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(Foto: Shutterstock/Grzegorz Czapski)

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Hände weg von der Tesla-Aktie

50 Prozent Wertverlust in den vergangenen sechs Monaten. Die Tesla-Aktie befindet sich im freien Fall. Anleger wie Analysten wenden sich in großer Mehrheit ab. Wie steht es um Elon Musks Lebenswerk? War die Aktie schlicht zu hoch bewertet oder droht dem Konzern die Pleite?

Derzeit raten 33 von 46 befragten Analysten zum Verkauf der Tesla-Aktie. Sieben würden sie halten. Gerade einmal noch sechs Finanzmarktprofis geben eine Kaufempfehlung ab. Ganz ähnlich wie diese erdrückend negativen Expertenaussichten haben sich in den vergangenen Monaten auch die Anleger verhalten. Kosteten die Tesla-Titel zu Jahresbeginn noch 318 US-Dollar, sind es nun, wenige Monate später, nur noch 195 US-Dollar. Auf Sicht von sechs Monaten hat sich der Börsenwert der kalifornischen E-Auto-Schmiede halbiert. Mit umgerechnet 30 Milliarden Euro Marktkapitalisierung liegt Tesla inzwischen wieder weit hinter BMW (41 Milliarden Euro). Noch nicht allzu lang ist es her, da hatten die Amerikaner die Deutschen überholt. Manch einer feierte dies bereits als die große Wachablösung an der Börse, der die in der Realwirtschaft bestimmt bald folgen würde.

Und tatsächlich sah es im zweiten Halbjahr 2018 ganz danach aus, als könnte Elon Musk durchstarten. Zwei Quartale in Folge schrieb Tesla schwarze Zahlen, die Produktion des so wichtigen Model 3 lief endlich so, wie sie laufen sollte. Und während sich die etablierten Hersteller noch um die richtigen Zukunftsstrategien stritten, verzweifelt um ihr Image kämpften und ihren Aktienkursen beim Fallen zusehen durften, war Tesla auf gutem Weg, eine Art zweites Amazon zu werden. Jahrelang war das Unternehmen aufgrund ausbleibender Gewinne angezählt, dann schienen die Erlösung und der Lohn für das Risiko nahe, auf langfristiges Wachstum und nicht auf kurzfristige Erträge gesetzt zu haben.

Der Rückschlag kam im ersten Quartal 2019. Auf einmal fand sich ­Tesla erneut ganz tief in den roten Zahlen wieder. Mit 702 Millionen US-Dollar verlor der Konzern doppelt so viel Geld wie von Analysten vorhergesagt und bewegte sich ungefähr auf dem Niveau von vor einem Jahr. Damals jedoch hakte es noch an der Model-3-Produktion, inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Zwar verwies Musk dieses Mal auf logistische Probleme – das Model 3 wird bislang nur in Kalifornien gebaut und viele Auslieferungen nach Asien und Europa sollen zum Ende des Quartals hin noch auf dem Weg zum Kunden gewesen sein –, doch dies allein vermag freilich nicht die herben Verluste zu erklären. So haben sich beispielsweise auch die Auslieferungen der Luxusmodelle S und X in den ersten drei Monaten 2019 auf 12.100 Fahrzeuge halbiert. Insgesamt ging der Absatz um 31 Prozent gegenüber dem letzten Quartal 2018 zurück, der Umsatz brach im selben Vergleichszeitraum um 37 Prozent ein.

Mit Blick auf das laufende zweite Quartal sieht es nicht viel besser aus. „Wir müssen viele Fahrzeugauslieferungen nachholen, um ein erfolgreiches Quartal zu bekommen“, sagte sogar der notorisch optimistische Elon Musk selbst angesichts des ursprünglich von ihm angekündigten Rekordabsatzes von über 90.700 Fahrzeugen. Für das Gesamtjahr bleibt er dagegen guter Dinge. Zwischen 360.000 und 400.000 Autos sollen in diesem Jahr nach wie vor an den Kunden gehen. Klappt es mit dem Produktionsstart in China im Herbst, könnten es sogar 500.000 Fahrzeuge werden, so der Unternehmensgründer. Ab dem dritten Quartal rechnet er auch wieder mit schwarzen Zahlen.

Versprechen oft nicht eingehalten


In Anbetracht der momentanen Lage, in der sich Tesla befindet, dürften das aber wohl nicht mehr als ein paar nette Spekulationen sein. Musk hat in der Vergangenheit seine Versprechen zu oft nicht eingehalten, Anleger wie Investoren vertrauen ihm deshalb lange nicht mehr so bedingungslos wie noch vor ein paar Jahren. Er muss liefern. Doch das kann er derzeit nicht. Ob nun Preissenkungen, Kapitalerhöhungen oder Umstrukturierungen – Musk hat schon vieles probiert, wirklich langfristig hat davon nichts zum Erfolg geführt. Die Produktionskosten schließlich sind nach wie vor hoch, ebenso die Schulden. Und nun sinkt auch noch die Nachfrage, was Musk allerdings ausgerechnet seinem eigenen Präsidenten zu verdanken hat.

Handelskonflikt als großes Risiko


Wie beinahe jeder Automobilhersteller ist auch Tesla abhängig vom chinesischen Markt, sieht sich so je nach Ausgang des amerikanisch-chinesischen Handelskonflikts mit erheblichen Risiken konfrontiert. Die Experten von Morgan Stanley rechnen es in ihrem Bärenszenario wie folgt vor: Wenn das Unternehmen zwischen 2020 und 2024 jährlich im Schnitt 165.000 Fahrzeuge im Wert von – ebenfalls durchschnittlich – 55.000 US-Dollar verkaufen würde, führte dies zu einem jährlichen Umsatzrisiko von rund neun Milliarden US-Dollar. Die wahrscheinlich über die Jahre sinkenden Margen eingerechnet, könnte dies zu einem Wertverlust von 16,4 Milliarden US-Dollar führen. Im schlimmsten Fall, so Analyst Adam Jonas, müsse deshalb von einem Absturz der Tesla-Aktie auf zehn US-Dollar ausgegangen werden.

Dabei handelt es sich freilich um ein absichtlich pessimistisches Szenario. Eines, das als sehr unwahrscheinlich anzusehen ist. Und doch zeigt es recht anschaulich die Risiken, die man sich mit dem Kauf des Tesla-Papiers derzeit als Anleger auflädt. Die sieht auch UBS-Analyst Patrick Hummel. Die rückläufige Nachfrage und Preissenkungen im ersten Quartal bestätigten seine skeptische Einschätzung, hinzu komme der hohe Kapitalverbrauch bei perspektivisch steigenden Investitionen, schrieb Hummel.

Fazit: Wer die Tesla-Aktie heute kauft, der spielt mit dem Feuer. Zu vieles scheint derzeit unvorhersehbar. Von der Pleite über eine immer wieder mal diskutierte Über­nahme seitens eines großen Automobil- oder sogar Tech-Konzerns bis hin zum ganz großen Durchbruch scheint alles möglich. Nur dass Letzterer wohl erst einmal in weite Ferne gerückt ist. Ein Hoffnungsschimmer für Anleger ist dagegen das mit dem Kurssturz gesunkene KGV. Mit einem errechneten Wert für 2019 von 22,5 ist das Tesla-Papier für einen Wachstumstitel beinahe günstig. Nur, günstig ist nicht immer gut.   

RTZ

17.08.2019 | 08:00

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