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Die aktuelle Debatte um das Video von 2013, in dem Varoufakis "den Deutschen" den Mittelfinger zeigt, ist nur der Höhepunkt der öffentlichen Diskussionen um den heutigen griechischen Finanzminister. (Foto: imago)

Die aktuelle Debatte um das Video von 2013, in dem Varoufakis "den Deutschen" den Mittelfinger zeigt, ist nur der Höhepunkt der öffentlichen Diskussionen um den heutigen griechischen Finanzminister. (Foto: imago)

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Varoufakis: Linker Provokateur? Finanzminister!

Im Schuldendrama Griechenlands übernimmt der neue Finanzminister Yanis Varoufakis die Hauptrolle des Bösewichts. Er brüskiert die Troika, will einen Schuldenschnitt erpressen und sucht Sündenböcke. Wer ist der Mann?

Finanzminister Yanis Varoufakis kommt gern mit dem Motorrad zur Arbeit. Er meidet Krawatten und holt lieber die Lederjacke raus. Er spricht nicht, er doziert – und am allerliebsten provoziert er. „Der Spiegel“ nennt ihn „einen Mann, der selbst für griechische Verhältnisse als emotional und aufbrausend gilt“. Kollegen haben ihm geraten, sich verbal zurückzuhalten. Darauf er: „Ich habe vor, diesen Rat zu ignorieren.“

Varoufakis ist binnen weniger Tage zu einem Enfant terrible der europäischen Politszene aufgestiegen – weil er sich verhält wie ein Halbstarker im Minister­sessel. Er behandelte den ­braven Eurogruppenchef Jeroen Dijssel­bloem in unverschämter ­Manier wie einen Landstreicher der Macht, dem die Tür gewiesen wird. Und er grinste dabei so selbstverliebt, dass dem kultivierten Teil Europas Teelöffel wie Kinnladen herunterfielen.

Europa hatte einen hartgesottenen Linken erwartet, der mit allerlei ideologischem Gewese neues Geld zum Umverteilen organisiert. Doch auf einen schwadronierenden Poltergeist, einen schlauen obendrein, waren sie nicht gefasst. „Meine Bestimmung ist es, die Dinge beim Namen zu nennen“, schrieb Varoufakis einmal über sich. Genau das führt nun zu allerlei Grotesken und Widersprüchen. Denn er nennt die täglichen Dinge immer neu beim Namen. An einem Tag will er mit den Kreditgebern nicht mehr reden, am nächsten sucht er das Gespräch, einmal wird Russland als Alternative ins Gespräch gebracht, am nächsten dementiert. Deutschland wird frontal attackiert, dann wieder beschwichtigt. Erst geht nichts ohne Schuldenschnitt, dann will er das Wort nicht mehr erwähnen.

Training für linke Opposition in London

Nun ist der Beruf des griechischen Finanzministers in ­etwa so vergnüglich wie ein Gärtnerjob in der Sahara. Man muss schon sehr genau schauen, wo es letzte Quellen gibt und wo überhaupt noch etwas grünen kann. Und so reiste Varoufakis nun in einer Erkundungstournee quer durch Europa. Erst nach Paris – auf der Suche nach sozialistischen Verbündeten –, dann nach London (hier hat er studiert, doziert und in den Thatcher-Jahren linke Opposition trainiert), schließlich nach Rom auf der Suche nach einer Südallianz.

Nur vor Berlin hat er Angst, denn Deutschland und Angela Merkel hat er so scharf angegriffen, dass es ihm schwerfällt, nun eine normale Gesprächsebene zu finden. Wie ein frecher Schuljunge, der das Fenster der Direktorin eingeworfen und sie auch noch verhöhnt hat, meidet er nun das Lehrerzimmer. Doch während erste Kommentatoren Varoufakis schon als linken Rocker wahlweise abqualifizieren oder bewundern, dürfte sein Problem nicht im Habituellen liegen. Er mag mit Leder­jacken, offenen Hemden und losem Mundwerk agieren, wie er will – am Ende wird es um konkrete Lösungen gehen. Doch genau das scheint seine Schwäche.

