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Der saudi-arabische König Salman ist an eine Politik mit Scheckbuch und Waffe gewöhnt. Doch eine neue Generation von Gotteskriegern bedroht nicht nur das Königshaus, sondern die Stabilität der ganzen arabischen Welt. (Foto: picture alliance)

Der saudi-arabische König Salman ist an eine Politik mit Scheckbuch und Waffe gewöhnt. Doch eine neue Generation von Gotteskriegern bedroht nicht nur das Königshaus, sondern die Stabilität der ganzen arabischen Welt. (Foto: picture alliance)

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Salman sät Terror und erntet Krieg

Saudi-Arabiens König hat jahrzehntelang fremde Auseinandersetzungen und Islamisten finanziert. Nun wendet sich die Saat des Terrors gegen sein eigenes Land – und so bricht er einen großen Krieg vom Zaun.

Sein Name lautet Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud, und er ist der reichste König der Welt. Zu seinem Amtsantritt beschenkt er seine Untertanen mal eben mit 28 Mrd. Euro. Sportvereine, Studenten, Soldaten, Rentner – jeder bekommt etwas ab. Die eine oder andere Islamisten-Truppe auch. Denn König Salman ist seit einigen Wochen absoluter Herrscher von Saudi-Arabien, und er ist es gewohnt, Politik vor allem mit Scheckbuch und Waffe zu betreiben. Da seine Untertanen keine politischen Mitsprache- ja nicht einmal volle Menschenrechte genießen und besser nicht auf die Idee kommen sollten, diese einzufordern, hält das Königshaus sein Volk mit jeder Menge Ölgeld ruhig.

Salman ist mit seinen 79 Jahren zum Staatenlenker aufgestiegen und nun König, Premierminister und Oberbefehlshaber der Armee in Personalunion. Dabei hatte er vor einem Jahr einen Schlaganfall und kann seither seinen linken Arm nicht mehr richtig bewegen. Er kann kaum noch klar sprechen, und seine erste öffentliche Fernsehansprache geriet zum unverständlichen Genuschel. „Der Spiegel“ berichtet: „In Saudi-Arabien kursieren Gerüchte, der neue König sei an Demenz oder Alzheimer erkrankt. Er könne sich nur wenige Minuten am Stück konzentrieren, manchmal könne er sich nicht einmal an seinen Namen erinnern.“

Doch so schwach er auch körperlich erscheinen mag, er führt sein Regime mit harter Hand und Taschen voller Geld. Das hat er immer so getan. Salman ist einer der sogenannten Sudairi-Sieben. So werden die sieben Söhne des Staatsgründers Saud und dessen Lieblingsgattin Sudairi genannt. Auch König Fahd, der von 1982 bis 2005 herrschte, gehörte zu den Sudairis.

Vom Wüstenstädtchen zur Glitzermetropole

Salman baute seine Machtbasis über die Hauptstadt Riad auf, mit 19 wurde er dort Bürgermeister, mit 27 Gouverneur. Die Polizei und die Protzbauten wurden seine Visitenkarten. Unter seiner Ägide mauserte sich das staubige Wüstenstädtchen zur glitzernden Millionenmetro­pole nach amerikanischem Vorbild – Schachbrettmuster, Highways, Hochhäuser. Als er sein Amt antrat, hatte Riad keine 200 000 Einwohner, als er 2011 abtrat, waren es fast 5 Mio. Salman förderte die technische Modernisierung mit allen Mitteln – sein eigener Sohn Sultan flog als erster Muslim und Araber ins All. Doch politisch blieb er reaktionär, gewaltsam unterdrückt wird vieles – von Frauen über Christen bis zur Meinungsfreiheit. Die brutale Verfolgung des Bloggers Ralf Baddawi trägt auch seine Handschrift.

Denn Salman hält sich eng an die religiösen Fanatiker unter den saudischen Rechtsgelehrten. Auspeitschungen, Folter und Hinrichtungen sind daher an der Tagesordnung. Der „Economist“ publizierte ein Demokratie-Rating mit Saudi-Arabien an 161. Stelle von 167 Ländern. Menschenrechtsorganisationen sehen Salmans Saudi-Arabien unter den zehn autoritärsten Staaten der Welt.

Doch Salman unterstützt fanatische Islamisten auch außerhalb Saudi-Arabiens. Seit Jahrzehnten gilt er als einer der Hauptsponsoren für islamistische Gruppen in allen möglichen Krisengebieten. Das Brookings-Institut berichtet, dass er in den 1980er-Jahren jeden Monat 20 bis 25 Mio. US-Dollar an die Mujaheddin in Afghanistan zahlte, später finanzierte er die muslimischen Truppen Bosniens gegen Serbien. Wenn islamische Gruppen irgendwo als Gotteskrieger aktiv wurden, konnten sie auf Salmans Netzwerk-Millionen hoffen. In Geheimdienstkreisen machte er sich als „Terrorspender“ einen unrühmlichen Namen.

