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Nur noch 20 Stempel

China: Die neue Führung will die Wirtschaft weiter liberalisieren. Was bedeutet das konkret? Wie können Mittelständler davon profitieren? Antworten gibt Edith Weymayr, Regionalvorstand der Commerzbank für das Firmenkundengeschäft in Asien.

WirtschaftsKurier: Frau Weymayr, die Eurozone schwächelt und viele deutsche Unternehmen suchen ihre Chan­cen in China. Aus welchen Bereichen der Wirtschaft kommen sie?

Edith Weymayr: Wir beobachten keine Konzentration auf ­bestimmte Branchen. Vorreiter waren zunächst die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, aber es kommen eigentlich alle technisch ­orien­tierten Unternehmen nach China. Der Maschinenbau und auch die Pharmabranche sowie ihre Zulieferer haben mitt­lerweile große Investitionen in China getätigt. Die Palette ist also sehr breit.

Welche Hilfen bieten Sie Mittelständlern, die in China aktiv werden wollen?

Wir haben bereits vor einigen Jahren sogenannte German Desks eingerichtet, die Unternehmen in vielen Dingen beraten – in deutscher Sprache. Das ist für viele Kunden, insbesondere zu Anfang, durchaus wichtig. Neben allgemeinen Beratungen konzentrieren wir uns auf die Themen Zahlungsverkehr und Finanzierung. Schon eine Kontoeröffnung ist aufgrund der strengen regulato­rischen Vorgaben in China ein sehr aufwendiger Prozess. Und wir richten den Zahlungsverkehr ein, der auch anders ist, als wir ihn aus Deutschland kennen.

Was muss man bei der Finanzierung eines Investments ­beachten?

Zunächst muss man bei den chinesischen Behörden einen Investitionsplan einreichen, der genehmigt werden muss. Abhängig von der Größe des Vorhabens müssen entsprechend Eigenkapital eingebracht und darüber hinaus Finanzierungen vereinbart werden, für die wir natürlich zur Verfügung stehen. Insgesamt offerieren wir in China nahezu alle Dienstleistungen, die wir auch in Deutschland anbieten, allerdings vor dem Hintergrund eines deutlich anspruchsvolleren regulatorischen Umfelds. Konkret geht es dabei darum, die richtigen Behörden anzusprechen, die richtigen Genehmigungen einzuholen und die richtigen Unterlagen vorzulegen.

Wie finanzieren Unternehmen ihre Expansion in China?

Es gibt unterschiedliche Finanzierungsinstrumente, von denen ich hier die drei wichtigsten nennen will: Der übliche Standard ist ein Kredit, den man bei einer Bank aufnimmt. Bei größeren Summen bietet sich auch ein syndizierter Kredit an, bei dem mehrere Institute die Finanzierung gemeinsam bereitstellen. Wenn es um eine große Investition geht, kann man Geld auch über den Kapitalmarkt einsammeln. Dafür eignet sich zum Beispiel ein Bond, der bisher meist offshore in Hongkong aufgenommen wurde.

Kleinere Firmen starten gern in Shanghai. Wieso sind die ­Bedingungen hier so gut?

Shanghai will zum größten Finanzzentrum der Welt werden. Deshalb gibt es dort auch die entsprechenden Rahmenbedingungen, insbesondere was das Thema Finanzierung und Genehmigungen durch die Behörden angeht. Dort sind alle Banken zu finden. Mittlerweile kann der Standort auf eine mehr als ein Jahrzehnt lange Historie intensiven wirtschaftlichen Wachstums verweisen und hat ein einladendes Klima für Investoren entwickelt.

Shanghai soll zu einer Freihandelszone mit neuen Qualitäten werden. Im Herbst waren noch viele Details unklar. Gibt es mittlerweile Konkreteres dazu?

Das Vorhaben befindet sich immer noch in der Vorbereitungsphase. Im Wesentlichen geht es darum, Genehmigungsverfahren weiter zu vereinfachen, die In­vestitionsmöglichkeiten großzügiger zu gestalten und die Bestimmungen beispielsweise für Zinssätze und Wechselkurse zu lockern. Wir gehen davon aus, dass die chinesische Regierung mit dieser Freihandelszone ein Testfeld für die Liberalisierung des Finanzmarkts im ganzen Land schaffen will.

Das hat große Bedeutung für die künftige Entwicklung.

Absolut. Im Moment werden die Zahlungsströme sehr streng kontrolliert. Anlagegeschäft ist eigentlich nur ganz rudimentär möglich und die Wechselkurse werden täglich von der Regierung festgelegt. Derzeit gibt es in diesem Bereich keine freien Marktbedingungen. Das wäre natürlich ein Befreiungsschlag und würde noch mehr ausländische Investoren nach China ziehen.

