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Diese vier Zweifel bedrohen die Weltwirtschaft

Eigentlich läuft es an den Börsen wie geschmiert. Konjunkturprogramme und der Impffortschritt machen Anleger optimistisch. Doch es gibt „Gespenster“ am Horizont: Die unterschiedliche Geschwindigkeit beim Impfen, das gespannte Verhältnis zu China, rasant steigende Anleiherenditen und wachsende Inflationsraten zählen dazu.

Von Oliver Stock  / WirtschaftsKurier

Kein Zweifel: Die Weltwirtschaft erholt sich und der Optimismus der Anleger wird durch Impfkampagnen, nationale Konjunkturprogramme und die schier endlose Geldschwemme der Notenbanken angeheizt. Das 1,9 Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket der Biden-Administration, die 1,5 Billionen Euro, die Brüssel in der EU verteilen will, und eine Konjunktur, die in China schon wieder auf Hochtouren läuft – all das schürt Hoffnung auf eine Ende der Sorgen um die Weltwirtschaft.

Aber es gibt Unsicherheiten. Zusammengefasst sind es vier Fragen, die die Anleger umtreiben und von deren Beantwortung es abhängt, wie sich die Märkte in Europa, den USA und Asien tatsächlich weiterentwickeln. Seema Shah, Starstrategin bei Principal Global Investors, eines seit knapp 150 Jahren in London ansässigen globalen Vermögensverwalters, hat die jetzt in ihrem jüngsten Brief an die Investoren aufgelistet: „Erstens“, so fragt sie: „Wie wird sich der ungleiche Zugang zu Impfstoffen auf die globalen Märkte auswirken?“ Zweiten verweist sie auf „das Gespenst steigender Renditen auf US-Staatsanleihen“, es könnte auf einen Vertrauensverlust für die US-Währung hinauslaufen. Drittens, so rätselt auch Seema Shah, „Wann werden die Notenbanken auf die Bremsen treten, um die Inflation zu verlangsamen? Und schließlich, viertens, betrachtet sie mit Sorge die zerrütteten Beziehungen zwischen den USA und China, die die Europäer zwingen, Farbe zu bekennen und ihre Loyalität klarzumachen.

Zur ersten Frage, der nach der Verteilung der Impfstoffe, verweist Shah auf ihre eigenen Entscheidungen als Fondsstrategin, die einen 544 Milliarden Dollar schweren Fonds managt. Sie bevorzuge inzwischen US-Aktien, was an Joe Bidens Konjunkturprogramm liege, aber auch mit der unterschiedlichen Impfgeschwindigkeit zwischen der EU und den USA zu tun habe. Sha ist in guter Gesellschaft: Laut Recherchen des Finanznachrichtendienstes „Bloomberg“ kommt es seit Wochen zu Kapitalabflüssen großer europäischer Aktienfonds in Richtung der USA. „Die Europäer sollten schleunigst das Impftempo erhöhen, wenn sie die Lage noch in den Griff bekommen wollen“, sagt Shah.

Verantwortlich für die Kapitalabflüsse ist das Tempo der europäischen Impf-Politik: In der EU hat bisher etwa jeder Zehnte die erste Impfung hinter sich, die zweite haben wenig mehr als halb so viele bekommen. In den USA ist dagegen knapp jeder Dritte bereits einmal geimpft, 21,3 Prozent haben nach Daten von Bloomberg von diesem Wochenende sogar bereits die zweite Impfung erhalten. Die Bummelei in Europa führt zu einer Verlängerung des Lockdowns, der laut ifo-Institut in Deutschland rund 16 Prozent der Volkswirtschaft direkt betrifft. Diejenigen, die in den betroffenen Branchen arbeiten, verdienen weniger, was zu niedrigerem Konsum führt. Jede Woche Lockdown bedeutet für Deutschland laut ifo-Institut rund 1,5 Milliarden Euro entgangene Wirtschaftskraft. Damit steht die Corona-Rallye auf dem Aktienmarkt in Europa auf wackligeren Füßen als in den USA.

