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Weniger Wolfsburg, mehr Schalke

Die Bundesliga legt los, eine Tabelle aber steht schon fest. Die entscheidenden Fernsehgelder werden verteilt. Dabei aber missachtet die DFL das wichtigste Kriterium: die Einschaltquoten.

Wenn die Deutsche Fußball Liga (DFL) ihre TV-Gelder an die Bundesligavereine verteilt, dann ist das für den Fußball wie Weihnachten, Zeugnisgeld und Boni-Ausschüttung auf einmal. Die Fernsehmillionen sind inzwischen der Generalschlüssel zum sportlichen Erfolg im Profifußball. Das Geld, das die DFL durch die Vermarktung der TV-Rechte in In- und Ausland erwirtschaftet, wird anhand der Tabellenplätze in einer Fünfjahreswertung verteilt. Demnach haben die Bayern diesmal 47,6 Millionen Euro bereits sicher. Sollte der Rekordmeister erneut den Titel holen, kämen die Münchner mit einem Drei-Millionen-Bonus erstmals in der Geschichte auf mehr als 50 Millionen Euro. Der VfB Stuttgart erhält im Mittelfeld 31,7 Millionen Euro und am wenigsten bekommt Paderborn mit 18,6 Millionen Euro. Die sportlich Erfolgreichen bekommen also mehr, schön abgestuft nach Tabellenrängen. Das klingt fair – ist es aber nicht.

Das erste Problem bei der rein tabellenplatzbezogenen Ausschüttung liegt darin, dass die Kluft zwischen stärkeren und schwächeren Vereinen immer größer wird. Die Tabellenoberen bekommen immer mehr Geld, um ihre Tabellenhoheit immer weiter auszubauen und sich die Fleischtöpfe der Champions League dauerhaft zu sichern. Damit mutiert die Bundesliga langsam aber sicher zu einer Langeweilerveranstaltung, beinahe wie eine Rentenversicherungsanstalt für Bayern, Dortmund & Co. Denn andere können in dieser Konstellation nie mehr Meister werden. Schon die vergangene Saison hat gezeigt, dass die Bundesliga ihren Meisterreiz verliert, wenn von vornherein klar ist, dass Bayern mal wieder die Schale holt. Die Spannung der vergangenen Saison bestand vielmehr im Abstiegskampf – was auf Dauer kaum trösten kann über die obere Ödnis.

Der zweite Strukturfehler der TV-Geld-Vergabe liegt darin, dass die falsche Leistung belohnt wird. TV-Gelder werden generiert, weil viele Fans die Spiele sehen wollen. Einschaltquote ist daher das entscheidende Kriterium dieser Medienökonomie. Also sollten die Vereine auch mehr TV-Geld erhalten, die viele Zuschauer anziehen als diejenigen, die kaum einer sehen will. Den Hamburger SV, Schalke 04 und Eintracht Frankfurt wollen ungewöhnlich viele Fernsehzuschauer sehen – sie erreichen regelmäßig gewaltige Einschaltquoten, weil ihre Anhängerschaft entsprechend groß und begeistert ist. Hoffenheim und Wolfsburg will dagegen kaum einer sehen.

Die aber erhalten, wenn sie in der Tabelle vor Frankfurt und Hamburg liegen, deutlich mehr Geld. Da die sport-kommerzielle Logik derart falsch sortiert ist, werden immer neue Retortenclubs angelockt: RB Leipzig wird bald in der Bundesliga auftrumpfen und Red Bull damit neben Volkswagen, Bayer und SAP seinen Kunstverein nach oben gekauft haben.

Geld nach Beliebtheit verteilen?

Damit belohnt die DFL nicht die eigentlichen Herzkammern des deutschen Fußballs, die großen Traditionsvereine und ihre Millionen Fans, sondern die Kommerzclubs von Konzernen oder Milliardären. Sie verrät im Grunde ihre eigene Kultur. Denn Fußball wird nur millionenfach geschaut und also zu einem Milliardengeschäft, weil es millionenfache Emotionen von echten Fans gibt. Das spiegelt sich in den Einschaltquoten und Ticketverkäufen wider. Und da liegen nun einmal Frankfurt, Hamburg, Stuttgart und Bremen dramatisch weit vor Leverkusen.

Die DFL sollte also – wenn nun schon die Logik des Marktes den Fußball immer stärker prägt – die Regeln von Angebot und Nachfrage auch beachten. Der VfL Wolfsburg aber wird auch in 100 Jahren und mit noch so vielen Angebots-Millionen des VW-Konzerns nie so viel Fan-Nachfrage erreichen wie Schalke 04. Unter den Fußballmächtigen hat daher eine Diskussion um neue Verteilungsschlüssel der TV-Gelder begonnen. Vereinsobere aus Dortmund und Frankfurt fordern seit längerem, die Mittel auch nach Kategorien der Beliebtheit zu verteilen. Andernorts, in Holland oder England etwa, ist das bereits üblich. Warum nicht auch bei uns?

Das Ökonomische durchdringt den Fußball zum Ärger vieler Fans inzwischen so sehr, dass sie vor lauter VIP-Lounges, Transferdeals und Marketingverträgen um die Seele des Sports fürchten. Man könnte aber dieser Seele zumindest ihren fairen Wert geben. Wenn schon die Ökonomie der Aufmerksamkeit regiert, dann bitte richtig. Die mit großer Aufmerksamkeit sollten mehr bekommen als die, hinter denen nur Businesspläne aber keine Leidenschaft stehen.

Dieser Kommentar ist Teil der Kolumne "What's right?", die Wolfram Weimer wöchentlich für das Handelsblatt schreibt.

22.08.2014 | 10:56

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