Gabriele Hässig ist Geschäftsführerin für Kommunikation und Nachhaltigkeit (DACH) bei Procter & Gamble (P&G) und kennt die Welt der Großkonzerne. (Foto: WMG)



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Reverse Mentoring im Unternehmen: Warum junge Mitarbeitende plötzlich die besseren Mentoren sind

Wenn die Generation Z die Chefs coacht

Gabriele Hässig, Top-Managerin bei Procter & Gamble und Vorsitzende des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel, über Ausbildung und wirksame Personalarbeit für eine Kultur der stetigen Weiterentwicklung. 

Das Gespräch führte Thorsten Giersch. 
 
 
Sie sind Vorsitzende des Industrieverbandes Körperpflege und Waschmittel (IKW), also auch die Stimme vieler kleiner Firmen. Wie geht es den Betrieben in dieser Branche? 

  • Gabriele Hässig: Unsere Produkte sind nach wie vor stark nachgefragt und die Umsätze entwickeln sich positiv. Das sind sicherlich Mutmacher. Allerdings haben wir zahlreiche Herausforderungen vor uns. 

 

Und zwar? 

  • Gabriele Hässig: Unsere Unternehmen leiden unter hohen Kosten und Belastungen, auch unter der allseits beklagten überbordenden Bürokratie. Und das ist dramatisch. Unsere Daten zeigen, dass aktuell 40 Prozent der Unternehmen darüber nachdenken, ins Ausland zu verlagern, manche sogar über die Geschäftsaufgabe. 50.000 Arbeitsplätze und fünf Milliarden Euro Wohlstandsbeitrag könnten gefährdet sein. Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen. 

 

Sie kennen beide Welten: Gelingen Innovationen leichter bei Konzernen oder im Mittelstand? 

  • Gabriele Hässig: Natürlich gibt es in Konzernen viel Abstimmungsnotwendigkeit. Da kann im Mittelstand manches agiler passieren. Aber egal, wo man sich bewegt: Eine klare Standortbestimmung ist wichtig, um sich klarzumachen, wo die strategischen Herausforderungen liegen. Dann gilt es, ins Machen zu kommen. Also nicht nur Energie in die Strategie zu stecken, sondern die Menschen mitzunehmen und entsprechend auch die Transformationsleistung auf die Fläche zu bekommen. 

 

Womit wir bei einem Ihrer Lieblingsthemen sind, der Personalarbeit. Wie kompliziert ist der Arbeitsmarkt derzeit? 

  • Gabriele Hässig: Manche Standortbedingungen in Deutschland sind nach wie vor sehr positiv, andere herausfordernd. Wir haben eine große Stärke: die Ausbildung unserer Mitarbeitenden. Und wenn man nicht nur in die Ausbildung investiert, sondern auch in Weiterbildung, haben wir viele Möglichkeiten, auch mit der bestehenden Belegschaft ganz neue Bereiche zu erschließen. Auf diese Stärke sollten wir uns stärker konzentrieren. 

 

Lohnt es sich noch, selbst auszubilden? 

  • Gabriele Hässig: Sehr sogar. Wir haben zum Beispiel bei P&G in Deutschland ungefähr 140 Auszubildende pro Jahr. Dazu kommen noch viele in dualer Ausbildung. Aber wir brauchen neue Tools, um Auszubildende anzusprechen. Als wir mit Tiktok als Kanal starteten, war es zunächst etwas schleppend. So etwas nur mit Bordmitteln machen zu wollen, reicht manchmal nicht. Also haben wir gezielt investiert und konnten die Bewerberzahlen verdoppeln. 

 

180 Jahre alt und immer wieder  
Neues probieren? 

  • Gabriele Hässig: In den 180 Jahren haben wir uns natürlich weiterentwickelt. Was immer gleichgeblieben ist, ist der Fokus auf die Kunden, auf die Beschäftigten und auf unsere Werte und Prinzipien wie Leadership, Ownership, Integrität. Wir sind sicherlich kein Familienunternehmen mehr, haben aber als ein solches begonnen – und unsere Grundwerte sind aktueller denn je. Mit den Mitarbeitenden fängt alles an. Sie sind die Basis für konstruktive Disruption. 

 

Das bedeutet? 

