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Macher der Woche: Siegfried Russwurm

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat einen neuen Präsidenten. Er steht für Handschlagqualität und Selbstbewusstsein. Als ein Anführer, der nun ganz unterschiedliche Interessen in einem Verband zusammenführen muss, dessen Mitglieder vom Strukturwandel gebeutelt werden, sind diese Qualitäten gefragt.
 
Wenn man die deutsche Industrie für ein Bildnis porträtieren sollte, sähe sie aus wie er: Groß und breitschultrig. Nicht mehr der jüngste aber auch kein altes Eisen. Bodenständig aus der oberfränkischen Provinz, aber aufgewachsen im Umgang mit Hightech. „Handschlagqualitäten“ attestieren ihm selbst die, die schon mit ihm aneinandergeraten sind. Siegfried heißt der Drachentöter der germanischen Nibelungensage. Siegfried Russwurm heißt seit dieser Woche der Chef des Bundeverbandes der Deutschen Industrie. Der Verband ist noch immer so etwas wie der Urahn jener Deutschland AG, die sich inzwischen stark gewandelt hat.

Fahnenflucht kommt nicht in Frage

Und mit ihr der BDI, in dem Russwurm nun die unterschiedlichen Interessen seiner Mitglieder austarieren muss. Da ist die Energiewirtschaft, die erst den Atomstrom abschalten und dann den Kohleverzicht erklären muss. Da ist die Automobilindustrie, der es dank üppiger Kaufprämien lange gelungen ist, den Verbrennungsmotor zu erhalten und die jetzt umso zügiger umsatteln muss. Und da ist die Stahlindustrie, die zusieht, wie der Rohstoff, den sie fertigt, weltweit gefragt ist, aber wenn er „Made in Germany“ ist, eher zu teuer ist.

Das letzte Thema liegt bei Russwurm direkt auf dem Schreibtisch – er ist Aufsichtsratsvorsitzender beim strauchelnden Industriekonzern ThyssenKrupp. Erst im Dezember musste er in dieser Position klare Worte nach außen sprechen, als es darum ging, dass drei Vorstände trotz miserabler Zahlen bei ThyssenKrupp Boni erhalten hatten. Als die IG-Metall das kritisierte, stellte sich Russwurm vor die Vorstände und wies darauf hin, dass die Boni mit den Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat beschlossen worden waren. Seither herrscht Ruhe an dieser Front. Das Mandat bei dem Ruhrkonzern sowie seinen Vorsitz im Aufsichtsrat beim schwäbischen Antriebstechnik-Hersteller Voith will Russwurm weiter behalten, auch wenn der BDI den ganzen Mann fordert. Im Fall Voith stehe er deswegen „bei der Familie im Wort“. Und bei Thyssen-Krupp in der aktuell heiklen Lage zu kapitulieren, bezeichnet er ganz militärisch als „Fahnenflucht“.
Siemens hat ihn groß gemacht

Der 57jährige Anhänger des Fußballvereins 1. FC Nürnberg, Vater zweier erwachsener Kinder und promovierte Ingenieur heuerte 1992 bei Siemens an und stieg dort in der Medizintechniksparte auf, wurde Bereichsvorstand und rückte unter dem eher glücklosen Konzernchef Peter Löscher in den Zentralvorstand auf. Als Löscher ging, war Russwurm einer der Nachfolgekandidaten. Gegen ihn setzte sich aber der machtbewusste Finanzvorstand Joe Kaeser durch. Das Verhältnis zwischen den beiden Männern dürfte fortan eine gewisse Naturtrübung in sich getragen haben. Russmann wurde zunächst Personalvorstand, was bei Siemens nicht als Beförderung galt, wechselte dann ins Industrieressort, das ihm auf den Leib geschneidert schien, und bekleidete zum Schluss den Posten eines Technologievorstands. 2016 kam es dann doch um Bruch, Russwurms Vertrag wurde nicht verlängert und er verließ im Frühjahr 2017 den Weltkonzern, der trotz seiner Größe möglicherweise für Männer vom Schlage Kaesers und Russwurms zugleich zu klein geworden war. Nachdem er kurzzeitig als Bahnchef gehandelt worden war, landete er schließlich in den Aufsichtsräten von Thyssenkrupp und Voith und damit bei zwei Pfeilern der Industrie hierzulande. „Allzweckwaffe“ wird er unter Kollegen genannt.

Er selbst sieht sich gern als ganz praktischen Visionär. Etwa wenn es um sein Lieblingstema geht, die Industrie 4.0. Sie sei eine Vision für die Produktion der Zukunft und hier sei Deutschland führend, ruft er all denen zu, die das eigene Land immer hintendran sehen. „Deutschland hat das Zeug zu mehr“, sagte er auch diese Woche in seinem ersten Interview als BDI-Präsident. Es sieht danach aus, als habe die Industrie eine selbstbewusste Stimme gefunden.                                                                                      

oli

08.01.2021 | 18:40

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