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Der neue König des Internets: Jan Koum

Mutige Ukrainer machen in diesen Tagen Welt-Schlagzeilen. Für einen globalen Revolutionscoup ganz anderer Art sorgt zeitgleich der Ukrainer Jan Koum in Kalifornien.

Vitali Klitschko und Julia Timoschenko sind die Helden dieser Woche. Sie führen eine tapfere Revolution für Demokratie und Europa an, die die Welt beeindruckt. Doch am anderen Ende der Welt gibt es einen dritten Ukrainer, der zeitgleich eine Revolution der globalen Art organisiert. Sein Name ist Jan Koum, er wird in dieser Woche 37 Jahre alt und ist der neue König des Internets. Koum ist Gründer von WhatsApp und hat seinen Messaging-Dienst für Mobiltelefone gerade für atemraubende 19 Milliarden Dollar an Facebook verkauft. Das ist mehr als die gesamten Devisenreserven der Ukraine.

Koum kennt die Sorgen der Ukrainer ganz genau. Er wurde in einem kleinen Dorf in der Nähe Kiews geboren. In ärmlichsten Verhältnissen - sein Elternhaus hatte nicht einmal warmes Wasser - verbrachte er seine Kindheit, ehe seine Mutter aus schierer Not in die USA emigrierte. Da war Jan Koum 16 Jahre alt. Während die Mutter Jobs als Putzfrau und Babysitterin annahm und jung an Krebs starb, schlug er sich mit Aushilfsarbeiten durch. Er wischte die Böden im örtlichen Supermarkt von Mountain View und bettelte um Essensmarken. Auf der Mountain View High School galt er als Krawallmacher und Problemjugendlicher.

"Kein Schnickschnack!"

Doch dann machte das ukrainische Sorgenkind eine amerikanische Tellerwäscherkarriere wie im billigsten Märchenbuch der US-Patrioten. Er brachte sich das Programmieren selbst bei, schmökerte in seiner Freizeit ausgiebig die Anleitungen von Computernetzwerkdiensten und freundete sich mit Brian Acton an, der ihm einen Aushilfsjob bei Yahoo besorgte. Er bewarb sich bei Facebook, wurde aber abgelehnt, kaufte sich 2009 ein iPhone und gründete an seinem Geburtstag, dem 24. Februar 2009, die WhatsApp Inc., obwohl die Applikation noch nicht einmal programmiert war. Warum für SMS noch Geld bezahlen? WhatsApp entwickelte sich sehr schnell zu einer der beliebtesten Apps überhaupt. Binnen weniger Monate wurde aus der selbst gestrickten Info-App, die anfangs permanent abstürzte, ein globales Kommunikationsinstrument mit bald 500 Millionen Nutzern - und jeden Monat kommen 20 Millionen hinzu. Seine simple App revolutioniert die globale Kommunikation. Briefe, SMS, Konferenz- oder Fotomails - vieles ist plötzlich überflüssig und teuer geworden.

An Koums Schreibtisch klebt ein kleiner Zettel, der seine Haltung und seine Idee bei WhatsApp zusammenfasst: "Keine Werbung! Keine Spiele! Kein Schnickschnack!" Die Notiz sei eine tägliche Erinnerung, immer aufs Wesentliche fokussiert zu bleiben, sagt er. Und so hat Koum seinen WhatsApp-Weltkonzern so klein gehalten, wie es irgend geht. Es gibt ein winziges Firmenschild, keine Werbung, keine Selbstdarstellung. Nur gut 50 Mitarbeiter sind bei ihm beschäftigt - und doch ist das Gründerunternehmen seit dieser Woche mehr wert als der deutsche Energiekonzern RWE mit seinen 17.000 Mitarbeitern, Adidas mit seinen 40.000 Mitarbeitern oder die Commerzbank mit ihren 54.000 Kollegen.

Den Milliardenvertrag mit Facebook wollte Koum unbedingt ein paar Blocks von seinem bescheidenen Firmensitz in einem weißen Bürogebäude unterzeichnen, dort, wo früher das Sozialamt zu finden war. Es war just der Ort, in dem er als Jugendlicher für Lebensmittelmarken hatte anstehen müssen.

Nun könnte man sich, wenn man Milliarden in wenigen Monaten verdient hat, einfach Jachten, Villen und Fußballklubs (Koum ist Fußballfan, Boxer und Frisbeespieler) kaufen und das Leben lustvoll vergeuden. Koum will das nicht. Er sieht das viele Geld und die neue Allianz mit Facebook nur als Instrument für die nächste Revolution. WhatsApp werde alsbald ins Telefongeschäft einsteigen. Jeder solle mit der App kostenlos übers Internet telefonieren können. "Unsere Mission ist es, sicherzustellen, dass Menschen einfach kommunizieren können, egal wo sie sind", sagt Koum. Mit der Sprachfunktion fordert er etablierte Telekom-Konzerne frontal heraus. Die nächste Revolution steht ins Haus. Und wer wagt sie? Ein Ukrainer!



Quelle: n-tv.de, Person der Woche, 25.02.2014.

Wolfram Weimer

26.02.2014 | 10:54

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