Westenergie-Chefin Katherina Reiche will den Frauenanteil in Führungspositionen deutlich erhöhen (Bild: Westenergie).



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Frauen haben das erste Wort: „Wir brauchen mehr Männer in Teilzeit“

Westenergie-Chefin Katherina Reiche über ihre frisch gegründete Frauen-Akademie., über Männer als Rollenvorbilder und eine Frauenquote in den Vorstandsetagen.
 
Guten Morgen Frau Reiche, als Vorstandsvorsitzende von Westenergie haben Sie jüngst eine Frauen-Akademie gegründet. Wie starten Sie da in diese Woche?

Katherina Reiche: Ziemlich optimistisch, denn ich habe gerade erfahren, dass die ersten 12 Coaching-Plätze kaum ausgerufen, schon vergeben waren. Das zeigt: wir haben mit unserem Angebot eine drängende Nachfrage befriedigt.

Müssen Frauen anders auf Führungspositionen vorbereitet werden als Männer?

Katherina Reiche: Unternehmen, die auf Diversität setzen, sind langfristig erfolgreicher. Diverse Teams erzeugen einen Drive, der sich in Leistungsfähigkeit und letztlich in Ergebnis, Kundenbindung und Marktchancen widerspiegelt. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist hierbei ein wesentlicher Faktor. Dies hat kürzlich wieder eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) belegt. Daraus geht hervor: Unternehmen mit diversen Führungsteams haben durch mehr Innovationen eine neun Prozent höhere Gewinnmarge und einen 20 Prozent höheren Umsatzanteil als ihre Wettbewerber mit höherem Männeranteil. trotzdem sind in Deutschland nur knapp 30 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt. Damit können wir nicht zufrieden sein. Denn wir können es uns mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft schlichtweg nicht leisten, weiterhin auf die vielen qualifizierten Frauen zu verzichten. Mit FEMpower wollen wir hier ansetzen und Frauen in unserem Unternehmen unterstützen, ihnen Sicherheit vermitteln und systematisch auf Führungspositionen vorbereiten. FEMpower soll ein Forum sein, mit dem wir Frauen stärken und sichtbarer machen. Und die Akademie soll vor allem ein Ort sein, an dem wir alle vertrauensvoll voneinander lernen.
 
Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland bei der Besetzung von Vorstandsposten mit Managerinnen hinterher. Was läuft falsch hierzulande?
 
Das Potenzial in Deutschland ist riesig, wenn wir uns die Ausbildung der Frauen anschauen: Frauen, die 45 Jahre oder jünger sind, verfügen über ein höheres Qualifikationsniveau als gleichaltrige Männer. Einen Hochschulabschluss haben beispielsweise 31 Prozent der 30- bis 35-jährigen Frauen, aber nur 28 Prozent der Männer. Es ist also mehr als offensichtlich, dass wir das große Potenzial qualifizierter Frauen für den Erfolg der Unternehmen noch nicht ausreichend nutzen. Das hat sicher auch immer noch mit dem Bild der klassischen Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft zu tun. Die oftmals noch vorherrschende Meinung sieht vorrangig Männer auf ihrem Karriereweg und in verantwortungsvollen Aufgaben. Dieses Rollenbild gilt es aufzubrechen. Hier haben Frauen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bereits vieles erreicht. Und dennoch ist es immer noch ein weiter Weg hin zur Chancengleichheit. Strukturelle Nachteile für Frauen wachsen sich nicht einfach aus, wir müssen diese aktiv beseitigen. Dafür setzen wir uns als Unternehmen ein. Dazu braucht es übrigens auch Männer als Rollenvorbilder, die zum Beispiel in Teilzeit arbeiten und sich verstärkt um die Erziehung der Kinder kümmern.

Die Regierungskoalition hat sich auf eine verbindliche Frauenquote in Vorständen geeinigt. Bis zum Sommer soll das Gesetz verabschiedet werden. Sind wir mit der Quote auf dem richtigen Weg?  

Eine verbindliche Frauenquote ist ein starkes Signal und ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem im Sinne der Unternehmen. In Deutschland sind gegenwärtig lediglich 2,5 Prozent der Vorstände und zehn Prozent der Aufsichtsräte weiblich. Das ist noch deutlich zu wenig. Die verbindliche Quote, wie sie bereits für die Besetzung von Aufsichtsräten gilt, wird entscheidend dazu beitragen, die Gleichberechtigung von Frauen voranzutreiben.

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass Vorstände mindestens eine Stelle mit einer Frau besetzen. Allerdings soll die Regelung nur für Börsenunternehmen mit mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mindestens vier Vorstandsmitgliedern gelten. Geht der Entwurf weit genug?

Die Frauenquote für den Vorstand ist wichtig. Aber wir brauchen natürlich viele weitere Initiativen, um Frauen auf ihrem Weg in die Chefetagen zu unterstützen. Bei Westenergie und E.ON arbeiten wir neben der FEMpower-Akademie an vielen weiteren Maßnahmen, wie der Gründung eines MINT-Netzwerks, und an der verstärkten Besetzung interner Mandate in Konzerngesellschaften mit Frauen sowie an Mentoring-Programmen. Zur Förderung der Gleichberechtigung gehört auch die Stärkung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dafür bieten wir im Unternehmen Modelle zur Arbeit in Teilzeit oder zum mobilen Arbeiten. Zudem stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Betreuungsangebote sowie Beratungsleistungen beispielsweise zur Pflege von Angehörigen zur Verfügung.

Die Fragen stellte Florian Spichalsky

An dieser Stelle veröffentlicht der WirtschaftsKurier stets am Montagmorgen ein Kurzinterview mit Frauen in Führungsetagen, die ihren ganz persönlichen Ausblick auf Themen geben, die sie in dieser Woche beschäftigen.




01.03.2021 | 06:48

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