Schafft Markus Söder, was Edmund Stoiber verwehrt blieb?



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Macher der Woche: Edmund Stoiber

Der ehemalige Ministerpräsident und als Kanzlerkandidat gescheiterte Stoiber treibt seinen politischen Ziehsohn an, die Kandidatur an sich zu reißen. Die beiden verbindet eine lange Beziehung. Jetzt soll der Jüngere schaffen, was dem Älteren verwehrt blieb.

Der Wandel kam vor wenigen Tagen: Am vergangenen Freitag noch hatte der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber dem „Merkur“ zur Frage nach dem geeigneten Kanzlerkandidaten der Union erklärt: „Jeder kennt meine langjährige politische und auch persönliche Verbundenheit und hohe Wertschätzung für Markus Söder. Aber entscheiden müssen letztlich Söder und Laschet gemeinsam. Beide haben das Zeug zum Kanzler.“

Am Sonntagmorgen dann, wenige Stunden bevor Söder zum ersten Mal offiziell sein Interesse an einer Kanzlerkandidatur verkündete, stellte der Ehrenvorsitzende und als Kanzlerkandidat einst gegen Gerhard Schröder gescheiterte Ex-CSU-Chef auf seiner eigenen Homepage weit weniger neutral fest: „Ich kenne Markus Söder natürlich aus nächster Nähe und habe ihn auf seinem politischen Weg über viele Jahre begleitet und gefördert. Die Union braucht einen Kandidaten, hinter dem sich ihre Führung und Basis versammeln können. Das ist für einen erfolgreichen Wahlkampf entscheidend wichtig. (…) Der neue Kanzler muss deshalb stärker von vorne führen. Das traue ich Markus Söder absolut zu. Ich würde es begrüßen, wenn er meine Nachfolge nicht nur als Ministerpräsident und Parteivorsitzender, sondern auch als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU antritt und als Bundeskanzler erfolgreich die nächste Regierung anführt.“

Wirklich ein Ziehsohn?

Wie eng ist das Verhältnis zwischen Stoiber und seinem Nach-nach-Nachfolger in der bayerischen Staatskanzlei Markus Söder? Ist Söder Stoibers Ziehsohn? Sieht der ehemalige bayerische Ministerpräsident in dem amtierenden ausgerechnet jene Figur, der jetzt nochmal das gelingen könnte, woran er scheiterte? Nämlich Kanzler?

Wer das Verhältnis der beiden beobachtet, stößt auf eine Schlüsselszene vor drei Jahren. Markus Söder hatte sich gerade zum Ministerpräsidenten aufgeschwungen. Hatte seinen Vorgänger Horst Seehofer schließlich zum Rücktritt gedrängt und war in die Münchner Staatskanzlei eingezogen. Es geschahen darauf zwei Ereignisse: Erstens ließ Söder die samtblauen Polstermöbel aus der Ära Franz Josef-Strauß wieder im Empfangsraum postieren. Und zweitens lud er Edmund Stoiber ein, elf Jahre nach dessen Rücktritt zum ersten Mal wieder die Staatskanzlei zu betreten. Als es soweit war, empfing ein lässig in eine schwarze Strickjacke gekleideter Söder am Dienstag nach Ostern den im akkuraten Anzug erschienen Stoiber. Die Szene war symbolträchtig: Alles ist wie früher, sagte sie aus - nur dass sich hier jetzt hier ein neuer Hausherr ganz zu Hause fühlt. Stoiber war beeindruckt und sagte einen Satz, der Söder sichtlich gefiel: „Markus Söder hat den stärksten Macht- und Gestaltungswillen.“ Es war der Friedensschluss von München: Der Groll, den Stoiber nach seinem nicht ganz freiwilligen Abgang gegen jene, die sich als seine Erben bezeichneten, gehegt haben mochte, wurde begraben. Das Tandem Söder-Stoiber jedenfalls ruckelte nicht mehr.

Gemeinsam durch dick und dünn

Das Duo hatte vor dem Rücktritt Stoibers 2007 zusammengehalten und war zumindest nach außen gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Stoiber als Ministerpräsident und Söder als sein angriffslustiger Generalsekretär, der gerne mal eine Bemerkung machte, die politisch Abseits von dem lag, was geboten schien. Stoiber spielte dann den gütigen Vater, der sich vor seinen ungezogenen Sohn stellte. Als Söder beispielsweise eine Begnadigung des RAF-Terroristen Christian Klar durch den Bundespräsidenten als „schwere Hypothek“ bezeichnete und sich über ihm mal wieder ein politisches Gewitter entlud, stellte sich Stoiber schützend vor ihn: „Jeder weiß“, sagte er, „dass Generalsekretäre immer etwas zugespitzt formulieren.“ Er wusste, wovon er sprach. Stoiber hatte sich in seiner eigenen Zeit als Generalsekretär von Franz-Josef Strauß wegen seiner Attacken auf den politischen Gegner das Image vom „blonden Fallbeil“ erworben.

Die beiden eint einiges in ihrer Biographie, auch wenn der Franke Söder mit dem gebürtigen Oberbayern Stoiber etwa so eng befreundet sein darf, wie ein Düsseldorfer mit einem Kölner. Beide sind sie promovierte Juristen, beide landete sie früh an herausragender Stelle in der JU, der Nachwuchsorganisation der Union. Beide sind sie als „Arbeitstiere“ unter ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eher gefürchtet und halten Widerspruch intern nur schlecht aus. Während Stoiber als „Aktenfresser“ an Söder dessen Bierzeltpräsenz schätzt, imponiert Söder umgekehrt das Detailwissens seines Vor-vor-vorgängers.

Wie in alten Zeiten

Dass nun der Ziehvater seinen politischen Sohn nach vorne schiebt, hängt mit Söders eigenem Anspruch zusammen. Vor einem Jahr noch, als Söder nur der Vielleicht-möchte-er-gern-Kandidat war, riet ihm Stoiber öffentlich in einem Videointerview: „Meine Empfehlung bleibt: Dieses Land Bayern jetzt stabil halten, es an Platz eins zu halten und dann vor die Bayern zu treten bei der nächsten Landtagswahl.“ Allerdings schränkte Stoiber ein: Am Ende müsse „Söder das selbst entscheiden". Der hat das nun getan. Und Stoiber gibt ihm Rückendeckung. Ganz wie in den alten Zeiten.                

Oliver Stock

16.04.2021 | 10:17

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