Hubertus Bardt, Ökonom und Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (Bild: IW).



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„Den Wohlstandsbruch gibt es schon“

Gestern haben die Ministerpräsidenten und Bundesregierung über den Fortgang der Corona-Einschränkungen beraten. Für Top-Ökonom Hubertus Bardt ist klar: die konkreten Auswirkungen für den Standort sind schon absehbar. Fünf unbequeme Wahrheiten über unseren Wohlstand nach Corona.

Von Sven Prange

Wer dieser Tage mit Hubertus Bardt, Ökonom und Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln spricht, erlebt einen zwiegespaltenen Mann. Einerseits, daran möchte Bardt keinen Zweifel lassen, sieht er den Bedarf für eine entschlossene Bekämpfung des Corona-Virus. Andererseits sieht er auch, welchen ökonomischen Schaden in Teilen der Wirtschaft die bisherige Strategie verursacht. „Den Wohlstandsbruch“, sagt Bardt im Gespräch mit Focus-Partner Markt und Mittelstand, „hat es schon gegeben“.

Zwar deuten die Prognosen von Wirtschaftsforschern und Bundesregierung darauf hin, dass es in der zweiten Jahreshälfte eine rasche Erholung der Konjunktur geben könnte und ebenfalls ist es derzeit so, dass der zweite Corona-Lockdown seit November weniger ökonomische Schäden verursacht hat, als der erste vor zwölf Monate. Aber es gibt ganze Bereiche der Volkswirtschaft, in denen auch nach dem Ende des Lockdowns wenig so bleiben wird, wie es war. Das zeigt sich vor allem an diesen fünf Punkten:

1. Am Jahresende 500.000 Arbeitslose mehr

„Wir werden in 2021 rund 500.000 Arbeitslose mehr haben als 2019“, prognostiziert Bardt. Auch, weil in einigen Branchen die Wirkung des Kurzarbeitergeldes, die derzeit noch viele Entlassungen verhindert, im Laufe des Jahres nachlassen wird.

„Kurzarbeit soll ja über einen Abgrund helfen, wo auf der anderen Seite fester Grund ist“, sagt Bardt. „Wenn dieser nicht mehr trägt, hilft das Instrument nicht mehr.“ Vor allem wird es Menschen treffen, deren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt schon vor Corona ebenfalls nicht rosig waren. Denn Gastronomie, Eventbranche, Teile von Handel und Handwerk: Das sind viele Unternehmen, die auch Arbeitsplätze für weniger qualifizierte Menschen anbieten und die künftig womöglich wegfallen.

2. Bei einigen Branchen wird es kein Zurück zum Normal mehr geben

Viele personennahe Dienstleistung wie Friseure, die über den Winter Einbrüche hatten, werden sehr schnell wieder anlaufen. Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung ist ja nicht zurückgegangen, wie man in diesen Tagen sieht. „Aber andere Geschäfte, wie Clubs oder Veranstaltungsunternehmen stehen vor tiefen Einschnitten“, sagt Bardt. „Selbst wenn die irgendwann wieder öffnen dürfen: die Menschen können erst einmal vorsichtiger sein. Ich will keiner Branche sagen, es ist aussichtslos. Aber natürlich ist es so: Bevor man einer Branche sagt, ihr könnt erst in fünf Jahren wieder eröffnen und bis dahin halten wir euch über Wasser, sollte man besser einen klaren Schnitt machen. Man kann Unternehmen ja nicht ewig auf Standby halten.“

3. Unternehmen investieren ins Überleben, nicht in die Zukunft

Die derzeit wohl unterschätzteste ökonomische Gefahr: die Innovationsdelle, die in der Krise entsteht. Denn auch Unternehmen, die überleben, werden viele Mittel brauchen, um dieses Überleben zu sichern. Geld, das dann für Investitionen in die Zukunft fehlt. „Wir haben gesehen, dass die Investitionen insgesamt massiv gesunken sind“, sagt Bardt. Er führt als Beispiel die Luftfahrt an. Deren Rückkehr zu einer alten Normalität ist mit am unsichersten. „Die werden also weniger neue Flugzeuge bestellen auf längere Zeit. Das heißt für die Flugzeugbauer, dass die Aufträge schwächer werden. Innovationen und Investitionen werden dann schwieriger“, sagt Bardt. Ein Effekt, der zudem vor allem Mittelständler trifft. „Dafür spricht, dass die Kapitalausstattung da im Zweifel geringer ist und dass die Branchen, die derzeit betroffen sind, kleinteiliger strukturiert sind“, sagt Bardt.

4. Die Innenstadt ist tot

Neben Gastronomie und Veranstaltern leidet vor allem der stationäre Einzelhandel derzeit. „Die Innenstädte werden nach Corona nicht mehr so aussehen wie vorher“, legt sich Bardt fest. Er gibt damit jenen Oberbürgermeistern, vor allem aus Baden-Württemberg, recht, die derzeit mit ähnliche Warn-Szenarien auf Kanzleramt und Bundeswirtschaftsministerium Sturm laufen. „Wir haben alle kollektiv gelernt, wie praktisch Onlinehandel ist. Vieles davon wird bleiben“, sagt Bardt. „Auch, weil es da nicht so viele aufgestaute Bedürfnisse der Kunden gibt wie in anderen betroffenen Branchen. Das Hemd, das wir nicht im stationären Modegeschäft, sondern beim Onlinehändler gekauft haben, werden wir nicht noch ein zweites Mal kaufen.“
Im Handel gäbe es einen regelrechten „Bruch“.

5. Den Wohlstandsbruch gibt es schon

Fünf Prozent Wirtschaftsleistung gingen allein im vergangenen Jahr verloren. „Das ist, als wenn man sein Novembergehalt noch kriegt, Dezember aber nur noch halb“, sagt Bardt. Wie groß die Schäden wirklich sind: Das ist wie bei einer Flut. Das sieht man erst, wenn das Wasser wieder weg ist. Der Ökonom nimmt nun die Wahlkämpfer des anstehenden Bundestagswahlkampfes in die Pflicht: „Die Diskussion müsste um Wachstumsperspektiven, die man schaffen kann, geführt werden. Die Schrumpfung des letzten Jahres werden wir bis zur Wahl nicht ausgleichen. Deswegen müssen im Wahlkampf Lösungen her: Wie kommen wir an Mittel für die riesigen Zukunftsaufgaben? Wie schaffen wir Rahmenbedingungen für Investitionen? Wenn ich die Wirtschaft zum Beispiel dekarbonisieren will, brauche ich hier Unternehmen, die hier in Deutschland investieren wollen.“

Und was ist mit jenen Branchen, die derzeit profitieren? Online-Handel, Pharma, Einrichtungsherstelle? Da mahnt der IW-Chef zu Realismus. „Das sind Nischen, die profitieren. Das ist nicht vergleichbar mit denen, die einbrechen. Unterm Strich wird volkswirtschaftlich ein großes Minus bleiben.“


04.03.2021 | 09:13

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