Der neue Minister ist kein Macher, er ist ein Intellektueller, kein Mann der Tat, sondern einer des Wortes. Ihn interessiert nicht das kleine Detail einer Lösung, ihn interessiert die ­große Pose einer Revolution. Er ist – womöglich in Überschätzung seiner Möglichkeiten – fixiert auf ­eine „historische Entscheidung“, den Jahrhundert-Schuldendeal, den „Neuanfang für ganz Europa“, wo es in Wahrheit doch um mühevolle Kärrnerarbeit schrittweiser Verbesserungen geht. Varoufakis legt sich selbst die Latte ganz hoch. Einerseits schwadroniert er, dass er neue, frische Kredite als völlig falsche Medizin für Griechenland ablehnt. Andererseits verabschiedet seine neue Links-Regierung bereits teure Wahlgeschenke und Wohltaten. In wenigen Wochen wird Griechenland zahlungsunfähig sein.

Für einen Finanzminister ist er außerordentlich gebildet, der Professor für ökonomische Theorie parliert souverän mit der Oxford-Elite wie mit Künstlern in Paris. In seinen Finanzmarkt-erklärungen werden schon mal der Dichter Ezra Pound oder der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski bemüht. Varoufakis ist nicht nur sprachbegabt, sondern auch sprachmächtig, ein Meister der Metapher und geistiger Vater von Kampfbegriffen wie dem „fiskalischen Waterboarding“ oder dem „sozialen Holocaust“. Die Tatsache, dass Griechenland kaum aus der Eurozone fliegen kann, umschrieb Varoufakis mit einem Zitat aus dem Eagles-Hit „Hotel California“. Auch in der Währungsunion gelte: „Du kannst jederzeit auschecken, aber nie weggehen.“ Varoufakis war wie viele Griechen in der Krise auch persönlich in finanziellen Nöten. 2012 nahm er in Austin, Texas, letzte Lehraufträge an, um über die Runden zu kommen. Seine Exfrau und seine Tochter Xenia leben inzwischen in Australien.

„Lächelnd“ in den Staatsbankrott

Varoufakis legt es seither – in vielen seiner Texte nachzulesen – auf eine Erpressungsstrategie an. Schon kurz nachdem der dama­lige Premierminister Georgios Papandreou die Europartner 2010 um Finanzhilfen gebeten hatte, forderte Varoufakis ihn öffentlich auf, es zur Staatspleite kommen zu lassen. „Lasst uns pleitegehen! Jetzt! Mit einem Lächeln und optimistisch!“, schrieb er. In seinem Blog beschreibt er unverblümt, dass am Ende Deutschland lieber zahlen werde, als Griechenland pleitegehen zu lassen. Deutschland werde über seine Banken darunter mehr leiden als Griechenland, das nur eine geringe interne Verschuldung habe.

Eine griechische Staatspleite wäre für die eigenen Leute „relativ schmerzlos“, und weiter: „Wisst ihr, was das Beste ist? Wenn wir uns selbst von der Angst vor einer Staatspleite freimachen könnten, würden unsere deutschen Freunde sich sofort beeilen, sie zu verhindern.“ Varoufakis hat also einen Plan, deutsches Geld in großem Stil zu beschaffen – und ein übersteigertes Selbstbild als Held der Schuldenrevolution. Beethoven ­habe sich an Napoleon abarbeiten müssen, Picasso an den Faschisten. Es brauche zuweilen die große Reibung für große Leistungen, schreibt er.

Die EU sei dabei, Europas Kultur zu zerstören. Varoufakis führt das legendäre Göring-Zitat in die Debatte ein („Wenn ich das Wort Kultur höre, greife ich am liebsten nach meinem Revolver“) und ­findet, dass das Binnenmarkt-Europa so zerstörerisch sei, dass Görings Revolver überflüssig werde. Sein Pathos und seine linke Gesinnung sind verblüffend 70er-Jahre-haft.

Er sieht sich als eine Art Anti-Thatcher und findet in seinem Blog bewundernde Worte ausgerechnet für die konservative Legende. Sie sei leidenschaftlichen Überzeugungen treu geblieben und habe historisches Bewusstsein gehabt – das unterscheide sie von den Marktforschungs-Mario­netten der heutigen Politikergeneration. So eine will Varoufakis auf keinen Fall sein. Er hat sich aufgemacht, ein Thatcher der Linken zu werden, und zitiert selbst deren Alltags-Tipp für Politiker: Schlaf ist ineffizient und etwas für Weicheier. Ein ausgeschlafener Kerl ist er.

MR

17.03.2015 | 16:32

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