Ladestation - im Hintergrund: Skyline einer asiatischen Metropole

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Elektromobilität: Warum deutsche Autobauer von China lernen müssen

Gastbeitrag

von Dr.-Ing. Xing Zhou

Das Ziel der Jahrhunderttransformation in der Automobilindustrie wird die Elektromobilität als tragende Antriebstechnologie sein. Der Weg dorthin wird jedoch pro Weltregion in Ausprägung und Geschwindigkeit unterschiedlich aussehen. Die deutsche Automobilindustrie muss ihre globale Führungsrolle verteidigen. Hierzu braucht es zunächst einen starken Heimatmarkt – und zwar in Deutschland und in China, dem nach Absatz und Marktpositionierung mittlerweile zweiten Heimatmarkt deutscher Hersteller. 

Weil sich eine Jahrhunderttransformation in einer Leitindustrie jedoch nicht innerhalb kurzer Zeit von selbst gestaltet, ist eine ausgewogene und verlässliche Industriepolitik unverzichtbar. Vor über einhundert Jahren handelte es sich bei der Umstellung vom Pferd auf das Auto schließlich auch nicht um eine rein unternehmerische Aufgabe. Der Staat als Teil des Ökosystems hat die Infrastruktur und den ordnungspolitischen Rahmen geschaffen. Heute spielt die Energiepolitik eine entscheidende Rolle, weil eine weitere Reduktion der heimischen Energieproduktion wie in den vergangenen Jahren – von 600 Terawattstunden 2019 auf 470 Terawattstunden 2024 – nicht zum Gelingen der Mobilitätswende beiträgt.

Denn es zählt – wie immer – der Kostenfaktor. Letztlich wird die Transformation hin zur Elektromobilität nur gelingen, wenn der Endverbraucher einen signifikanten Vorteil in der Total Cost of Ownership (TCO) hat. 

Gesamtreichweite bis zu 1500 Kilometer 

So wie einst der Übergang vom Pferd zum Automobil oder heute in China der Wandel zur Elektromobilität über eine bessere TCO erfolgte, wird dies auch in Deutschland der Fall sein. Wir werden den Übergang nur etwas länger und damit auch differenzierter gestalten müssen. Es braucht zum Beispiel einen Range Extender im Antriebsportfolio für die deutschen Straßen, weil er im TCO besser als der Plug-in-Hybrid abschneidet und neben vollelektrischem und verbrennertechnischem Antrieb durchaus mithalten kann. Weil Extended-Range Electric Vehicles (EREVs) einen Elek­troantrieb mit einem Verbrennungsmotor kombinieren, der als Generator fungiert und die Batterie wie eine ­Powerbank auflädt, erreichen sie in elektrischer Traktion heute bis zu 1500 Kilometer Gesamtreichweite.

Damit stellen EREVs eine Brückentechnologie hin zu reinen Battery Electric Vehicles (BEVs) dar. Sie bieten dadurch eine ­wichtige Lösung im elek­tri­fizierten Antriebsstrangportfolio zur Bedienung von Kundenbedürfnissen und zur Emissionsreduktion. Der Range Extender würde zudem die CO2-Grenzwerte für Neufahrzeuge in der EU bis 2034 erfüllen. Die Renaissance des EREV findet jedoch derzeit nur in China statt – auch wenn die Idee vor vielen Jahren in Deutschland entwickelt wurde. 

Der größte PKW-Markt

Der chinesische Markt bleibt mit Abstand der größte Pkw-Markt und wurde in den vergangenen 40 Jahren von den deutschen Herstellern mitgestaltet und geprägt. Doch die Zeiten der Marktführerschaft sind vorbei. Eine neue China-Strategie ist wichtig, um in Zukunft die chinesisch geprägte Elektromobilität in den Dimensionen Technologie (Antrieb, Vernetzung, Fahrzeugarchitektur) sowie Dynamik und Vertriebsangang besser zu adaptieren. Ebenso unerlässlich ist es, dass Automobilhersteller ihren Fokus nicht einzig und allein auf Prozesstreue setzen. Das Produkt und das Vertrauen in die eigenen Entwicklungsfähigkeiten müssen wieder stärker in den Vordergrund rücken. Dies gelingt den chinesischen Elektroherstellern aktuell besser – auch weil sie von Gründerpersönlichkeiten geführt werden, wie es in Deutschland in der Gründerzeit vor 130 Jahren einmal war. 

Wir müssen voneinander lernen, um den Anschluss in bestimmten Technologiefeldern nicht zu verlieren. Es muss ein Technologietransfer von Ost nach West stattfinden, in dem auch die politischen Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden. Das chinesische Sprichwort „Wenn Sie jemandem etwas beibringen, profitieren sowohl Lehrer als auch Schüler“ hat jahrelang für China gut funktioniert. Es ist an der Zeit, dies umzukehren. 


Dr.-Ing. Xing Zhou ist Partner und Managing Director des Beratungshauses AlixPartner. 

Dr.-Ing. Xing Zhou

17.08.2025 | 19:37

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