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Macher der Woche: Jörg Asmussen

Der ehemalige Top-Banker, Griechenland-Retter und Diener vieler Herren, ist künftig Cheflobbyist der deutschen Versicherer. Deren Geschäfte sind bedroht, weil Kunden Schadensersatz wegen Corona bedingter Verluste fordern. Asmussen ist in seinem Element.

Da ist er wieder: Jörg Asmussen, Top-Banker, politisches Ausnahmetalent, dem es gelang als SPD-Mitglied beste Dienste für seinen CDU-Chef zu leisten, Bundesbank-Direktoriumsmitglied, einstiger Griechenland-Retter und Tausendsassa in der Finanzkrise, die die Banken Ende des vergangenen Jahrzehnts erschütterte, rückt in wenigen Tagen an die Spitze einer der mächtigsten Verbände in Deutschland. Ab Oktober bekleidet der 53jährige das Amt des Hauptgeschäftsführers des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft GDV. Und Asmussen wäre nicht Asmussen, wenn er nicht schon vorher von sich reden machen würde.

Der GDV vertritt in Berlin die Interessen der Versicherer, die bislang den gesunden Teil des Finanzplatzes Deutschland darstellen. Während die Bankhäuser unter Niedrigzinsen ächzen, sich Sparkassen und Volksbanken gegen Corona bedingte Kreditausfälle wappnen müssen und die Großbanken gegen die internationale Konkurrenz immer weiter abfallen, lief es bei den Versicherern bislang rund. Allianz und Munich Re behaupten weltweite Spitzenplätze in ihren Disziplinen, daneben tummeln sich mehr als 450 weitere Anbieter, die alle etwas mit Versicherung zu tun haben und Mitglieder im GDV sind.

Allerdings ist die Herrlichkeit in Gefahr, und wo Gefahr ist, trifft man oft auf Jörg Asmussen. Er stieg einst im Bundesfinanzministerium zum Staatssekretär auf, schrieb die Gesetze zur Finanzmarktregulierung maßgeblich mit, gemeinsam mit dem SPD-Finanzminister und ehemaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück war er der Feuerwehrmann in der Finanzkrise.  Später vertrat er Steinbrücks Nachfolger Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble während der Griechenland-Krise, er beriet die Kanzlerin Angela Merkel in der heißen Phase der Euro-Rettung. Im Jahr 2012 berief ihn die Europäischen Zentralbank in ihr Direktorium. Nach einigen Gefechten, die er sich mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann lieferte, verließ er den prestigeträchtigen Posten, um Staatssekretär der damaligen SPD-Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles zu werden. Mit jedem Wechsel wuchs die Zahl seiner Gegner, behaupteten damals die, die zu diesen Gegnern gehörten. Irgendwann warf er hin, wollte sich nicht mehr den politischen Auseinandersetzungen, sondern der Familie widmen. Vor seinem Einstieg beim GDV, wo er sich seit Jahresbeginn warmläuft, war er als Banker für Fusionen und Übernahmen bei der Investmentbank-Lazard unterwegs.

Doch Asmussen besitzt ganz offenbar einen Riecher für brenzlige Situationen. Sie ziehen ihn an. Denn die Versicherungsbranche bekommt gerade Risse. Auch sie leidet unter den niedrigen Zinsen, die beispielsweise das Geschäft der Lebensversicherer massiv verändert hat. Auch sie muss sich dem Angriff der Startups stellen – und jetzt ist auch über sie die Pandemie hereingebrochen, in der sich Fragen nach der Versicherbarkeit ungeahnter Risiken ergeben. So steckt die Branche aktuell in Deutschland in einer Klagewelle, die sie Milliarden kosten könnte: Insbesondere Gastronomen und Hoteliers fordern sechs- bis siebenstellige Beträge aus sogenannten Betriebsschließungsversicherungen, die an sich zahlen sollen, wenn beispielsweise ein Restaurant aus Krankheitsgründen vorübergehend dicht macht. Bislang sperrt sich die Branche gegen eine weitgehende Regulierung dieser Schäden.

In dieser Situation wittert einer wie Asmussen die Gelegenheit zum Angriff. Noch bevor er zum Verbandschef aufgestiegen ist, produzierte Asmussen ein „Diskussionspapier“, das zur Absicherung künftiger Pandemie-Schäden ein Absicherungsmodell vorschlägt, an dem sich in letzter Instanz der Staat beteiligt. Der Mann, der einst von Hypo Real Estate über die Commerzbank bis zu den Landesbanken die Möglichkeiten von Staatsrettungen auslotete, ist damit wieder in seinem Element. „Wir wollen die Diskussion über ein System anstoßen, das die wirtschaftlichen Folgen künftiger Infektionswellen abmildern und staatliche Ad-hoc-Hilfen teilweise ersetzen könnte“, sagt er und weil er um die politische Brisanz weiß, die in dem Vorschlag steckt, fügt er hinzu: „Erst wenn der Kapitalstock aufgebraucht ist, würden zusätzliche staatliche Mittel abgerufen.“
Mehr möchte er im Augenblick dazu nicht sagen. Ein Gespräch lehnt er auf Anfrage ab. Schließlich sei er noch gar nicht offiziell im Amt des Hauptgeschäftsführers, lässt er mitteilen. Es klingt so, als müsse er sich beherrschen. Aber nicht mehr lange.        

oli


11.09.2020 | 08:00

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