  • Gabriele Hässig: Das heißt, wir fordern uns immer wieder heraus, um die Art, wie wir das Geschäft betreiben, zu ändern. Was sich nicht ändert, ist der Fokus auf die Menschen, die unsere Produkte verwenden, und auf die Menschen, die in unserem Unternehmen arbeiten. 

 

Legen wir das tiefer: Welche Maßnahmen ergreifen Sie? 

  • Gabriele Hässig: Ganz wichtig derzeit: Reverse Mentoring wenden wir an, damit Jung und Alt in neuer Form zusammenkommen. Es geht darum, die Erfahrungsintelligenz der Älteren mit der Möglichkeitsintelligenz der Jüngeren zusammenzubringen. Damit meine ich nicht nur Trendthemen wie Künstliche Intelligenz. Es geht auch darum, dass die, die länger dabei sind und möglicherweise höhere Positionen haben, die Welt und die Möglichkeiten durch die Augen von jungen Menschen sehen. 

 

Die junge Person ist der Mentor und die ältere der Mentee? 

  • Gabriele Hässig: Ja. Wir dürfen nicht immer wieder in diese klassischen alten Rollen zurückfallen. Da lernt man ganz Erstaunliches. Wir alle haben Vorurteile, die durch die eigene Erfahrung geprägt sind. Wenn Menschen heute bei uns neu beginnen und Mentor sind für die Älteren, bringen sie eine ganz andere Sichtweise mit auf vieles, was wir im Unternehmen immer schon so getan haben. Das ist erfrischend. Natürlich haben wir aber auch die klassischen Mentor-Beziehungen und das klassische Coaching. 

 

Um auch die anderen Diversitäts-kategorien zu erwähnen: Tut sich -hierzulande Nennenswertes bei  
der Geschlechterfairness? 

  • Gabriele Hässig: Hier kann ich im Detail nur für P&G sprechen: Bei P&G haben wir Führungsposten schon lange ungefähr 50:50 besetzt. Das sind Entwicklungen, die Jahrzehnte brauchen. Unser großes Thema heute ist aber nicht die zahlenmäßige Gleichstellung, sondern wirklich inklusiv zu sein über alle möglichen Faktoren. Es geht darum, dass jeder Mensch, der bei uns arbeitet, sein ganzes Selbst mitbringen kann – und nicht einen Teil zu Hause lassen muss. Wer voll dabei ist, bringt viel mehr Energie, Kreativität, Leistungswillen ins Unternehmen. 

 

Für ein Konsumgüterunternehmen ein Muss. 

  • Gabriele Hässig: Natürlich. Gerade Markenunternehmen müssen viele unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Haushalten und Lebenssituationen ansprechen. Wir haben in vielen Jahrzehnten gelernt, dass man dafür die Konsumenten intern abbilden muss. All die Daten zu durchdringen, gelingt einer vielfältigen Belegschaft viel besser. 

 

Es heißt, dass in Deutschland die Diversitätskategorie Herkunft das größte Manko ist. Sehen Sie das auch so? 

  • Gabriele Hässig: Es ist wichtig, dass auch Herkunft als Diversitätsfaktor gesehen wird. Für uns heißt das zum Beispiel, dass wir Mitarbeitende nicht nur an den klassischen Wirtschaftshochschulen rekrutieren, sondern auch an Hochschulen, die früher nicht im Fokus waren. Man darf nicht zu eng nach Personal suchen. In unserer Zentrale in Schwalbach am Taunus haben wir Mitarbeitende aus mehr als 60 Nationen. 

 

Wo steht P&G bei Nachhaltigkeitsmaßnahmen, etwa der Kreislauf-wirtschaft? 

  • Gabriele Hässig: In den vergangenen zehn Jahren ist viel passiert. Natürlich sind wir noch nicht fertig. Aber wo vor zehn Jahren noch Projekte im kleinen Maßstab angelaufen sind, ist das heute breit eingeführt oder wird gerade ausgerollt. Skalierung ist ein wichtiger Faktor. Natürlich haben wir noch Themen, an denen wir arbeiten müssen. Und auch die EU ist gefragt. End-of-life-Kriterien zum Beispiel sollte sie noch klarer regeln, um geschlossene Kreisläufe zu ermöglichen. 

Thorsten Giersch

16.04.2026 | 21:10

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