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Klaus Heinemann, seit 2018 Aufsichtsratsvorsitzender von Ingrid Hoteles SPA und Betreiber von Hotels in Italien, Frankreich, Ungarn und Tschechien, kennt die Tourismus- und Flugbranche wie nur wenige.


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„Fluggesellschaften reduzieren die Kapazitäten um mehr als 50 Prozent“

Im Interview erklärt Klaus Heinemann, ehemaliger CEO der Amsterdamer Leasinggesellschaft Aer Cap, wieso Fluggesellschaften massiv auf staatliche Hilfen angewiesen sind, wie sich der Tourismus verändern könnte und warum sich digitale Meetings durchsetzen werden.

Herr Heinemann, die Coronakrise hat große Teile des Flugverkehrs monatelang zum Erliegen gebracht. Welche Auswirkungen hat das für das Flugzeug als Investitionsobjekt?

Das kommt sehr aufs Flugzeug an. Wie bei den vergangenen Krisen auch, trifft es zuerst die großen und die älteren Modelle. Etwa die A-380, die älteren Boeing 747, alte A-320 und die gesamte A-340-Flotte. Neuere Maschinen sind viel leistungsfähiger bei viel geringerem Verbrauch.

Investieren die Fluggesellschaften in neue Maschinen?

Aktuell wird wenig in neue Flugzeuge investiert. Bestehende Aufträge werden abgewickelt. Aber die Fluggesellschaften sind darauf bedacht, Kapazitäten zu reduzieren. Und das in erheblichen Maße: Bei den letzten großen Krisen, nach 9/11 und der Wirtschaftskrise ab 2008, lag die Kapazitätsreduzierung bei 20-25 Prozent. Im Moment haben wir Kapazitätsreduzierungen, die 50 Prozent übersteigen. Es trifft also auch Flugzeuge, die normalerweise nicht ausgemustert würden.

Wie lange wirkt sich eine Krise auf den Flugverkehr aus?

Da kann man aus den vergangenen Krisen keine Schlüsse ziehen, weil diese Krise von der Dimension völlig anders ist. Fluggesellschaften sind massiv auf staatliche Hilfen angewiesen, um zu überleben. Und es bleibt die Frage: Wenn sie überleben, wie schaffen sie ein tragfähiges Geschäftsmodell? Das gibt es noch keine Antwort drauf. Abgesehen davon sind ja von der Krise auch die Hersteller, die Zulieferer, die Flughafenbetreiber, die Dienstleister am Flughafen, die Leasinggesellschaften massiv betroffen.

Im Sommer haben wir gesehen, dass diejenigen, die es sich leisten können, vermehrt auf Privatflieger für ihre Reisen nach Mallorca gesetzt haben. Wird sich dieser Trend mittelfristig bestätigen?

Solange wir kein Mittel gegen das Virus haben, werden diejenigen, die es sich leisten können, natürlich auf Privatflieger setzen. Genauso, wie sie eher auf eine Finca gehen als in ein Luxushotel – oder eine Yacht chartern, statt sich an den Strand zu legen. Aber das ist ein verschwindend geringer Prozentsatz des Tourismus und das wird sich auch nicht ändern.

Eine Konsequenz aus der Krise ist, dass vermehrt auf Videokonferenzen statt auf Geschäftsreisen gesetzt wird. Glauben Sie, das bleibt so?

Ja. Ich nehme seit einem halben Jahr an Aufsichtsratssitzungen über Videokonferenz teil. Es hat mich überrascht, wie gut das geht. Und es ist wahnsinnig effizient. Wenn ich nach Hamburg zur Sitzung reisen würde, wären zwischen Anreise, Hotelaufenthalt, Sitzung und Rückreise schnell 48 Stunden weg. Per Videokonferenz sind wir in drei Stunden fertig. Und es sind Menschen aus sechs oder sieben Ländern dabei. Es wird natürlich nicht alles ersetzen. Manches muss man persönlich machen. Ich würde beispielsweise nie jemanden in einer Videokonferenz entlassen.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die aus ökologischen Gründen nicht ins Flugzeug steigen. Wie wird das in der Branche diskutiert?

Es gibt sehr intensiv diskutiert. Es wird auch beantwortet, in dem immer mehr Motoren entwickelt werden, die im Treibstoffverbrauch besser sind. Es gibt aber auch Dinge, wo der Staat gefragt ist. Zum Beispiel basiert der gesamte Bereich der Fluglosten auf einer Technologie, die lachhaft altmodisch ist, nämlich dem Zweiwegeradio und dem Radar. Es gibt heute eine satellitengestützte Methode, die sehr viel effizienter ist. Die würde verhindern, dass Flugzeuge im Zickzack fliegen oder in Warteschleifen kommen. Das würde dazu führen, dass sie weniger in der Luft sind. Die EU hadert seit über 20 Jahren, da ein gemeinsames Konzept zu finden, wie man die Luftverkehrssicherung auf den heutigen Stand der Technologie bringt. Dabei würde dies eine erhebliche Entlastung bringen.

Sie bauen seit einigen Jahren unter anderem Wein, Oliven, Feigen und Johannisbrot an –  eine ganz andere Art der Investition. Gibt es trotzdem Parallelen zwischen Flugzeugen und Wein?

Nein, die einzige Verbindung ist, dass mir mein Berufsleben im Bereich der Luftfahrt die finanziellen Möglichkeiten gegeben hat, mir hier etwas aufzubauen, was bestenfalls sehr langfristig rentabel ist. An der Insel ist die industrielle Agrikultur größtenteils vorbeigegangen. Das wurde lange als Nachteil gewertet, weil man weniger kosteneffizient gearbeitet hat. Heute ist das anders – lokale Produkte werden geschätzt, gerade auch im Bereich des hochwertigen Tourismus. Je mehr 5-Sterne-Landhotels wird haben, je mehr gute Restaurants es gibt, desto mehr hilft das der lokalen Landwirtschaft. Langfristig bedarf es dafür eine Umwandlung zu einem Tourismus, der neudeutsch „sustainable“ ist.

Die Pandemie hat Mallorca brutal vor Augen geführt, welche Folgen eine Monowirtschaft hat. Glauben Sie, dass eine Diversifizierung möglich ist?

Man sollte sich keiner Illusion hingeben, dass eine Unabhängigkeit vom Tourismus im weitesten Sinne erzielt werden kann. Der Charakter des Tourismus kann sich aber ändern – und er tut es auch. Tourismus ist für mich auch der Rentner, der hier den Winter verbringt. Tourismus ist der Zweitwohnsitz. Und auch die Entscheidung, die Insel zum Erstwohnsitz zu machen – was durch Homeoffice immer realistischer ist.

Sie sprechen beim Wirtschaftsforum – NEU DENKEN. Inwieweit haben die vergangenen Monate Ihr Denken verändert?

Ich bin viel mit dem Boot vor der Insel unterwegs. Man konnte bis in den Juli hinein sehen, welche Auswirkungen der Massentourismus auf die Umwelt hat. Ich habe noch nie so klares Wasser vor Mallorca gesehen. Das wusste man vorher, aber es zu sehen, war sehr eindrucksvoll. Zum anderen freue ich mich, dass diese dumme Einstellung, dass die nordeuropäischen Länder keine finanzielle Verantwortung für Gesamteuropa haben, ein wenig zurückgedrängt wurde. Natürlich haben wir sie, wir müssen uns gegenseitig unterstützen. Und über die Fonds, die aus Brüssel genehmigt wurden, hat sich dies manifestiert. Der Nationalstaat allein kann diese Krise nicht bewältigen.

23.09.2020 | 18:30

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