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Die sechs Irrtümer von Matthias Horx

Zukunftsforscher sind mutig, weil sie Irrtümer in Kauf nehmen müssen. Der bekannteste Vertreter dieser Zunft ist Matthias Horx. Er sagte vor mehr als einem Jahr voraus, wie die Coronakrise verläuft. Seine aufsehenerregende Prognose von damals enthält mehr Fehler als eingetretene Tatsachen. In zwei Punkten allerdings lag er richtig.

Von Oliver Stock / WirtschaftsKurier 

Es ist schon mehr als ein Jahr her, da traute sich der Zukunftsforscher Matthias Horx etwas zu, das zwar zu seinem Beruf gehört, das aber wie stets in der Zunft der Futurologen und Visionäre hochriskant ist: Horx sagte die Zukunft voraus. Er entwarf eine Skizze vom Leben nach der Coronakrise. „Die Welt nach Corona“ nannte er seinen Aufsatz, der damals tatsächlich rauf und runter diskutiert wurde. Horx wendete dabei einen Kniff an und versetzte sich im März 2020 in jemanden, der rückblickend die überstandene Krise betrachtet und Bilanz zieht. Heute mehr als ein Jahr später lassen sich die Erkenntnisse des Futurologen gut überprüfen. Das ernüchternde Ergebnis: Auch der Profi-Zukunftsforscher kommt allenfalls auf eine durchschnittliche Trefferquote, was seine Voraussagen anbelangt. Sie liegt bei gerade einmal 25 Prozent.

Horx‘ erster und tiefgreifendster Irrtum bestand in seiner Grundannahme: Sein tatsächlich im März 2020 verfasster Rückblick spielt im September des gleichen Jahres. Corona sei überstanden und der erdachte Autor des Rückblicks sitzt „in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Straße bewegen sich wieder Menschen.“ Tatsächlich bewegten sich im September 2020 wieder einige Menschen in Straßencafes, das war aber, wie heute klar ist, nur ein Zwischenspiel, bevor die nächste Welle der Pandemie hereinbrach und die Cafes seit Oktober des vergangenen Jahres in Deutschland jedenfalls zu sind.

Von diesem Grundirrtum leiten sich weitere nicht eingetretene Vorhersagen ab. Da ist zum Beispiel zweitens die irrige Annahme, dass sich viele erleichtert fühlten, weil „das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen.“ Die Wirklichkeit verlief anders: Der Verlust dauert bis heute an und die „Möglichkeitsräume“ werden mit jedem Tag enger. Die aktuelle Diskussion um Ausgangsbeschränkungen ist nur ein Beispiel dafür. Die stark eingeschränkte Möglichkeit, Freunde, Kinder, Eltern und Großeltern physisch zu sehen, droht inzwischen zu einem Verlustgefühl zu werden, das sogar länger dauern könnte als die Krise selbst.

„Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an“, sagte Horx drittens voraus und schoss auch damit gründlich daneben. Der gereizte Ton dieser Tage zwischen denen, die Verständnis für jede neue Regel zeigen, und denen, die aufgehört haben, Verständnis für nicht Nach-Vollziehbares aufzubringen, spricht Bände.

Vierter Irrtum: „Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich in Grenzen. Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point“, schrieb Horx. Derzeit sieht es anders aus: Schreckensmeldungen über Virusmutanten, und Warnungen vor Impf-Nebenwirkungen prasseln im Minutentakt auf uns ein. Und wer abschaltet, schaut auf Netflix Horrorserien: „Walking Dead“ ist gerade Trending.

Auch aus medizinisch-technischer Sicht lag Horx neben der Wirklichkeit. Schon für den Sommer 2020 sagte er - und es ist die fünfte krasse Fehlprognose - Medikamente voraus, die die Überlebensrate erhöhten. Das war deutlich zu optimistisch und der Umstand, dass die gefundenen Medikamente auch an acht Milliarden Menschen auf der Welt verteilt werden müssen, um zu wirken, war Horx keinen Gedanken wert. Stattdessen fabulierte er munter: „Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende.“ Der große Technik-Hype sei vorbei. Inzwischen ist klar: Verhaltensweisen können das Virus nur begrenzt aufhalten, aber nicht besiegen. Das gelingt einzig durch hochmoderne Impfstoffe, die seit Jahreswechsel die Genlabore verlassen, und die es vorher noch nie gegeben hat.

Sechster Fehler: Beim Blick auf die Ökonomie lässt sich Horx‘ Vorhersage ebenfalls verwerfen. Zwar liegt er mit seinem prognostizierten Konjunktureinbruch richtig, aber das von ihm erwartete Börsendesaster von Minus 50 Prozent bei den Aktienkursen blieb aus. Eher ist das Gegenteil der Fall. Da Regierungen die Notenpressen angeworfen haben, ist Geld im Überfluss vorhanden und wird in Aktien und Wertpapiere investiert. Die Zahl der Milliardäre ist explodiert, was das Gegenteil von dem ist, was der Zukunftsforscher erwartet hat: „In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle.“

Die „riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, haben sich überlebt“, schreibt Horx und irrte: Obwohl Europa noch mitten in der Pandemie steckt, sind Frachtcontainer derzeit weltweit Mangelware und Transportschiffe über Monate ausgebucht. Der jüngste Mega-Stau vor dem Suezkanal hat das noch einmal gezeigt.

Immerhin: Horx hat auch Treffer unter seinen Vorhersagen erzielt. Bemerkenswert klar ist sein politischer Spürsinn. Trump wird abgewählt, sagte er voraus und verband es mit einer Analyse, die sogar im derzeitigen Machtkampf innerhalb der Union zwischen Armin Laschet und Markus Söder aufhorchen lässt: „In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt. Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie autoritär handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche.“

Auch das, was der Forscher als Entwicklung von „Kulturtechniken“ beschreibt, ist eingetroffen. Digitale Treffen „gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten - der Business-Flieger war besser - stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.“ Junge Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe gekommen seien, „machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge“, schrieb Horx vor mehr als einem Jahr und behält recht.

Unterm Strich lässt sich also nachrechnen: Sechs mal daneben, zweimal getroffen macht eine Trefferwahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Von vier Vorhersagen trifft eine zu. Für einen Forscher ist das nicht wirklich ein Traumergebnis. Vielleicht ist Horx aber kein solcher, sondern eben ein Visionär der Optimismus verbreiten will. „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben“, hat die US-Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt der Nachwelt als Sinnspruch hinterlassen. In diesem Sinne gehört Horx doch die Zukunft.

28.04.2021 | 11:25

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