Die zweite Frage, die nach dem „Gespenst steigender Anleiherenditen“, erklärt Ulrich Leuchtmann, der die Devisenanalyse bei der Commerzbank leitet, so: Die Renditen auf US-Staatsanleihen seien deutlich angezogen, sie spiegeln das gestiegene Risiko wider, dass durch die hohen Schulden, die die USA aufgenommen haben, entstanden ist. Die Renditen der Bundesanleihen stiegen zwar auch, aber nicht so stark wie in den USA. Unterm Strich schwächt diese Entwicklung den Dollar, sagt Leuchtmann. Damit zusammen hängt auch das Thema Inflation: Drei Prozent seien insbesondere angesichts steigender Geldmengen in den USA und im Euroraum möglich. Um das Mengenwachstum einzugrenzen, müssten Zinsen wieder eingeführt werden. Ein spürbarer Zinsschritt allerdings würde die Weltwirtschaft schnell aus dem Takt bringen.

Die Rivalität zwischen den USA und China – und damit die vierte Frage, die Seema Sha anspricht, hat unter dem neuen US-Präsidenten entgegen vieler Hoffnungen auf europäischer Seite eher noch zugenommen. Ein erstes Treffen der Außenminister beider Seiten seit Bidens Amtsantritt endete im März mit einem Eklat: Die Herren beschimpften sich öffentlich.

China will sich den Rückenwind nach der als überstanden erklärten Pandemie nicht nehmen lassen. Das Land war als erstes Ende 2019 von der Seuche betroffen. Die kommunistische Regierung reagierte mit harten Maßnahmen. Ausgangssperren und Abriegelung von ganzen Regionen ließen die Industrieproduktion komplett stillstehen. Auch der Nah- und Fernverkehr wurde auf ein Minimum heruntergefahren. Zwei Monate dauerte die Massenquarantäne und führte im ersten Monat zu einem Rückgang von 13,5 Prozent der Industrieproduktion und einem Rückgang des Konsums um 20,5 Prozent. Allerdings konnten danach das soziale Leben und die Industrie tatsächlich wieder hochgefahren werden. Zum Jahresende registrierte China als einziges Land auf der Liste der Industrienationen sogar ein Wirtschaftswachstum im Vergleich zum Vorjahr. Zwei Prozent legte die Wirtschaft zu und könnte dieses Jahr um fast zehn Prozent wachsen. Das wiederum würde die Erholung der Weltwirtschaft kräftig vorantreiben. Für das Jahr 2021 geht der deutsche Sachverständigenrat davon aus, dass das Wachstum in China mit 8,5 Prozent kräftig zulegt, was sie Sachverständigen für eine gute Nachricht halten.

China hat auch laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts inzwischen auch den weltweit größten absoluten Überschuss in der Leistungsbilanz und damit Deutschland überholt. Der deutsche Überschuss verringerte sich auf 261 Milliarden US-Dollar „Der chinesische Überschuss dagegen schnellte hoch um 170 auf 310 Milliarden US-Dollar, das entspricht 2,1 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung", berechnet Ifo-Forscher Christian Grimme. Die chinesischen Exporteure profitierten in besonderem Maße von der Nachfrage nach Gütern im Zusammenhang mit der Pandemie. Sie verkauften mehr elektronische Ausrüstungen wie Datenverarbeitungsgeräte als Folge der verstärkten Arbeit von zu Hause. Außerdem stieg die chinesische Ausfuhr von Mund-Nasen-Masken kräftig. Durch die eigenen Impfstoff Produktion, zu der auch Biontech mit seiner chinesischen Partnerfirmer Fosun-Pharma beiträgt und durch Impfstoff-Einkäufe in der westlichen Welt hat sich Peking eine neue Währung zugelegt, mit der sich in Entwicklungsländern Beifall einheimsen lässt: „China hat 69 Entwicklungsländern Impfdosen gespendet“, verkündete Außenminister Wang Yi, „und exportiert Impfstoffe in 43 Länder“. Kein Zweifel: Das Land möchte die ökonomische Nummer eins weltweit werden, was die bisherige Nummer eins, die USA, nicht hinnehmen will.

