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Macher der Woche: Pascal Soirot

In Deutschland beschimpft, in Großbritannien gefeiert: Pascal Soirot ist Chef von Astra Zeneca. Der Impfstoff des Konzerns ist umstritten. Seine Nutzung wird in einzelnen Ländern wie Deutschland immer wieder eingeschränkt. Das Serum macht aber nur einen kleinen Teil von dem aus, was der Pharmariese erzeugt. Soirot hat aus ihm einen Weltkonzern geschmiedet.

Als Pascal Soriot jüngst in die Zentrale des Pharmakonzerns Astra-Zeneca in Cambridge eingeladen hatte, berichteten Korrespondenten wie der der FAZ von einer aufgewühlten Stimmung. „Verrückte Medienberichte in Deutschland“, seien das, so klagten die konzern-Mitarbeiter. Die Gäste haben auch den Satz: „Wir sind super angepisst“ vernommen.

Als dann Pascal Soriot nach vorne geht, wird der Umgangston gesitteter. In der Gestik zurückgenommen, im Tonfall ruhig erklärt der Vorstandschef des 70 000 Mitarbeiter großen britisch-schwedischen Pharmakonzerns seine Sicht der Dinge. „Inkorrekt“ seien die Zweifel an der Wirksamkeit und die Diskussion um Nebenwirkungen. Und auch die Klagen der EU, zu wenig Impfstoff von Astra Zeneca zu bekommen, weist er zurück. Der Konzern habe nur seine „besten Bemühungen“ zugesagt, wieviel Menge genau geliefert werden soll, sei nicht vereinbart. Eine Anhörung im Europa-Parlament war mit der gleichen Kommunikationsstrategie unversehens zum Tribunal geraten: Die finnische Linken-Europaabgeordnete Silvia Modig hatte ihm schließlich wütend vorgeworfen, „wie ein Stück nasse Seife“ zu reagieren: „Man kann danach greifen wie man will, Sie entwischen uns immer wieder.“ Soirot ließ es über sich ergehen.

Die Rolle des Getriebenen – sie passt so gar nicht zu dem Mann, der in einem der Astra-Zeneca Heimatländer, in Großbritannien, als Star der Branche gilt. Die ehrwürdige Times in London wählte ihn zum Jahreswechsel zum „Wirtschaftsnachrichtenmacher des Jahres“. Da bereitet er gerade die Übernahme von Alexion vor, einem US-Pharmakonkurrenten, der sich auf seltene Krankheiten spezialisiert hat. Es ist mit 39 Millionen Dollar der größte Deal in der Geschichte des Konzerns. Außerdem lieferte Soirots Truppe Daten über Daten nach Amsterdam, wo die europäische Arzneimittelbehörde den Astra-Zeneca-Impfstoff gegen Corona prüfte und schließlich genehmigte. Das alles geschah aus seiner australischen Quarantäne-Station aus, der gebürtige Franzose hatte sich zu seiner Familie nach down under begeben, und verbrachte eine arbeitswütige, selbstgewählte Isolationphase.

Der 61jährige kennt die Aufs und Abs im Berufsleben. 2014 war Astra Zeneca selbst zum Übernahmeobjekt geworden, der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer hatte mehr als ein Auge auf die damals strauchelnden Briten geworfen. Doch Soriot hielt stand, obwohl die Investoren im eigenen Haus die Verlockungen eines dreistelligen Millionen-Kaufpreises nur unwillig abwiesen. Soirot dagegen kämpfte. Und er gewann. Aus seinem Glauben, dass Astra Zeneca aus eigener Kraft wachsen könne, ist inzwischen Gewissheit geworden. Fünf Jahre nach dem unfreundlichen Angebot aus den USA hatte er den Wert des eigenen Konzerns verdoppelt.

Der gelernte Tiermediziner war 2012 nach einer steilen Karriere in anderen Pharmakonzernen  an die Spitze von Astra Zeneca gelangt, als der britisch-schwedische Konzern wie so viele Branchengrößen in einer Sachgasse steckte. Jene Medikamente, an denen er Milliarden verdiente, entwickelten sich ihrem wirtschaftlichen Ende entgegen, was in der Pharmabranche so viel heißt wie: Die Patente liefen ab und es war absehbar, dass billige Nachahmermedikamente die teuren Originale ablösen würden. Soirot steuerte um: Er sparte, konzentrierte die Forschung auf Onkologie, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, sowie Atemwegs- und Autoimmunerkrankungen. Hin und wider gab es kleine Deals, Alexion war dann eine deutlich größere Nummer.

Nach bald einer Dekade an der Spitze von Astra Zenca ist klar: Soirot ist ein unabhängiger Kopf und damit stößt er andere mitunter vor den Kopf. Das hat dem Konzern bisher genutzt, und er selbst mag sich eine Delle zuziehen, die er dann aber entspannt ignoriert: So machte er im September 2018 Schlagzeilen, als er sein Gehalt und seinen Bonus in Höhe von 9,4 Millionen Pfund, das ihm einiges Aufsehen bescherte, so kommentierte: „Die Wahrheit ist, dass ich der am schlechtesten bezahlte CEO in der ganzen Branche bin“, sagte er. Das sei bis zu einem gewissen Grad ärgerlich. Aber am Ende des Tages ist es, wie es eben ist.“ Man kann das Überheblichkeit nennen. Vielleicht rührt so eine Haltung auch aus einer grundsätzlichen Gelassenheit. Das wäre in der aufgeheizten Pandemie-Debatte ja nicht die schlechteste Vorgehensweise.  

Oliver Stock

09.04.2021 | 13:58

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