(Foto: Dehoga Bayern)



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Frauen haben das erste Wort: Angela Inselkammer

Im Osterinterview spricht die Präsidentin des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes über ein ungewöhnliches Osterfest, Existenzängste einer ganzen Branche und Forderungen an den Ministerpräsidenten Markus Söder.

WirtschaftsKurier: Frohe Ostern Frau Inselkammer! Wie war Ihr Wochenende?
 
Angela Inselkammer: Herzlichen Dank! Ich hoffe, auch Sie hatten schöne Ostern.
 
Aber um Ihre Frage zu beantworten: ein erneutes Ostern im Pandemiemodus war für mich eigentlich unvorstellbar. Alle für uns sehr wichtigen Traditionen wie die Speisenweihe auch für unsere Gäste, das Zusammenkommen von Familie, der sehr fröhliche Genuss spezieller Osterspezialitäten von vielen Gästen haben wieder nicht stattfinden können. Stattdessen sind wir damit beschäftigt, unseren Betrieb, der schon 5 Monate stillsteht, in Schuss zu halten, Kontakt zu unseren Mitarbeitern und Gästen zu pflegen und – etwas für uns Ungewöhnliches –, den Jahreshöhepunkt Ostern mit der  kleinen Familie zuhause zu genießen.

Was macht die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes diese Woche?

Seitens des Verbandes arbeiten wir durch, die existenzielle Bedrohung unserer Mitglieder kennt in der Pandemie keine Feiertage. Da gilt mein spezieller Dank unseren vielen Ehrenamtsträgern in ganz Bayern, die für die schweren Sorgen und Nöte unserer Mitglieder immer ein offenes Ohr haben. Außerdem treibt es uns furchtbar um, wie wir den richtigen Weg gehen; und es gilt auch branchenpolitisch jeden Tag zu nutzen, um unsere Betriebe durch die Krise zu bekommen. Aktuell gibt es täglich neue Schreckensnachrichten, die neu gewichtet und eingeordnet werden müssen, es geht dann u.a. um die Entschädigungsregelung für die weitere Schließung. Besonders wichtig ist uns die Erklärung von praktikablen Konzeptöffnungen, die auch bei erhöhten Inzidenzen funktionieren würden, Praxischecks haben wir dafür schon durchgeführt und die Entwicklung und Erprobung einer praktikablen Schnelltestinfrastruktur. Wir, unser tolles Team des DEHOGA Bayern und ich, sind nahezu rund um die Uhr in Abstimmung mit allen zuständigen Gremien und Entscheidungsträgern. So steht z.B. diese Woche auch ein Gespräch mit Ministerpräsident Markus Söder an.

Betrieblich geht es mir wie allen unseren Mitgliedern: Viele denken, dass wir im Lockdown unsere Betriebe einfach zusperren können und über jede Menge Zeit verfügen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mir ist es wichtig, mit allen meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kontakt zu bleiben, wir telefonieren und haben Videokonferenzen. Zugleich bilden wir auch unsere Auszubildenden weiter aus, es muss ja für unsere jungen Menschen weitergehen – das sind Talente mit ganz unterschiedlichen Begabungen, die einen Weg sehen müssen und die wir trotz allem fördern wollen. Dann gilt es unseren Außer-Haus-Verkauf zu bespielen, den wir in der Krise angefangen haben, um mit unseren Gästen in Kontakt bleiben zu können und unseren Mitarbeitern wenigstens ab und zu eine kleine Heimat zu bieten. Zugleich müssen aber auch im leeren Haus Leitungen gespült, Warenbestände geprüft, Heizungen getestet und viele andere Maßnahmen zum Erhalt getroffen und erledigt werden. Ein Hotel kann man nicht einfach „einfrieren“, da gibt es immer alle Hände voll zu tun.
 
Kaum eine Branche leidet so stark wie Ihre. Wie geht es den 2,5 Millionen Mitarbeitern, an deren Spitze Sie stehen, wirklich?
 
Nur sicherheitshalber: 2,5 Millionen sind es deutschlandweit, wo ich zwar auch im Präsidium bin, in Bayern, das ich als Präsidentin vertreten darf, sind es aber immerhin stolze 447.000 Erwerbstätige – das sind mehr als BMW und Siemens weltweit an Beschäftigten haben. Aber es ist auch egal, ob ich mich bundes- oder bayernweit mit Mitarbeitern austausche, die Gefühlslage ist überall dieselbe: Unsere Mitarbeiter leiden extrem unter den Folgen des erneuten Lockdowns, sie haben die gleichen Existenzängste wie die Unternehmer. Man darf nicht vergessen, dass unsere Branche fast ein halbes Jahr Berufsverbot hat. Das Gastgewerbe wird ja nicht von ungefähr als „schönste Branche der Welt“ bezeichnet. Wir lieben es, Gäste zu verwöhnen und sind es nicht gewohnt, untätig zu sein. Und vor allem fehlen den Mitarbeitern die gewohnten Einkünfte. Staatliche Hilfsmaßnahmen können immer nur einen Teil dessen ersetzen, was man in Normalzeiten erhalten hat. Parallel dazu sind auch bei den meisten Betrieben alle finanziellen Ressourcen aufgebraucht, so dass hier auch keine zusätzliche Unterstützung mehr erfolgen kann. Das Geld fehlt ganz massiv am Ende des Tages, das spüren wir alle. Eine erneute freiwillige Coronaprämie, abgabenfrei für unsere Mitarbeiter wie im vergangenen Jahr, wäre wünschenswert.
 
