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Die Experimente, die 1968 en vogue waren, finden in der jungen Geneation von 2015 kaum noch Anklang.

Total out: Teach-Ins wie dieses von 1968 (Bild: Wikimedia Commons)

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Die Anti-Achtundsechziger kommen

Die Generation der Achtundsechziger kann es kaum fassen. Sie hatten zeitlebens Familienkritik betrieben, auf Emanzipation und Distanz gesetzt. „Antiautorität“ war das Schlagwort seit den sechziger Jahren, und eine ewige Pubertät wurde proklamiert. Familie sei ein Hort der latenten Repression, dagegen brauche die Jugend „Kritikfähigkeit“, „Selbstbestimmung“, „Ich-Stärke“.

Nun passiert freilich das glatte Gegenteil. Die neue Jugend sucht vor allem Einvernehmen mit den Eltern. Wir-Stärke statt Ich-Stärke ist angesagt. In der neuen Shell-Jugendstudie stellen die Forscher verblüfft fest: „Im Unterschied zur Generation der Eltern selbst, die meist eine kritische Einstellung zum Lebensstil ihrer Väter und Mütter pflegen oder pflegten, haben junge Leute ein überwiegend entspanntes und zugewandtes Verhältnis.“ Der Studie zufolge kommen 92 Prozent der deutschen Jugendlichen derzeit gut oder sogar bestens mir ihren Eltern aus. Die Werte sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Haben im Jahr 2002 immerhin 32 Prozent der Jugendlichen ihr Verhältnis zu den Eltern sei „bestens“ so sind es heute 40 Prozent.

Interessant ist auch, dass der Erziehungsstil der Eltern große Zustimmung erfährt. Auf die Frage „Würdest Du Dein Kind einmal genauso erziehen, wie Deine Eltern Dich erzogen haben?“ sagen heute 74 Prozent der Jugendlichen „ja". Das ist ein Rekordwert. Die Forscher resümieren: „Damit ist seit 2002 der Anteil der Jugendlichen, die die Erziehung der eigenen Eltern zum Vorbild nehmen, kontinuierlich angestiegen.“

Kurzum: Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist so gut wie lange nicht mehr. Damit sind nicht nur die Ideologen der kritischen Theorie widerlegt. Auch alle Kulturpessimisten und Zerfallspropheten dürften staunen. Denn trotz hoher Scheidungsraten, Patchwork-Familien und schwerer Belastungen durch die moderne Arbeitswelt ist die Familie stark wie nie.

Es war im Jahre 1953, als die Mineralölgesellschaft Shell unabhängige Forscher und Forschungsinstitute beauftragte, eine Studie über das Denken und Fühlen der deutschen Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren zu erstellen. Auch wenn die Bearbeiter und Autoren in den 62 Jahren des Bestehens der Studie wechselten, das Werk war immer ein Seismograph für große soziale Trends, ein Frühwarnsystem generationeller Veränderungen. Das neue Selbstbewusstsein junger Frauen registrierte die Jugendstudie ebenso frühzeitig wie später die Freizeit- und Freundesorientierung und (Jahre später) das neue Karriere- und Leistungsbewusstsein.

Die der 17. Jugendstudie zeigt nun an, dass die deutschen Jugendlichen heute eine pragmatisch-konstruktive Haltung allen Herausforderungen gegenüber auszeichnet. Ob in Familie, Schule, Beruf oder Gesellschaft, sie sind allem und allen gegenüber optimistisch, sind weniger kritisch, dafür aber aufgeschlossen und glauben, persönlich an der Gestaltung der Zukunft mitwirken zu können. Die Verfasser der Studie sprechen von einer „Generation des Aufbruchs“ mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Der wird allerdings bei den Jugendlichen aus der Unterschicht etwas getrübt; aus dieser Gruppe sehen nur ganz wenige einen möglichen Aufstieg über die Bildung. Dagegen steht die Familie „als emotionaler Heimathafen“ bei allen Jugendlichen hoch im Kurs. Die Eltern werden nicht nur als Autoritäten anerkannt, nein, ihren Erziehungsmethoden wird zugestimmt, und  - sie werden geliebt. Erstaunlich ist, dass trotz dieses positiven Bildes von der Familie der Wunsch nach eigenen Kindern im Vergleich mit der Studie aus 2010 (69 Prozent) rückläufig ist, 2015 (64 Prozent).

Was den Beruf angeht, so steht der sichere Arbeitsplatz an erster Stelle aller Wünsche (95 Prozent). Darüber hinaus glauben 75 Prozent der Jugendlichen im Westen und 65 Prozent im Osten, dass sie sich in ihrem Beruf auch selbst verwirklichen können. Neben einem ausreichenden Einkommen erwarten vor allem die Befragten aus den östlichen Bundesländern auch genügend Freizeit, sie wollen nicht der Karriere zuliebe auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichten.

Insgesamt wirkt die jetzige Jugend konservativer als ihre Vorgängergenerationen. Im vergleich zu den Achtundsechziger sind sie sogar ein echtes Gegenmodell. Polizei und Gerichte werden besonders wichtig genommen, die Sorge vor Terrorismus und kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt ist deutlich gewachsen. Hatten noch 2010 nur 44% der Jugendlichen Angst vor Krieg in Europa, so sind es heute 62 Prozent, und Angst vor Terroranschlägen haben 75 Prozent. Dabei wurden diese Zahlen noch vor den Attentaten in Paris ermittelt.

Insgesamt 89% der Jugendlichen teilen heute solide, bürgerliche Vorstellungen von Familie, Partnerschaft und Freundschaft, 84 Prozent Recht und Ordnung. Die Untaten der respektieren Nationalsozialisten werden entschieden verurteilt, sie verhindern aber nicht, dass man stolz auf Deutschland ist, auf seine Geschichte und auf die Gegenwart. Es ist überhaupt keine Schande mehr zu sagen: Ich liebe mein Vaterland, meine Heimat und meine Eltern. AW

Die 17. Shell Jugendstudie ist übertitelt mit: Jugend 2015 - eine pragmatische Generation im Aufbruch. Sie wurde erarbeitet von Prof.  Dr. Mathias Albert, Prof. Dr.Klaus Hurrelmann, Prof. Dr. Gudrun Quenzel und von den Mitarbeitern der TNS Infratest Sozialforschung in München; Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main, 2015, 447 Seiten, 19,99 Euro.


06.12.2015 | 22:07

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