Sigmar Gabriel, ehemaliger Außenminister und SPD-Chef beschrieb jüngst die Beziehungen zwischen der USA und der EU auf der einen Seite und China auf der anderen in einem Beitrag für die Medienplattform „The Pioneer“ so: „Im Grunde haben wir an die Formel geglaubt: Du gibst vorne Demokratie und Freiheit rein und kriegst hinten wirtschaftlichen Erfolg raus. China stellt zumindest derzeit dieses Denkmodell auf den Kopf und sagt: Nein, wir können auch wirtschaftlichen und sozialen Erfolg produzieren, ohne dass wir Freiheit und Demokratie im westlichen Sinn zulassen.“ Genau daran entzündet sich die Kritik des Westens: Die widerrechtliche Aneignung Hongkongs, der Umgang mit Minderheiten wie den Uiguren im eigenen Land – all das macht China zu einem zwiespältigen Partner.

Kern der chinesischen Außenpolitik bleibt auch nach der Pandemie die „Neue Seidenstraße“, ein wirtschafts- und geopolitisches Megaprojekt: China will ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa schaffen und verspricht den beteiligten Ländern Investitionen und Entwicklung. Gleichzeitig möchte China seinen globalen Einfluss damit ausbauen und die internationale Ordnung stärker auf die eigenen Interessen zuschneiden. Die durch die Pandemie geschwächten Ökonomien der Länder entlang dieser Seidenstraße vom Reich der Mitte nach Europa könnten nun eine günstige Voraussetzung schaffen, um schnell an Einfluss zu gewinnen.

Doch diese Befürchtung entspricht bislang in Europa nicht den Fakten: Der direkte Einfluss Chinas ist zurückgegangen. Die Zahl der Unternehmenszukäufe oder -beteiligungen chinesischer Investoren in Deutschland sank im Jahr 2020 auf 28 und damit auf das Niveau des Jahres 2013. Im Europavergleich liegt Deutschland mit dieser Anzahl an Transaktionen dennoch vorne - auf den Plätzen zwei und drei folgen Großbritannien und Frankreich.

Vor fünf Jahren sah das anders aus: Im Sommer 2016 übernahm der chinesische Midea-Konzern für 4,5 Milliarden Euro rund 95 Prozent der Anteile am Augsburger Roboterbauer Kuka. Der Mega-Deal schürte Befürchtungen, hier werde strategisch wichtige Technologie einfach an die ausländische Konkurrenz verkauft. Es folgten weitere Beteiligungen und Übernahmen: Im Sommer 2017 ging der Energiedienstleisters Ista International mit Sitz in Essen für 4,5 Milliarden Euro an zwei Unternehmen des chinesischen Milliardärs Li Ka-Shing. 2018 stieg des chinesische Autobauer Geely bei der Daimler AG mit 9,7 Prozent ein, die chinesische HNA-Group beteiligte sich zwischenzeitlich mit knapp zehn Prozent an der Deutschen Bank AG, stieg aber 2019 wieder aus. Die Pandemie hatte dem chinesischen Mischkonzern, der auch Hotelketten betrieb, schwer zugesetzt, und er meldete Anfang des Jahres die Insolvenz an.

Als Fazit kommt noch einmal Staranlegerin Seema Shah aus London zu Wort: Es sei, sagt sie, „leider nicht Europa“, wo Investoren derzeit ihr Geld hintragen. „Die USA stellen wirklich alles in den Schatten.“




15.04.2021 | 10:25

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