Fordert eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: VdU-Präsidentin Jasmin Arbabian-Vogel (Foto: VdU).



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Frauen haben das erste Wort: Jasmin Arbabian-Vogel

Am Montagmorgen spricht die VdU-Präsidentin über die Hauptursachen des Gender Pay Gap, erklärt, warum die Corona-Krise  Lücken in der Gleichstellung sichtbarer macht und was sie sich jetzt von allen Männern wünscht.

Guten Morgen Frau Arbabian-Vogel – ist es richtig, dass ich den Doppelnamen als Anrede benutze?

Ja klar, gerne.
 
Was haben Sie diese Woche vor? 

Diese Woche steht unsere VdU-Landesverbandskonferenz an. Dieses Gremium tagt zweimal jährlich, um an den entscheidenden Themen und To-Do`s des Verbandes zu arbeiten. Außerdem nehme ich für unsere Wirtschaftsfördergesellschaft in Hannover an der Jury-Sitzung des „Startup-Wettbewerbs“ teil, um am Ende drei Startups zu prämieren. Und dann erweitern wir noch in einem meiner Betriebe (ein ambulanter Pflegedienst) unsere Pflegesoftware, um unsere Prozesse noch stärker zu digitalisieren. Das ist ein ziemliches Brett und ich hoffe, dass alles glatt geht. Wenn die IT nicht einwandfrei funktioniert, haben wir ein echtes Problem!

Frauen haben im Jahr 2020 in Deutschland 18 Prozent weniger verdient als Männer. Warum funktioniert das nicht mit gleicher Lohn für alle?

Die Hauptursachen der Entgeltlücke sind struktureller Natur: Frauen sind nach wie vor in geringerem Umfang erwerbstätig als Männer und dabei häufiger in Niedriglohnbereichen oder im Öffentlichen Dienst, aber seltener in Hochlohnbranchen der deutschen Wirtschaft tätig. Vor allem sind sie in den Führungsetagen der Unternehmen deutlich unterrepräsentiert. Um die Entgeltdifferenz möglichst schnell und effektiv zu verringern, braucht es aus Sicht der Unternehmerinnen vor allem drei Dinge. Erstens: Mehr Frauen in MINT-Berufen und Hochlohnbranchen. Der Frauenanteil in MINT-Berufen liegt nur bei 14 Prozent. Zweitens: Mehr Frauen in Führungspositionen. Der Frauenanteil in Vorständen der 160 DAX-Unternehmen liegt bei nicht einmal sechs Prozent; nur jedes fünfte Unternehmen im Mittelstand ist frauengeführt. Und drittens: Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die einen höheren Erwerbsumfang ermöglicht.

Kinderbetreuung und Homeschooling drängen Frauen und Männer in alte Rollenmuster zurück. Wie groß ist die Gefahr, dass die Gleichberechtigung unter der Coronakrise leidet?

Die Krise hat Lücken in der Gleichstellung sichtbarer gemacht, die es auch vorher schon gab. Aber für viele Frauen bedeutete die Corona-Krise tatsächlich ein Rückschritt, weil ihre Interessen gerade zu Beginn der Pandemie nicht angemessen in den Entscheidungen berücksichtigt wurden und bestehende Rollenverteilungen verstärkt wurden. Das liegt unter anderem daran, dass in den Beratungsgremien und auf den Entscheidungsebenen zu wenig Frauen, Eltern und Selbstständige vertreten waren und immer noch sind. Zudem zeigte sich in der Krise, dass der überwiegende Teil der Sorgearbeit doch bei den Frauen liegt, vor allem, wenn sie im Homeoffice gearbeitet haben. Wichtig ist, nicht nur die Möglichkeit von Homeoffice zu haben, sondern die Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen fair zu teilen.

Wichtig wäre daher, zunächst einmal strukturelle Hürden abzubauen. Dazu gehört beispielsweise der flächendeckende Ausbau von ganztägigen Betreuungsangeboten auch in den Randzeiten, die Modernisierung des Ehegattensplittings mit der Abschaffung der Steuerklasse V sowie Anreize für Frauen sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeiten aufzunehmen. Aber in Bezug auf wirtschaftspolitische Maßnahmen zum Beispiel auch die stärkere Berücksichtigung von Branchen, Unternehmensgrößen und Beschäftigungsverhältnissen, in denen Frauen tätig sind.
 
Die Politik diskutiert eine Frauenquote für Vorstände. Reicht das?

Sieht man sich die Position von Frauen in der Wirtschaft an, sei es als Gründerin und Unternehmerin oder als Arbeitnehmerin und Führungskraft, fallen in Deutschland Anspruch und Wirklichkeit weiterhin weit auseinander. Dafür gibt es eine Vielzahl miteinander verknüpfter und sich gegenseitig verstärkender Gründe: strukturelle Faktoren in den Unternehmen und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, steuer- und sozialversicherungsrechtliche Fehlanreize, finanzielle Faktoren beim Zugang zu Kapital sowie soziokulturelle Faktoren. All diese Themen müssen angegangen werden, um Frauen in der Wirtschaft eine gleichberechtigte Teilhabe und letztlich auch mehr Frauen in Führungspositionen der Unternehmen zu ermöglichen.

Freiwillige Regelungen brachten bisher keine signifikanten Veränderungen, obwohl Unternehmen, die Diversität nicht auf allen Ebenen und Hierarchien etablieren, auf Dauer nicht konkurrenzfähig sind. Deshalb brauchen wir gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen, die Frauen nicht länger benachteiligen oder Fehlanreize setzen und die eine faire Teilung von familiärer Sorgearbeit fördern. Auch wenn die Quote ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit bedeutet, unterstützt der VdU eine verpflichtende Mindestbesetzung für die Vorstände der börsennotierten und mitbestimmten Unternehmen. Denn von der Mindestbesetzung kann eine Signalwirkung sowohl für die anderen Führungsebenen als auch für andere Unternehmen ausgehen. Sie muss aber mit weiteren breitenwirksameren Maßnahmen flankiert werden.
 
Sie führen insgesamt vier Unternehmen gleichzeitig und sind Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Wie machen Sie das denn?

Das funktioniert gut, weil ich ein starkes Backoffice habe und auf ein Führungsteam bauen kann, dass Lust am Gestalten hat, aus dem eigenen „Stall“ kommt und die Idee hinter den Unternehmen lebt.

Zum Schluss: Ein Wort an die Männer bitte.

Ich wünsche mir Männer, die Feministen sind, die mit uns auf der gleichen Bank sitzen. Nicht als Zuschauer, sondern als Mitspieler.

Das Gespräch führte Florian Spichalsky

22.03.2021 | 07:02

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