatsächlich haben Dividenden den deutschen Leitindex auch 2013 kräftig nach oben getrieben, erklärt die Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jella Benner-Heinacher. Inklusive Gewinnausschüttungen habe der Dax rund 25 % zugelegt, ohne Dividenden 18 %: „Die Zahlen zeigen, dass insbesondere bei den 30 größten deutschen Aktiengesellschaften die Gewinnausschüttungen einen beträchtlichen Teil des Kurszuwachses ausmachen.“

Dabei erreichten die Dividenden nicht die historische Bestmarke aus dem Jahr 2008, als 38,4 Mrd. Euro ausgeschüttet wurden. Insgesamt zahlten die börsennotierten Unternehmen in diesem Jahr 37,3 Mrd. Euro an ihre Aktio­näre und damit nur 100 Mio. Euro mehr als im Vorjahr, wie eine Analyse der DSW und des Deutschen Instituts für Portfolio-Strategien (dips) belegt.

Vor allem drei Unter­nehmen sorgen für die Fast-Stagna­tion. Das sind die Deutsche Telekom und die von der Energiewende gebeutelten Versorger E.ON und RWE, die ihre Dividenden­ kürzten. Was den Dax betrifft, verringerten sich sogar die Ausschüttungen um 2,9 % auf gut 27,2 Mrd. Euro“, sagte die DSW-Hauptgeschäftsführerin. Dass bei den etwa 650 gelisteten Gesellschaften unterm Strich trotzdem ein kleines Plus verblieb, sei eine echte Überraschung. Dividenden treiben den Dax in die Höhe. Verantwortlich dafür ist die rasante Entwicklung im MDax und im TecDax – die Unternehmen in den Indizes für mittelgroße Firmen und für Technologiewerte bescheren ­ihren Aktionären den bisher größten Geldregen: Im TecDax steigen die Ausschüttungen um 7,7 % auf die Rekordsumme von 1,13 Mrd. Euro, im MDax sogar um 23,6 % auf das Allzeithoch von 4,83 Mrd. Euro.

In der Breite reflektiere der Dividendenjahrgang 2014 das freundliche Konjunktur- und Börsenumfeld, sagte dips-Experte Christian Röhl. Denn mit 136 (128) der insgesamt 160 in den Auswahl-Indizes Dax, MDax, SDax und TecDax enthaltenen Gesellschaften würden in diesem Jahr voraussichtlich so viele Unternehmen wie nie zuvor ihrer Hauptversammlung eine Dividende vorschlagen.

Siemens ist neuer Spitzenreiter

Bleibt die Frage, welche Unternehmen für 2013 am meisten ausschütten. Erstmals seit zehn Jahren gibt es einen Führungswechsel im Ranking der Top-Zahler. Mit einer Ausschüttungssumme von 2,6 Mrd. Euro ist Siemens anstelle der Telekom der neue Primus, gefolgt von BASF mit 2,5 Mrd. Euro sowie der Allianz und Daimler mit je 2,4 Mrd. Euro. Im MDax ist der Index-Neuling RTL der Dividenden-Krösus, im SDax liegt der Börsendebütant Deutsche Annington vorn, im TecDax Telefonica Deutschland.

Bei Dividenden lohnt der genaue Blick – und der lange Atem. Nach der DSW-Studie haben in den vergangenen zehn Jahren von allen in deutschen Auswahlindizes gelisteten Unternehmen nur Fresenius Medical Care, Fresenius SE, Fuchs Petrolub und Stratec Biomedical die Ausschüttung zehnmal in Folge angehoben.

Anleger mit Fokus auf Dividenden können mit Optimismus in die Zukunft schauen. Weil satte Gewinne und gesunde Bilanzen den tiefen Griff in die Kasse erlauben, seien die Aussichten für steigende Dividenden gut, prognostizieren Analysten der DZ Bank: „Mit Blick auf ein Ende der Rezession in Europa und ein solides Wachstum der Weltwirtschaft ab 2014 sollten auch die Dividenden in den kommenden Jahren wieder deutlich ansteigen. Nach zwei mageren Jahren gehen wir für 2015 wieder von einem Dividendenwachstum von rund 10 % aus.“

Handelsblatt/hp

28.04.2014 | 11:10

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