Dr. Patrick Trutwein ist Vorstand für Risiko und Operations der IKB Deutsche Industriebank AG. (Foto: IKB)



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Vom Risiko zur Resilienz: Was der KB-Risiko-&-Operationsvorstand Unternehmen über KI-Strategien rät

von Patrick Trutwein

Eine neue „Weltunordnung“, wie sie der Politikwissenschaftler Carlo Masala in seinem gleichnamigen Buch beschreibt, ist zunehmend spürbar. Doch trotz globaler Unsicherheiten gibt es gute Gründe, optimistisch ins Jahr 2026 zu blicken: Die Bundesregierung hat Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit angestoßen, die Investitionsbereitschaft steigt, und Unternehmen sind bereit für Veränderungen. Das ist auch nötig, denn mit dem Vormarsch der künstlichen Intelligenz (KI) verändern sich Tempo und Struktur der Wertschöpfung grundlegend. 

War KI zunächst vor allem als chatbasierte Anwendung für Recherchen oder Textarbeit präsent, sehen wir jetzt eine neue Phase der Multi-Agent-Systeme. Sie übernehmen komplexe Aufgaben und verändern grundlegende Prozesse. Das Ergebnis sind Effizienzgewinne, höhere Qualität und neue Geschäftsmodelle. 

Die zentrale Frage lautet: Wie bleiben Unternehmen in dieser Dynamik handlungsfähig und resilient? Die Antwort liegt im vorausschauenden Umgang mit Zukunftsszenarien. Wer Unsicherheiten aktiv begegnet, kann Chancen nutzen und Risiken steuern. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Technologie, Prozessen und Organisation. 

KI entfaltet ihr Potenzial nur, wenn sie sinnvoll in bestehende Systeme integriert wird. Modulare Architekturen mit offenen Schnittstellen und Cloud-Lösungen schaffen die Flexibilität, KI-Modelle nahtlos einzubinden. Daten sind das Fundament: Ohne verlässliche Datenbasis bleibt KI wirkungslos. Sicherheit und Transparenz – etwa durch Monitoring – sind von Anfang an wichtig. 

Doch Technik allein reicht nicht. Unternehmen müssen klar definieren, welchen Nutzen KI bringen soll: Effizienz, bessere Entscheidungen oder kreative Freiräume? Erst wenn diese Prioritäten definiert sind, lässt sich KI gezielt entwickeln und steuern – als Instrument, das auf die Unternehmensstrategie einzahlt. 

Mit KI geraten auch die Ebenen und Kompetenzen in einer Organisation in Bewegung. Viele Routinetätigkeiten lassen sich automatisieren, Rollen verschieben sich. Mitarbeitende steuern, bewerten nun Ergebnisse und sichern Qualität. Die Organisation entwickelt sich von der Pyramidenform zur „Diamantenstruktur“ mit neuen Rollen im Mittelbau. Führungskräfte sind als Mentoren und Botschafter der Unternehmenswerte gefragt. KI verändert nicht nur Tools, sondern auch Verantwortung und Entscheidungslogik. 

Resilienz entsteht heute nicht mehr allein durch robuste Prozesse, sondern auch durch Befähigung im Umgang mit KI. Schulungen und Peer-Learning motivieren zur Nutzung neuer Tools und Entwicklung individueller Lösungen. So wird KI zum Treiber für Eigenverantwortung und Innovation. Gleichzeitig verändert sich unser Verständnis von ­Arbeit und Miteinander. Hier gilt es, ­diese ­Fragen frühzeitig zu adressieren und eine Kultur zu fördern, die Lernen und Fehler zulässt. 

Vier Denkanstöße für mehr Handlungsspielraum: 

● Zukunftsszenarien durchspielen, um Risiken und Chancen zu identifizieren. 

● Wirkung der KI begreifen: Multi-Agent-Systeme sind der nächste Schritt. 

● Experimentierfreude und Innovation fördern; das heißt, auch Mitarbeitende einbinden und befähigen. 

● Struktur, Monitoring, KPIs etablieren, um Fortschritte sichtbar zu machen. 

Entscheidend ist die richtige Herangehensweise. Es reicht nicht, nur ein „Early Adopter“ zu sein. Wer seine Wettbewerbsfähigkeit stärken und Resilienz aufbauen will, muss KI systematisch einsetzen. Das Ziel sollte ein Operating Model sein, das auf agentenbasierte Zusammenarbeit und kontinuierliches Lernen setzt. Kurz: KI ist kein Selbstläufer, aber der Schlüssel für zukunftsfähige Organisationen. 

Patrick Trutwein

15.12.2025 | 15:45

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