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Helmut Kohl - großer Mann, kleine Tragödie

Ein peinliches Buch bringt den Altkanzler in Bedrängnis. Helmut Kohl ist so krank, dass er sich kaum wehren kann. Sein privater Lebensabend ist eine Tragödie.

Für die einen ist es ein hinterhältiger Vertrauensbruch, für die anderen eine amüsante Indiskretion, für die meisten eine traurige Posse. Die Veröffentlichung von privaten Zitaten Helmut Kohls aus den 600 Stunden Tonbandinterviews, die er vor vielen Jahren dem Journalisten Heribert Schwan gab, ist in jeder Beziehung peinlich.

Die erste Peinlichkeit trifft den WDR-Journalisten, der einst das Vertrauen von Kohl genoss und zu stundenlangen Kellergesprächen in Oggersheim geladen war, um freiweg über das Leben des Altkanzlers zu reden. Dabei ließ sich Kohl vertraglich zusichern, die alleinige Entscheidung über Form und Inhalt jedweder Veröffentlichung zu behalten. Er wollte nicht, dass jedes unbedacht gesagte Wort, jeder emotionale Ausbruch, jede Witzelei an die Öffentlichkeit kommt. Nun aber passiert genau das.

Nach seinem schweren Treppensturz 2008 musste Kohl die Arbeit mit Schwan an der Biografie unterbrechen. Im März 2009 kündigte der Altkanzler schließlich die Zusammenarbeit mit dem Journalisten auf. Nach Jahren der Streitereien, insbesondere mit Kohls Ehefrau Maike Richter - veröffentlicht Schwan jetzt aber trotzdem eine Art Best-of-Album ("Die Kohl-Protokolle") der besonders derben Kollegenbeschimpfungen und Ansichten des Altkanzlers als Buch und kassiert ab. Die Gerichte wird dieser Vorgang noch intensiv beschäftigen, die Debatten um journalistische Moral auch. Denn Fairness sieht anders aus.

Maike Richter - Gralshüterin des Erbes


Die zweite Peinlichkeit trifft Kohl selbst. Denn die Indiskretion wirft zugleich ein trübes Licht auf seine zuweilen derbe Art im Umgang mit und im Urteil über politische Gegner und Weggefährten. Kohl war nicht zimperlich, und die Technik des Despektierlichen gehörte zu seinem Instrumentarium. Das macht den Menschen hinter dem Politiker nicht sympathischer.

Die dritte Peinlichkeit rankt sich um das Verhalten von Maike Richter und ihrer seit Jahren zu beobachtenden Selbststilisierung als Gralshüterin des Altkanzler-Erbes. Mit ihrer Zerberus-Strategie der Abschirmung ist innerhalb der Familie, im Freundeskreis und hin zur Öffentlichkeit ein unseliges Klima der Entfremdung entstanden. Damit schadet sie immer wieder dem Ansehen ihres Mannes, wo sie doch genau dieses zu verteidigen sucht.

In dieser Gemengelage ist Helmut Kohl in eine Situation geraten, die ihn als Hochbetagten zum Spielball von Ränken und Eifersüchteleien werden lässt. Schwer angeschlagen und krank kann er sich ungerechter Anwürfe gar nicht mehr erwehren. Seine Integrität wird im Moment der größten Schwäche attackiert. Das macht die jetzige Indiskretion so gemein.

Das hat Kohl nicht verdient


Denn wie immer man den Menschen und seine kleinen Schwächen sieht, wie sehr Helmut Kohl als Altersprivatier in eine Tragödie verstrickt ist, die vom Tod seiner ersten Frau über den bitteren Streit mit seinem Sohn bis hin zum jetzigem Verrat eines Biografen reicht - er hat Respekt verdient. Als Mensch, aber auch als großer Staatsmann Deutschlands.

Helmut Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler, er wurde immer und immer wieder gewählt, weil die Deutschen ihm vertrauten. Und auch vertrauen konnten. Seine Kanzlerjahre gehören zu den besten der deutschen Geschichte. Die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit war so nur durch sein behutsames, geschicktes Dirigat möglich. Die europäische Einigung und die Einführung des Euro sind historische Glanzleistungen, für die er über Jahre hinweg strategisch beharrlich alles in die Waagschale warf, was er hatte.Dass am Ende das moderne, wiedervereinigte, europäische Deutschland sich einen hohen Achtungsplatz in der Welt erarbeitet hatte - all das steht auf seiner Bilanz.

Helmut Kohl war ein außergewöhnlich erfolgreicher Kanzler; gewiss hatte er seine Schwächen und auch (man denke nur an die Spendenaffäre) schwere politische Fehltritte. Aber ein Objekt der boulevardesken Fremddemontage sollte er nicht werden. Diese Form der Erniedrigung hat Helmut Kohl nicht verdient.

 

Helmut Kohl ist "Person der Woche" in Wolfram Weimers Kommentar für n-tv.de.

11.10.2014 | 13:35

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