Nach wie vor bleiben die Gaststätten in Bayern geschlossen, während der „Tübinger Weg" für Aufsehen sorgt. Fordern Sie jetzt testbegleitete Öffnungen?
 
Eines vorweg: Die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Gäste steht für uns alle immer an erster Stelle. Gerade in einer Wohlfühlbranche, deren Ziel es ist, Gäste zu verwöhnen, muss Sicherheit vor Schnelligkeit gehen. Aber wir sehen uns auch als Teil der Lösung und nicht des Problems. Unsere Sicherheits- und Hygienekonzepte haben in der Phase zwischen den Lockdowns nachweislich hervorragend funktioniert. Und die Tatsache, dass unsere Betriebe derzeit geschlossen bleiben müssen, liegt erklärtermaßen nur daran, dass die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung möglichst eingeschränkt sein soll. Folglich haben wir Modellprojekte gefordert, bei denen unter strenger Beobachtung die Wirksamkeit von umfassenden Testkonzepten untersucht werden, um Öffnungsmöglichkeiten auch bei einem höherem Infektionsgeschehen zumindest für bestimmte Bereiche zu ermöglichen. Ich bin der Überzeugung, dass kluge Öffnungen unter strenger Beachtung aller Regeln sogar für mehr Sicherheit sorgen können, da sichere Räume geschaffen werden und sich die Menschen nicht mehr notgedrungen in Parks, an Ufern und auf Parkbänken drängeln müssen.
 
Lockerungen wird es nur geben – so viel ist klar – wenn das Virus unter Kontrolle bleibt. Was halten Sie von einer bundesweit einheitlichen App zur Kontaktnachverfolgung?
 
Die Corona-Warn-App hat gezeigt, dass eine einzelne App nicht die Lösung der Pandemie ist und nicht den unterschiedlichen Anforderungen an Betriebe und Nutzer gerecht werden kann. Generell bringen Monopole in den seltensten Fällen Vorteile, außer dem Inhaber des Monopols. Analysiert man das Marktgeschehen, stellt man fest, dass sich seit der Einführung der Corona-bedingten Registrierungspflicht im Frühsommer 2020 ein starker, dynamischer und innovativer Markt für digitale Lösungen entwickelt hat. Zielführend ist für mich eine betreiberunabhängige Plattformlösung mit entsprechenden Schnittstellen. Dadurch werden wir zusammen die Pandemie schneller bekämpfen können.
 
Im Hotel und Gaststätten-Gewerbe sind viele Frauen beschäftigt. Trifft Sie die Pandemie besonders?
 
In der Tat sind im Gastgewerbe überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt – übrigens auch in Führungspositionen. Ich würde aber nicht soweit gehen, dass Frauen anders betroffen sind als Männer. Uns alle trifft die Pandemie mit voller Wucht und jeder erlebt die Krise individuell.
 
Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?

Als Unternehmerin bin ich gewöhnt, immer wieder aufzustehen und Chancen und Möglichkeiten zu nutzen. Ich habe Verantwortung gegenüber unserem Familienunternehmen, das schon seit über 200 Jahren hier am Ort ansässig ist – und natürlich auch den Mitarbeitern gegenüber. Es hat schon immer sehr schwere Zeiten gegeben und es ist unsere Aufgabe, nach vorne zu schauen, uns in die gesellschaftliche Betrachtung der gegenwärtigen Probleme einzubringen und Lösungsvorschläge aus der Praxis anzubieten. Das tun wir laufend. Ich kämpfe mit aller Macht dafür, dass möglichst jeder gastgewerbliche Betrieb diese schwere Zeit übersteht. Ich erfahre täglich das Leid, die Sorgen und Nöte vieler Kolleginnen und Kollegen, bei denen die oftmals auch über Generationen aufgebaute Existenz auf dem Spiel steht. Ich denke an deren Familien und an deren wunderbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ja ebenfalls direkt von dieser Not betroffen sind.
 
Ich glaube aber auch an die Kraft unserer Unternehmerinnen und Unternehmer und an die Bedeutung unserer Branche. Wenn ich Umfragen lese, deren Ergebnisse lauten „Nichts fehlt in der Corona-Krise den Deutschen so sehr, wie das Gastgewerbe“, dann fühle ich mich bestätigt, für die richtige Branche zu kämpfen. Wir alle sind aus tiefstem Herzen Gastgeber mit Leib und Seele für Leib und Seele.
 
Das Gespräch führte Florian Spichalsky

05.04.2021 | 09:27

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