So wie das Wirtschaftswunder sein Ende nahm, ist jetzt auch das letzte Überbleibsel fast dahin: der Garantiezins aus Lebensversicherungen (Bild: picture-alliance / Helga Lade Fotoagentur GmbH, Ger | Kurt Röhrig).



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Ende einer Ära: Die klassische Lebensversicherung ist tot

Wer bei seiner Lebensversicherung mindestens das eingezahlte Kapital plus einen Minizins herausbekommen möchte, hat immer weniger Möglichkeiten, einen Anbieter dafür zu finden. Jetzt sinkt dieser garantierte Minizins noch einmal. Die klassische Lebensversicherung wird damit allenfalls noch zum Nischenprodukt. Spekulativere Anlageformen erhalten Auftrieb.

Garantien – dieses Wort hören alle gerne, gerade wenn es ums Geld geht. Garantien bedeuten Sicherheit und Beständigkeit und sind das Gegenteil von Spekulation. Und wer wünscht sich das nicht zum Beispiel in seiner Altersvorsorge? Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins war deswegen über Jahrzehnte das Lieblingsvorsorgeprodukt der Deutschen. 83 Millionen Versicherungspolicen gibt es hierzulande. Die allermeisten von ihnen wurden von Sparern abgeschlossen, die davon ausgingen, dass sie ihr eingezahltes Geld plus Zinsen, für die es eben eine Garantie gab, wiederbekommen, wenn sie es im Alter brauchen.

Doch das Modell ist Vergangenheit. Wer es bislang nicht glauben wollte, erfuhr es jetzt noch einmal schwarz auf weiß: Das Bundesfinanzministerium hat in einem internen Schreiben, das allerdings nicht lange intern blieb, diese Woche angekündigt, den Garantiezins auf Lebensversicherungen deutlich zu senken. Die Lebensversicherer dürfen dann vom nächsten Jahr an ihren Kundinnen und Kunden maximal noch eine Verzinsung von 0,25 Prozent pro Jahr über die gesamte Laufzeit der Verträge versprechen. Das ist mager.

Mehr als 100 Jahre lang bewegte sich der Garantiezins für Lebensversicherungen in Deutschland bei mindestens drei Prozent. Zwischen 1923 und 1941 sowie von 1994 bis 2000 durften Versicherer sogar mit vier Prozent Garantiezinsen um Kunden werben. Seitdem ging es immer weiter bergab auf das heutige Niveau von 0,9 Prozent, was jetzt nocheinmal massiv gekappt wird.

Für diejenigen, die sich überlegen, wie sie ihr Geld fürs Alter anlegen, ist klar: Diese Form der privaten Altersvorsorge ist extrem unattraktiv. Betroffen sind vor allem Riester-Sparprodukte, von denen derzeit rund elf Millionen Verträge im Umlauf sind. Bei der Riester-Rente ist eine Beitragsgarantie gesetzlich vorgeschrieben. Die Kunden müssen am Ende der Laufzeit zumindest die eingezahlten Beiträge zurückerhalten. Wenn die Versicherer dies sicherstellen müssen, dürfen sie aber die Beiträge der Kunden nicht in spekulative Werte anlegen. Es fällt es ihnen umso schwerer, die Beiträge zu garantieren, weil sie zugleich ihre Kosten decken müssen, die bis zu zehn Prozent der Beiträge ausmachen können. Die Kapitalgarantie führt also dazu, dass die Anbieter nahezu kein Kapital mehr mit Renditechancen anlegen, was die geförderte Vorsorge völlig unattraktiv für Sparer macht. Die Bundesregierung hatte ursprüngliche für diese Legislaturperiode eine Reform der Riester-Rente versprochen. Die Anbieter hatten Reformvorschläge gemacht, die darauf hinausliefen, dass die Kapitalgarantie durch mehr Risiko aber auch höhere Renditechancen abgelöst werden könnte. Doch in den noch verbleibenden Monaten bis zu den Bundestagswahlen gilt eine Reform als unwahrscheinlich. Corona und eine Unlust sich zu einigen ist da den Reformpolitikern in die Quere gekommen.

In der Branche sorgten die bisherigen Garantieversprechen, die bis zum Ende der Laufzeit gelten, für Probleme. Laut Finanztest konnten 13 Lebensversicherer in den Jahren 2016, 2017 und 2018 die Garantieverpflichtungen nicht mit Kapitalerträgen finanzieren. Sie mussten Rücklagen nutzen, was sich wiederum negativ auf ihre Überschussbeteiligung auswirkt, die den Kunden eigentlich auch noch zusteht. Zu den Unternehmen zählen Barmenia, Ergo, HDI und Debeka. Finanztest rät daher dazu, bei der Lebensversicherung nur mit der garantierten Leistung zu planen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.

Die Branche steckt angesichts der seit Jahren tiefen Zinsen in einem Umbruch. Im Neugeschäft mit klassischen Lebensversicherungen werden bereits viele Verträge ohne 100-Prozent-Kapitalgarantien angeboten. Entsprechend ist die Quote der klassischen Verträge mit Garantie immer mehr gesunken zugunsten von Policen mit höherer Flexibilität in der Kapitalanlage und damit der Aussicht auf eine höhere Rendite. Viele Lebensversicherer haben sich aus dem klassischen Geschäft mit Garantien bereits zurückgezogen. Sie haben ihre Bestände und damit die Kunden verkauft, oder in den sogenannten Runoff geschickt, das heißt: Sie wickeln nur noch die bestehenden Verträge ab. „Ich erwarte, dass bei Neuverträgen die klassischen Policen mit jährlicher Garantie zum Nischenprodukt werden“, sagt Guido Bader, Chef der deutschen Aktuarvereinigung.

Den Druck erhöht, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, hat außerdem die Finanzaufsicht Bafin, die darauf achtet, dass sich die Versicherer nicht übernehmen. Die Garantien, die jetzt im Neugeschäft gegeben werden, seien die entscheidenden Stellschrauben, mit denen sich die Versicherer für die Zukunft entlasten, hieß es von der Behörde.

In den vergangenen beiden Jahren haben Kunden nach Berechnungen der Branche die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins bereits weniger als Altersvorsorgeprodukt genutzt, sondern vor allem als Möglichkeit zur risikolosen Geldanlage. Hohe Summen flossen als Einmalzahlung in neue Verträge, erschien vielen Kunden doch ein garantierter Zins von 0,9 Prozent über mehrere Jahrzehnte als attraktiver vor dem Hintergrund, das auf Sparkonten gar keine oder sogar negative Zinsen fällig werden. 2019 stiegen deswegen die Beitragszahlungen in deutsche Lebensversicherungen um elf Prozent. Der größte Teil davon kam aus Einmalzahlungen und wurde nicht monatlich angespart. Im vergangenen Jahr setzte sich diese Entwicklung fort. Sie dürfte durch die Entscheidung aus dem Finanzministerium, den Garantiezins zu senken, nun deutlich unattraktiver werden.

Die Bürgerbewegung „Finanzwende“, die die Entwicklung im Banken- und Versicherungsmarkt kritisch begleitet, kommentierte die Entscheidung, den Garantiezins weiter abzusenken, kritisch. Sie spricht vom „Ende einer Ära“: Kunden könnten künftig nicht mehr sicher sein, dass sie regelmäßig wenigstens ihre eingezahlten Beiträge zurückbekommen.

Oliver Stock

25.03.2021 | 16:34

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