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„Den Tiefpunkt der Wirtschaftskrise haben wir wohl noch nicht gesehen“

Das Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hatte den Stein ins Wasser geworfen: In einer Studie warnen die Ökonomen vor einer Bankenkrise infolge der einbrechenden Konjunktur. Das Hauptaugenmerk der Wirtschaftsforscher liegt dabei auf den kleineren Banken – den Sparkassen und Volksbanken. Der WirtschaftsKurier möchte deswegen vom Vorstand des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) Gerhard Hofmann wissen, wie es derzeit um die mit 841 Banken in Deutschland größte Finanzgruppe steht.

WirtschaftsKurier: Herr Hofmann, wie sicher ist mein Geld auf einem Volksbank-Konto?

Gerhard Hofmann: Wir haben seit 1934 eine gut funktionierende Instituts-Sicherung, und keine unserer Banken ist seither insolvent geworden. Noch nie hat ein Kunde sein Geld bei uns verloren . . .

. . . es gab aber auch zumindest seit Kriegsende noch nie einen vergleichbaren Konjunktureinbruch.

Das stimmt. Jedenfalls ist es die einhellige Meinung der Wirtschaftsforscher. Aber zur einhelligen Meinung gehört auch, dass Deutschland wohl vergleichsweise glimpflich durch die Krise kommt. Gleichzeitig wird nirgends so viel Geld national aufgebracht, um die Krise abzufedern wie hierzulande. Ich will die Krise nicht verharmlosen, aber man muss eben beide Seiten sehen.

Zur Krise gehört auch die Einschätzung, dass die Zahl der Pleiten steigen wird.

Nach unseren Berechnungen werden die Insolvenzfälle in den nächsten Monaten bis Ende 2021 um 20 bis 30 Prozent steigen. Das heißt: Wir haben hoffentlich den medizinischen Höhepunkt der Corona-Krise hinter uns, den Höhepunkt der Wirtschaftskrise haben wir aber wohl noch nicht gesehen.

Wie sorgen die Volks- und Raiffeisenbanken vor?

Wir erwarten einen deutlichen, aber verkraftbaren Anstieg der Wertberichtigungen. Kredite, die wir an den Dienstleistungssektor, aber auch an das verarbeitende Gewerbe vergeben haben, könnten unter Druck geraten. Aber wir haben vorgesorgt und erwarten, gut durch die Krise zu kommen. Mit einem Eigenkapital von derzeit 116 Milliarden Euro haben wir einen großen Puffer gegen adverse Entwicklungen.

Von wie vielen ausfallgefährdeten Krediten sprechen wir?

Bei rund 100 00 Konten von Privat- und Firmenkunden haben wir Stundungen von Krediten eingeräumt. Aber die sind bei weitem nicht alle ausfallgefährdet. Viele haben bereits wieder ihre Zins- und Tilgungsleistungen aufgenommen. 95 Prozent der Kredite sind außerdem mit Immobilien abgesichert.

Also alles ganz entspannt?

Die hohe Verschuldung der öffentlichen Hand durch die Konjunkturprogramme europaweit macht mich nachdenklich, wenn nicht gar besorgt. Das lässt sich nicht so schnell über Wachstum oder Steuerhöhungen finanzieren und bedeutet eine gewaltige Last für die nachkommenden Generationen. Es kommt entscheidend darauf an, dass die Mittel sinnvoll eingesetzt werden, damit Europa wettbewerbsfähiger wird.

Dann durch Inflation?

Bisher bleibt die Inflationsrate sehr niedrig, aber das könnte sich ändern, wenn das Vertrauen in den Euro sinkt. Und wenn es hart auf hart kommt, halte ich auch Schuldenschnitte in einzelnen Ländern für nicht ausgeschlossen.

Das sind keine schönen Aussichten. Ist es in einer solchen Situation eigentlich angebracht, sich wie das IWH öffentlich über Gefahren für die Banken zu äußern oder ist das brandgefährlich, weil solche Äußerungen eine Krise bei den Banken erst hinaufbeschwören?

In Deutschland ist die Wissenschaft frei, und Meinungsfreiheit ist garantiert. Allerdings ist Stimmungsmache fehl am Platz. Wir haben die Analyse des IWH zur Kenntnis genommen, machen sie uns aber nicht zu eigen. Man kann die Zukunft nicht in Modellen abbilden, die nicht berücksichtigen, dass Banken und die für sie Verantwortlichen, Entscheidungen treffen, um die Krise zu lindern. Die Stundung von Krediten war zum Beispiel eine solche hilfreiche Entscheidung.

Glauben Sie, dass alle Volksbanken die Krise überleben werden oder fliehen sie in eine Fusion mit anderen Banken aus dem genossenschaftlichen Bereich?

Wir sind die Gruppe mit den kleinsten Banken in Deutschland. 30 bis 40 Fusionen pro Jahr sind getrieben  durch die Digitalisierung des Bankgeschäfts, die niedrigen Zinsen und eine hohe regulatorische Belastung, die unser Geschäft insgesamt nicht einfacher machen, Dieser Trend wird noch einige Zeit anhalten, unabhängig von Corona.

Das Gespräch führte Oliver Stock

23.07.2020 | 16:40

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