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Macher der Woche: James Webb

Sein Name wird für Jahrzehnte mit jenen Informationen verbunden sein, die das nach ihm benannte James-Webb-Space-Telescope künftig zur Erde funkt. Doch James Webb ist ein umstrittener Mann, jedenfalls im Nachhinein: Die Schwulen-und-Lesben-Community macht gegen ihn Front. Sie will das Teleskop umbenennen.

Sein Name brennt sich jetzt in die Galaxie: James Webb. Er ist es, nach dem jenes Superteleskop benannt ist, das Ende Dezember ins All entlassen wurde, um von dort aus, Phänomene wie die Entstehung von Sternen, Planeten und nahenden Kometen zu untersuchen. Webb löst Hubble ab. Das Teleskop, mehrmals repariert und nach dem Astronomen Edwin Hubble benannt, hatte seit 1990 mal mehr, mal weniger brauchbare Informationen zur Erde gefunkt. Doch während Hubble allseits verehrt war, gibt es bei Webb Zweifel. Der ehemalige Nasa-Direktor, ein Mann, der mit energischem Kinn, stählernem Blick und grauem Anzug aussieht, wie aus einem Marilyn-Monroe-Film entsprungen, starb bereits zwei Jahre nach Hubbles Start 1992 im seligen Alter von 86 Jahren. Was ihm postum widerfährt, hätte ihm zu Lebzeiten vermutlich ein paar mehr graue Strähnen im streng zurückgekämmten dunklen Haar gekostet.

Bis zum Start vor ein paar Tagen hatten nämlich mehr als 1200 Astronomen weltweit vehement gefordert, das Webb-Teleskop umzubenennen. Der Grund: Der Nasa-Dirketor, in dessen Amtszeit bei der Weltraumbehörde das Apollo-Programm zur Vorbereitung der ersten Mondlandung fiel, soll geduldet haben, dass homosexueller Mitarbeiter bei der Nasa benachteiligt, manche sogar deswegen gefeuert wurden. So etwas wiegt heute schwer, und die Nasa hatte deswegen eine eigene Historikerkommission gebildet, um die Vorwürfe gegen Webb zu untersuchen. Am Ende im vergangenen Jahr schloss sie die Akte: Es sei nichts dran, sie habe keine Beweise für die Anschuldigungen gefunden, hieß es von den offiziellen Weltraum-Historikern.

Die Kritik reißt dennoch nicht ab. Rolf Danner, Astronom am Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, Kalifornien, und Vorsitzender des Ausschusses der American Astronomical Society für sexuelle Orientierung und geschlechtliche Minderheiten in der Astronomie, sagt, dass Webb wahrscheinlich ein effektiver Manager war. „Ich glaube nur nicht, dass ihn das mehr als 60 Jahre später zur richtigen Wahl für das wichtigste Wissenschaftsprojekt der NASA macht.“ Andere werden deutlicher: „Ich bin enttäuscht“, zitiert das Wissenschaftsmagazin „spektrum“ Johanna Teske, eine Astronomin an der Carnegie Institution for Science in Washington DC. „Ohne zu wissen, welche Faktoren berücksichtigt wurden, fällt es mir schwer, die Entscheidung, den aktuellen Namen beizubehalten, zu respektieren.“ Tatsächlich war Webb Manager in einer Zeit, in der schwule und lesbische Bundesbedienstete systematisch wegen ihrer sexuellen Orientierung entlassen wurden.

Als Reaktion auf diese Bedenken hatte die NASA mit einer internen Untersuchung historischer Dokumente begonnen, die Aufschluss über Webbs Verhalten geben könnten. Am 27. September vergangenen Jahres gab Nasa-Chef Bill Nelson in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“, dann aber einen dürren Satz zu Protokoll: „Wir haben derzeit keine Beweise gefunden, die eine Änderung des Namens des James Webb Space Telescope rechtfertigen.“ Die Untersuchung sei abgeschlossen. „Das Problem ist die völlige Weigerung, die Stimmen von queeren Astronomen zu hören“, hält Brian Nord, Astrophysiker am Fermi National Accelerator Laboratory in Batavia, Illinois dagegen und wird grundsätzlich: „Man weigert sich, sich der Geschichte zu stellen. Wenn wir das nicht können, wie sollen wir dann die Unterdrückung aufklären, mit der die Menschen konfrontiert sind?“
Nord ist einer von vier Astronomen, die die Petition gegen Webb als Namensgeber angeführt haben. Die vier schreiben in einer gemeinsamen Email an „Nature“ über die Entscheidung der Nasa: „Bei all dem Gerede der Institution über Gleichberechtigung und Vielfalt scheint sie sich nicht sonderlich um die öffentliche Rechenschaftspflicht bei sensiblen Themen zu kümmern, die eine historisch marginalisierte Gruppe betroffen haben.“ Webb habe seinen Job gemacht, im Guten wie im Schlechten, und werde in die Geschichte eingehen, sagt ein anderer kritischer Astronom, Peter Gao, Planetenforscher an der Carnegie Institution. „Es ist nicht nötig, ihn weiter zu feiern, wenn man bedenkt, was während seiner Amtszeit passiert ist.“

Die Kontroverse ist mit dem Start des Teleskops in den Weltraum nicht zu Ende. So twitterte einer der Kritiker, dass er seine ganz persönliche Umbenennung des Weltraumfernrohrs bereits vollzogen habe. Das James Webb Space Telescope (JWST) heiße bei ihm ab sofort: Just Wonderful Space Telescope. Vielleicht ist es für seinen Seelenfrieden gut, dass Mr. Wonderful alias James Webb diese Kontroverse nicht mehr miterlebt hat.

Oliver Stock

14.01.2022 | 15:04

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