Gibt es in China außer in Shanghai noch weitere interessante Regionen für Investitionen?

Den Standort für eine Ansiedlung können sich Unternehmen nicht ganz frei aussuchen. Die chinesische Regierung will zum Beispiel nicht nur die bereits gut entwickelten östlichen Landesteile an der Küstenregion fördern, sondern auch im Hinterland mehr Industrie ansiedeln. Ein solches Zentrum ist beispielsweise Chongqing, das übrigens mit 32 Mio. Bewohnern mittlerweile die größte Stadt der Welt ist – und flächenmäßig so groß wie Österreich.

Mittelständler befürchten oft, dass der Schutz des geistigen Eigentums nicht gewährleistet ist. Sind diese Bedenken berechtigt?

Man kann sie nicht vom Tisch wischen. Viele Chinesen haben ein anderes Verhältnis zu dieser Materie. Wir Europäer haben eine Kultur der Patente entwickelt und wissen, wie man Innova­tionen schützt. In China gibt es eine solche Historie nicht. Man stößt bei dem Thema schlicht auf Unverständnis. Mittlerweile aber hat China das Problem erkannt. Es gibt mit den USA und mit der EU Verhandlungen über Lösungsmöglichkeiten. Aber selbst wenn es diese Regularien gibt: Man darf nicht vergessen, dass man vor Ort auf eine andere Mentalität trifft.

 

China galt früher als verlängerte Werkbank der Indus­trie­länder, mittlerweile entwickelt es sich zu einem interessanten Markt. In welcher Phase befindet sich dieser Prozess?

Am Anfang. Die Gesellschaft in China wird zwar immer reicher, aber noch auf Basis eines moderaten Niveaus. Die Mittelschicht, die sich heute über die Grundbedürfnisse hinaus Konsumgüter leisten kann, wächst zwar ständig –
zwischen 2000 und 2010 haben sich die Durchschnittseinkommen in China fast vervierfacht, entsprechend steigen auch Kaufkraft und Interesse an Konsumgütern. Aber das gilt derzeit für höchstens ein Drittel der chinesischen Bevöl­kerung, die insgesamt 1,4 Mrd. Menschen umfasst. Wir befinden uns also noch ziemlich am Anfang der Erschließung eines unglaublichen Marktes.

Die Commerzbank begleitet auch chinesische Unternehmen nach Deutschland. Welche sind das und welches Interesse ­haben sie an deutschen Firmen?

Das sind Firmen, die in ­ihrem Heimatmarkt eine gewisse Größe erreicht haben und – im Sinne von Expansion – den europäischen oder auch den amerikanischen Markt erobern wollen. Weitere Treiber für Übernahmen sind das Interesse an technischem Know-how, an hoher Produktqualität und am guten Image einer Marke.

Wie wird sich dieser Trend ­entwickeln?

Ich denke, dass wir hier erst am Anfang stehen. Für die chinesischen Konzerne ist vor allem die Qualitätsorientierung der deutschen Unternehmen interessant, denn in diesem Punkt haben sie den meisten Nachholbedarf. Da auch die chinesischen Abnehmer zunehmend auf Marke und Qualität achten, dürfte sich diese Entwicklung noch verstärken.

In Deutschland gibt es Vor­behalte gegen solche ­Trans­­aktio­nen. Wie schätzen
Sie die Diskussion ein?

Ich kann die Vorbehalte sehr gut nachvollziehen, denn es treffen bei der Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen zwei Kulturen aufeinander, die sich fremder gar nicht sein könnten. Dabei müssen große Hürden überwunden werden – sei es in der Kommunikation, in der Berichterstattung oder im Führungsstil. Aber sowohl die deutschen als auch die chinesischen Firmen haben das Thema erkannt und sind heute viel offener dafür, beispielsweise die Unterstützung eines Change-Beraters zu nutzen.

Seit Frühjahr 2013 gibt es eine neue politische Führung in ­China, die neue Akzente setzt. Ist das bei Ansiedelungen ­bereits spürbar?

