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Foto: domdeen/FreeDigitalPhotos.net.

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German Angst vor dem Gründen und Scheitern

Wer glaubt, dass sich Start-ups in den USA nur im Silicon Valley ansiedeln und nur dort funktionieren, der kennt kaum die halbe Wahrheit. Amerika dominiert nicht nur das globale Internetgeschäft und akku­muliert Billionen an Kapital für die Digitalindustrie; es steckt auch im innovativen Gründungsfieber.

Start-up-Karten, die die Gründungsdichte visualisieren, zeigen ein buntes, zerstreutes Bild. Überall sprießen die Garagenunternehmen und Hinterhoffirmen. So gehören beispielsweise Colo­rado und Utah zu den Bundesstaaten mit der höchsten Hightech-Start-up-Dichte. Und die Ostküste wäre nicht die Ostküste, wenn sie den Vorsprung der Westküste nicht kontern würde – besonders in New York, wo das Geld zu Gründern drängt, aber auch rund um die Elite-Univer­sitäten von Boston bis Durham.

Besonders interessant ist die erhöhte Aktivität in Washington. Seit einigen Jahren lockt nicht nur Präsident Obama die Techies des Landes für Staatsaufgaben in die Hauptstadt. Auch Mikrobrauereien, Mobilitätspioniere und Modemeister machen D.C. und seine Um­gebung attraktiv für Unternehmer. „1776“ heißt der erfolg­reiche Brutkasten für Haupt­stadt-Start-ups. Motto des Inkubators: „Where Revolutions begin“, wo Revolutionen beginnen. Dabei spezialisiert man sich auf hochgradig regu­lierte Branchen: Gesundheit, Energie, Städte, Nach­haltigkeit, Mobilität und Bil­dung gehören dazu. Und so machen die Amerikaner selbst aus büro­kratisierten Geschäften ein Venture.

Ganz anders ist die Lage in Deutschland. Zwar unter­scheiden sich die Entrepreneure in den US-Großstädten kaum von Berliner Tüftlern. In beiden Ländern ist die überwiegende Mehrheit männlich. Der Durchschnittsgründer ist nicht etwa ein Student in seinen 20ern, in Wahrheit ist er sowohl in den USA als auch in Deutschland rund 40 Jahre alt. Die überwältigende Mehr­heit der Gründer beider Na­tionen starten ihre Firmen mit einem Hochschulabschluss in der Tasche.

Größter Unterschied ist kultureller Natur

Und doch ist Deutschlands Gründerszene meilenweit hinter den USA zurück. In Amerika kommen Gründer viel schneller an Venture-Kapital, die Börsen verschaffen leichter Risikokapital, sie haben ­weniger mit staatlichen Vor­schriften zu kämpfen, und große Konzerne investieren rascher und systematischer in Start-ups.

Der größte Unterschied ist aber kultureller Natur. Das Wagnis-Gefälle zwischen Amerikanern und Deutschen ist das, was man im „Land of the Brave“ die „German Angst“ nennt. Deutsche sind zu staats- und sicherheitsfixiert, machen sich einfach zu viele Sorgen, haben keine Easy-going-Mentalität. Hinzu kommt die Tatsache, dass Scheitern in Deutschland viel verpönter ist als in den USA. Der Start-up-Monitor fand heraus, dass 63 % der Gründer die Toleranz der Gesellschaft gegenüber dem Scheitern als niedrig einschätzen. In Amerika sollte auf einem guten Gründer-Lebenslauf mindestens eine Fail-Story geschrieben stehen. Scheitern wird im Land der un­begrenzten Möglichkeiten als Lernprozess begriffen. Und von dieser Einstellung könnten wir in Deutschland etwas lernen.

Die drei wertvollsten Marken der Welt sind Apple, Microsoft und Google. Alle drei kommen aus den USA und alle drei wurden von Personen gegründet, die zuvor bereits mit ihren Ideen gescheitert sind. Scheitern ist Alltag im Silicon Valley, in Washington D.C. und hoffentlich auch in Berlin. Denn es ist ein fruchtbarer Alltag.

Kommentar von Wolf-Christian Weimer

05.01.2016 | 18:43

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