Die Datev-Daten offenbaren einen Trend: Während Löhne im Mittelstand stark steigen, verlieren viele Geschäftsführer real an Einkommen – erstmals seit Jahren. (Foto: shutterstock)
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Warum Chefgehälter sinken – und Mitarbeiter mehr verdienen
Von Thorsten Giersch
Wieviel Geld die CEO von börsennotierten Konzernen bekommen, ist bestens bekannt und immer wieder Anlass für Debatten. 2024 stiegen die Salär zum Beispiel erheblich, obwohl das die Gewinn-Entwicklungen nur sehr bedingt hergaben. Zwar gibt es hierzulande noch keine amerikanischen Verhältnisse, aber die Unterschiede zwischen dem Top-Management und der Belegschaft werden immer wieder errechnet und ausgewiesen als Maßstab für steigende Ungleichheit.
Dass diese Deutung für die Breite der deutschen Wirtschaft nichtzutreffend ist, hat jetzt der Datev Mittelstandsindex errechnet. Demnach steigen die Löhne seit 2022 schneller als die Gehälter der Vorstände und Geschäftsführer – zumindest im Mittelstand. Zwei bis womöglich drei Jahre Rezession haben die Verantwortungsträger offenbar sensibel gemacht – wenn das denn überhaupt nötig war, möchte man ergänzen. Der Informationsdienstleister der steuerberatenden Berufe greift für die Studie auf anonymisierte und aggregierte Lohn- und Gehaltsabrechnungen von mehr als acht Millionen Arbeitnehmern zurück.
Echte Gehaltseinbußen für Mittelständler
Untersucht wurde der Zeitraum von 2002 bis Ende September 2025. Die Bruttostundenlöhne insgesamt stiegen hier um 21 Prozent, die der Geschäftsführer „nur“ um zwölf Prozent. „Der Zuwachs in den unteren Lohngruppen war am höchsten. Die Gehälter der unternehmerisch Verantwortlichen – der Geschäftsführer – bleiben hinter der allgemeinen Lohnentwicklung zurück“, sagte Robert Mayr, der Vorstandsvorsitzende der Datev-Genossenschaft.
Im Detail sind die Gründe für diese nennenswerte Diskrepanz nicht mit zu 100 Prozent belegbar. Timm Bönke, der Chefvolkswirt von Datev, geht davon aus, dass die oft inhabergeführten Unternehmen Verantwortung in schlechten Zeiten übernehmen. Zudem sanken Erfolgsprämien. Nicht zu unterschätzen sei aber auch, dass der Fachkräftemangel das Lohnniveau steigen lasse. Wenn große Unternehmen zum Beispiel KI-Spezialisten mehr zahlen, muss der Mittelstand in der Regel nachziehen. Dazu kommt die Erhöhung des Mindestlohns von 9,82 Euro Anfang 2022 auf 12,82 Euro je Stunde – ein Plus von 30,5 Prozent. Wie wichtig dieser Faktor ist, zeigt der Umstand, dass die durchschnittliche Steigerung bei den Löhnen der mittelgroßen Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitern besonders hoch war. Hier schlägt der Mindestlohn besonders zu buche.
Wichtig ist, dass man von den Steigerungen beim nominalen Einkommen die höheren Kosten für Lebenshaltung abzieht: Der Verbraucherpreisindex stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamts von Januar 2022 bis Oktober um 17 Prozent. Soll heißen: Geschäftsführer hatten real weniger am Monatsende übrig als vor 2022, die Belegschaft fünf Prozent mehr.
25.11.2025 | 00:56
