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Beliebt in der Pandemie: Lieferdienste wie Flaschenpost. Dieses Geschäft baut Oetker nun massiv aus (Bild: picture alliance).


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Dr. Oetker kauft „Verbrennungsmotor“

Die grundsolide Oetker-Gruppe übernimmt das Startup Flaschenpost. Sie zahlt dafür eine Milliarde Euro, obwohl bei Flaschenpost monatlich 25 Millionen Euro verbrannt werden – oder investiert. Profis halten den Deal für sinnvoll und für eine Sensation in der deutschen Startup-Szene.

Vom Menschenschlag der Ostwestfalen heißt es, sie seien eher bedächtig und zum Lachen verzögen sie sich in den Keller. Ausgerechnet hier, genauer gesagt am Standort von Dr. Oetker in Bielefeldt, geht jetzt der größte innerdeutsche Startup-Deal über die Bühne, den Investoren bislang abgewickelt haben: Die Dr. Oetker-Gruppe bestätigt, dass sie das ursprünglich in Münster gestartete Lieferunternehmen Flaschenpost übernimmt. Eine Milliarde Euro zahlt sie für den Getränkelieferservice – ein Preis, der genauso wenig offiziell bestätigt wird, wie der Umstand, dass Flaschenpost derzeit 25 Millionen Euro verbrennt – im Monat. Was treibt also einen grundsoliden westfälischen Mittelständler dazu, sich einen solchen Verbrennungsmotor zuzulegen?

Die Geschichte hinter dem Deal beginnt schon 2014. Dieter Büchl, damals 39 Jahre alt und eigentlich ziemlich kleinteilig mit einem eigenen Versandhandel für Druckerpatronen unterwegs, gründet in Münster einen Getränkelieferanten, der schnell, unkompliziert und ohne Aufpreis liefert. Er nennt ihn „Flaschenpost“ und landet einen gigantischen Flop: In der trinkfesten Studentenstadt kommt Flaschenpost mit der Auslieferung den Aufträgen nicht mehr hinterher. Das Versprechen, schnell zu liefern, wird öfter gerochen als gehalten. „Ich habe von früh bis spät nur Brände gelöscht, mich aber nicht um die Weiterentwicklung kümmern können. Wir hatten nur noch Papierberge im Lager und wussten nicht mehr, wie wir die abarbeiten sollen“, sagte Büchl später in einem Interview.

Direkter Zugang zum Kunden

Der Gründer machte darauf etwas richtig: Er unterbrach das Unterfangen, studierte die eigenen Fehler und versuchte ein gutes Jahr später den Neustart. Und diesmal lief der Laden: 60 000 Kisten mit Getränken liefert Flaschenpost nach eigenen Angaben inzwischen täglich aus, zum Gründungsstandort Münster sind 21 weitere Standorte in Deutschland hinzugekommen, 7000 Menschen arbeiten für das erwachsen gewordene Startup. Und noch etwas ist interessant: Wasser und Bier sind die Umsatzbringer und Flaschenpost kann da mit Eigenmarken punkten, die nirgends beworben werden. Der direkte Zugang zum Kunden ist das Geheimnis dieses Erfolgs.

Ganz anders kam bislang Oetker daher. Brauereien mit Marken, die mit einem gigantischen Marketing-Etat in die erste Liga gespült werden, gehören dazu. Die Radeberger-Gruppe ist dafür ein Beispiel. Oetker ist ein Schwergewicht im weltweiten Nahrungsmittelgeschäft und war einst breit aufgestellt. Neben den angestammten Geschäftsbereichen besaßen die Bielefelder auch Konventionelles aus ganz anderen Branchen: Die Reederei Hamburg Süd und das honorige Bankhaus Lampe waren im Portefeuille. Beides hat Oetker längst verkauft. Auf der Suche nach Innovationen entdeckte Oetker ausgerechnet vor der Haustür im Nachbarstädtchen Münster Flaschenpost und baute das Geschäftsmodell flugs nach. Heraus kam Durstexpress. Die Hoffnung allerdings, damit dem Gegner von um die Ecke den Hahn abzudrehen, erfüllte sich nicht.

Corona wird zum Treiber fürs Liefergeschäft

Flaschenpost, von Insidern liebevoll Flapo genannt, wuchs um 200 Prozent im Jahr. In diesem Jahr entwickeln sich die Corona bedingten Lockdowns zum weiteren Turbo fürs Geschäft. Hinter dem Gründer standen immer potentere Finanzinvestoren, darunter eine Gruppe erfolgreicher Startup-Investoren, die sich Saarbrücker21 nennen, was nicht zufällig lange die Adresse von Rocket Internet gewesen ist. Das ist der Startup-Sammler der Gebrüder-Samwer, die mit Zalando im Textilbereich das gegründet haben, was Flaschenpost möglicherweise bei Getränken werden könnte. Das Unternehmen kam in der letzten Finanzierungsrunde auf eine Bewertung von rund einer halben Milliarden Euro. Angesichts dieser rasanten Entwicklung schrillten bei Oetker irgendwann die Alarmglocken: Die Bielefelder wollten nicht dastehen, wie etwa eine Otto-Gruppe, die den Aufstieg von Zalando tatenlos zusehen musste. Sie schlugen deswegen jetzt zu: Der Deal Oetker und Flaschenpost wird Realität, wenn das Kartellamt zustimmt. Durstexpress und Flaschenpost sollen verschmolzen werden. Es gibt zwei Hauptstandorte – Münster und Berlin –, es gibt eine Geschäftsführung mit Vertretern beider Unternehmen, und es soll einen Aufsichtsrat geben, in dem Oetker ein Wörtchen mitzureden hat.

Der Hamburger Marketing-Experte Philipp Westermeyer, der am Wochenende bereits in seinem Podcast über den Deal berichtet hatte, hält „Berührungspunkte und den direkten Kundenzugang für Marken für immer wichtiger”. Der Kaufpreis sei vor diesem Hintergrund durchaus gerechtfertigt. Flaschenpost soll allein im Oktober 27 Millionen Euro Umsatz gemacht haben. Auf ein Jahr hochgerechnet hat die Oetker-Gruppe damit etwa das Dreifache des Umsatzes bezahlt. Die Sorge, dass das Startup künftig im Großkonzern verkümmert, wischte ein Sprecher der Oetker-Gruppe gestern beiseite. Erstens solle Flaschenpost künftig als eigenständige Tochter der Holding geführt werden, Der Vorstand könnte also tun, was operativ zu tun sei. Und zweitens will auch Oetker sich eine gewisse Startup-Kultur nicht absprechen lassen. „Wir haben die Tiefkühlpizza erfunden“, sagt der Sprecher. An die habe anfangs auch niemand geglaubt. Und inzwischen feiert man in Bielefeld deren Jubiläum. Das 50jährige.                                    

oli


02.11.2020 | 17:14

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