Einiges deutet darauf hin, dass Xi Jinping die Reform- und Öffnungspolitik seiner Vorgänger fortsetzen wird. Im Moment gibt es jedoch nur Ankün­digungen und es wurden noch keine neuen Regelungen verabschiedet. Eine Ausnahme sind Überweisungen: Hier merken wir heute schon eine leichte Vereinfachung. Insgesamt hat sich auch das Klima für Ansiedelungen weiter zum Positiven verändert. Laut eines Zeitungsberichts soll der chinesische Präsident auf die Aussagen eines Unternehmers, dass man 100 Stempel für die Eröffnung eines Betriebs braucht, angeordnet haben, dass sie auf 20 reduziert werden. Da ist also vieles in Bewegung, aber die konkrete Umsetzung oder ein „großer Wurf“ lassen noch auf sich warten.

Welche weiteren Schritte sind bei der Liberalisierung des ­Finanzmarkts zu erwarten?

Was in der Shanghai Freetrade Zone passiert, wird Bedeutung für die Gesamtrepublik haben. Zunächst werden voraussichtlich die Zinssätze weiter liberalisiert. In der Vergangenheit wurden sie ja schon am unteren Ende des Korridors freigegeben. Wir rechnen nun damit, dass das auch am oberen Ende passieren wird. Darüber hinaus wird wohl der Wechselkurs für bestimmte Konten freigegeben. Den frei konvertierbaren Yuan werden wir meiner Meinung nach in fünf bis zehn Jahren sehen. Ich gebe die Spanne deswegen so groß an, weil eine solche Entwicklung ihre Zeit braucht. Aber ich bin sehr sicher, dass die chinesische Währung in zehn Jahren frei konvertierbar sein wird.

Damit sind Sie optimistischer als so manch anderer ­Experte.

Der Veränderungswille der Regierung ist deutlich sichtbar. Natürlich gibt es in China auch starke konservative Gegenströmungen. Man hat oft das Gefühl, dass es ein paar Schritte vorwärts und später wieder zurück geht. Aber der Weg dahin ist vorgezeichnet und das Land wird ihn gehen. Und ein Jahrzehnt ist ein recht langer Zeitraum.

Wie schätzen Sie grundsätzlich die weitere wirtschaftliche Entwicklung Chinas ein?

Wir werden ein Wachstum auf konstant hohem Niveau sehen, aber es wird nicht mehr zweistellig sein. Chinas Wirtschaft wird etwas langsamer, aber mit 7 % bis 8 % äußerst solide wachsen – wie es die chinesische Regierung langfristig anstrebt. Vor dem Hintergrund der Umweltprobleme des Landes ist es jedenfalls sinnvoll.

Die Weltbank hat kürzlich vor einer Finanzkrise in China gewarnt. Wie stabil ist das chinesische Finanzsystem? Wie hoch schätzen Sie das Risiko von Kreditausfällen ein?

Das Risiko ist meines Erachtens überschaubar. Was das Thema Schattenbanking angeht, ist das ein Phänomen, das wir weltweit sehen. In China macht der Anteil der Schattenbanken am Bruttosozialprodukt nur einen Bruchteil aus, wohingegen es in anderen Ländern oft ein Vielfaches ist. Wir sprechen also im Vergleich dazu von einem Risiko, das handelbar erscheint. Die chinesische Regierung tut im Moment durch eine entsprechende Liquiditätssteuerung alles, um die weitere Zunahme möglicherweise ausfallgefähr­deter Kredite zu verhindern.

Noch eine Frage zur chinesisch-deutschen Mentalität: Wo ­sehen Sie persönlich die größten Unterschiede?

Der entscheidendste Unterschied ist, dass wir Deutsche sehr plan­orientiert sind. Wir machen für ein Vorhaben einen Plan A, und wenn er nicht funktioniert, haben wir mindestens einen Plan B in der Schub­lade. Da sind die Chinesen völlig anders. Sie sind ex­trem pragmatisch. Aus jeder neuen Regelung entwickeln sie eine neue Geschäftsidee, und das mit großer Geschwindigkeit. Dafür brauchen sie keinen Plan, sie fangen einfach an, und wenn sie auf ein Hindernis stoßen, dann sind sie sehr flexibel und umschiffen es geschickt. Das geht natürlich auch nicht immer gut. Aber vor dem Hintergrund unserer Planwütigkeit ist dieser Pragmatismus manchmal wohltuend.

Kurzvita

Edith Weymayr ist seit Januar 2013 Regionalvorstand Asien mit Sitz in Shanghai und verantwortet für die Commerzbank im Segment ­Mittelstandsbank International das Firmenkundengeschäft in dieser Region. Die Commerzbank ist in Asien mit Filialen in Hongkong, ­Peking, Tianjin, Shanghai, Singapur und Tokio vertreten.

Das Interview führte

Elwine Happ-Frank

24.03.2014 | 09:25

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