Auch mit den Attentaten des 11. September 2001 wird sein Name immer wieder in Verbindung gebracht. So berichtete die „New York Times“ kürzlich von einer brisanten Zeugenaussage des Al-Qaida-Mitglieds Zacarias Moussaoui. Der 46-Jährige erklärte in einer Gefängnisvernehmung, Salman und andere prominente Mitglieder der saudischen Königsfamilie hätten bis unmittelbar vor dem Anschlag Großspenden an Al Qaida überwiesen. In seiner auf 123 Seiten protokollierten Aussage beschreibt er Treffen mit dem heutigen König und anderen Prinzen, denen er zwei Mal auch handgeschriebene Briefe von Osama bin Laden überbracht haben will.

Klarer zu verfolgen ist die Spur des Islamisten-Förderers Salman im Fall Bosniens. Von 1992 an soll er die Islamisten auf dem Balkan finanziert haben. Nach einem Bericht vom „Tagesspiegel“ fanden Nato-Truppen 2001 bei einer Razzia in der SHC-Zentrale in Sarajevo ein ganzes Arsenal von Terrorutensilien, Fotos von Al-Qaida-Zielen vor und nach Anschlägen, sogar Anleitungen, wie sich Hausausweise des US-Außenministeriums fälschen lassen, sowie Stadtpläne von Washington, auf denen wichtige Regierungsgebäude markiert waren.

Der Islamismus gerät außer Kontrolle

Die düstere Außenpolitik als Islamisten-Pate fällt nun freilich auf Salman und sein Königreich zurück. Denn seit dem syrischen Bürgerkrieg – auch hier flossen Millionen aus Saudi-Arabien zur Finanzierung von Kampfgruppen – und mit dem Auftauchen des „Islamischen Staates“ wird Salman die Terrorgeister, die er rief, nicht mehr los. Denn die neue Generation von Gotteskriegern bedroht zusehends auch das „Haus Saud“ selbst. Sowohl im Norden (Irak und Syrien) als auch im Süden (Jemen) ist der Islamismus außer Kontrolle geraten und wird zur Gefahr für die Stabilität Arabiens.

Nun zieht Salman die Notbremse. Hastig werden die Spendenmillionen neu sortiert, der Geheimdienstchef in Riad musste seinen Hut nehmen und die Armee wird zusehends direkt in Kriegseinsätze geschickt. Denn Salman muss erkennen, dass nicht nur die Terrorgruppen zur Bedrohung werden, sondern auch der große Erzrivale Iran. Von Teheran aus werden schiitische Gruppen rund um Saudi-Arabien gezielt unterstützt – und so braut sich ein großer Regionalkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien zusammen. Die Kämpfe im Jemen sind das akute Schlachtfeld dabei.

Für Salman, der jahrzehntelang im Geheimen den Islamismus finanziert hat, ist das eine bittere Ironie seiner Geschichte. Just in dem Moment, da er König und sichtbar wird, mutiert auch sein geheimes Terrorspiel zum offenen Krieg. Verzweifelt sucht er nun Allianzen im arabischen Raum, beschwört eine sunnitische Sache gegen die vermeintlich bösen Mächte der Schiiten. Doch so recht will man ihm nicht folgen. Da hilft es ihm nicht einmal, dass er auch noch den größten Medienkonzern des Nahen Ostens kontrolliert. Salman wird am Ende auf das zurückgreifen, was ihm immer geholfen hat: Waffen und Petrodollars.

Riad muss erstmals seit Jahren Geld leihen

Der gesunkene Ölpreis lässt die ­Einnahmen des weltgrößten Erdölexporteurs schrumpfen. Weil die Regierung unverändert Geld ausgibt, klafft ein Haushaltsloch, das wohl mit Krediten gestopft werden muss. Denn das Wirt­schaftswachstum wird vermutlich unter den 2,0 % des Jahres 2014 liegen. Saudi-Arabien wird wohl zur ersten Kreditaufnahme im neuen Jahrtausend antreten müssen. Das Defizit schnellt nach Berechnungen des Instituts Dschadwa dieses Jahr auf 106 Mrd. US-Dollar.

Das Institut erwartet, dass die Öleinnahmen Riads 2015 um 35 % auf 171,8 Mrd. US-Dollar zurückgehen werden. Die Staatsausgaben würden hingegen bei rund 290 Mrd. US-Dollar bleiben. Um alles zu finanzieren, werde der schwerreiche Ölstaat wohl zum ersten Mal seit 1998 an den Finanzmärkten Geld leihen, schrieben die Experten.

Von Finanznot kann allerdings keine Rede sein. Das Finanzpolster Saudi-Arabiens bezifferte Dschadwa auf 714 Mrd. US-Dollar. Die Ausgabe von Anleihen ermögliche es der Regierung aber, das Defizit nicht allein mit Geld aus der Staatskasse zu stopfen. Dass die Neuverschuldung in die Höhe schießt, liegt nicht allein am Ölpreisabsturz. Satte Mehrausgaben sind auch der Entscheidung des neuen Königs Salman geschuldet, seinen Beamten mit zwei zusätzlichen Monatsgehältern über den Tod seines Vorgängers Abdallah Ende Januar hinwegzuhelfen.

02.06.2015 | 10:52

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