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Die Kurse an der Wallstreet gaben nur kurz nach, um sich gleich darauf wieder zu stabilisieren (Bild: picture alliance / Fabio Cimaglia | Fabio Cimaglia / IPA).


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Der Markt hakt Trump ab

Während die CEO’s der US-Unternehmen entsetzt auf die Vorfälle in Washington reagieren, bleiben die Investoren an den Finanzmärkten gelassen. Trump ist für sie nun endgültig ein Mann von gestern. Die Kurse vieler Aktien klettern deswegen auf neue Rekordstände.

Putsch, Bürgerkrieg, Verbrechen gegen die Demokratie – die Worte, die Beteiligte und Beobachter der Szenen rund ums Capitol am Mittwochabend finden, sind eindeutig und signalisieren: Hier ist die größte Wirtschaftsmacht der Welt haarscharf an einem Gau vorbeigeschlittert. Wer jedoch damit gerechnet hat, dass die Börsen der Welt panisch auf die chaotischen Vorgänge in Washington reagieren würden, liegt daneben: Die Kurse an der Wallstreet gaben kurz nach, um sich gleich darauf wieder zu stabilisieren, Dow Jones und auch der S&P 500 schlossen mit soliden Gewinnen. Der japanische Nikkei-Index markierte Rekordhöhen und auch der deutsche Aktienmarkt und sein Leitindex Dax robben sich an neue Hochs. Die Marke von 14 000 Punkten rückt näher. Offenbar betrachten die Investoren auf den Finanzmärkten, die unglaublichen Szenen aus Washington als irrational und geben sich unbeeindruckt.

Alarmstimmung in den Chefetagen

Das heißt allerdings nicht, dass Chefs und Strategen in der Wirtschaft nicht mit dem gleichen Entsetzen wie andere auf die Vorgänge schauen. Apple-CEO Tim Cook zum Beispiel ist einer der ersten gewesen, der sich per Twitter zu Wort gemeldet hat: Er nannte den Tag ein „trauriges und beschämendes Kapitel in der Geschichte unserer Nation“ und forderte, dass die Strippenzieher des Aufstands zur Verantwortung gezogen werden sollten. „Unsere Ideale sind dann besonders wichtig, wenn sie am meisten herausgefordert werden“, twitterte Cook.

Sundar Pichai, Chef von Google und Alphabet, bezeichnete die Vorgänge als „schockierend und beängstigend für uns alle“. Freie und sichere Wahlen und die friedliche Lösung von Differenzen seien fundamental für das Funktionieren einer Demokratie, schrieb er in einer Nachricht an die Mitarbeiter des Weltkonzerns. „Die Gesetzlosigkeit und Gewalt heute am Capitol Hill ist die Antithese von Demokratie, und wir verurteilen das aufs Schärfste.“ Arvind Krishna, der Vorstandsvorsitzende von IBM, sagte, solche Handlungen hätten keinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft und müssten sofort beendet werden, damit das demokratische System funktioniere. General-Motors-Chefin Mary Barra meldete sich mit diesem Statement zu Wort: „Die friedliche Machtübergabe ist ein Eckstein der amerikanischen Demokratie, und unabhängig von der politischen Überzeugung spiegelt die Gewalt am Capitol Hill nicht wider, wer wir als Nation sind.“ Das Land müsse zusammenkommen und die Werte und Ideale stärken, „die uns einen“. Deutliche Worte kamen von der National Association of Manufactors, einem Arbeitgeberverband der Industrie: Deren Chef Jay Timmons sprach mit Blick auf die Eindringlinge ins Capitol von „bewaffneten Verbrechern“ und gab Trump, der sich geweigert habe, seine Niederlage einzugestehen, die Schuld.

Erleichterung über eindeutige Mehrheiten

Dass die Finanzmärkte insgesamt entspannter sind als einzelne Investoren, liegt am Trend der Aktienmärkte, Erwartungen zu bepreisen und der Gegenwart dabei kein allzu großes Gewicht zuzumessen. Die Bilder aus Washington seien in der Tat dramatisch, kommentiert Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors, gegenüber der Nachrichtensendung tagesschau.de. Aber es gebe gute Gründe für die Gelassenheit an den Aktienmärkten. „Zum einen herrscht jetzt endgültige Sicherheit, wer der neue Präsident ist. Gleichzeitig kann sich dieser auf die Mehrheit in beiden Häusern stützen. Das senkt die Unsicherheit und zeigt, dass die 'Checks and Balances' in den USA unverändert in Kraft sind, die Demokratie also voll funktionsfähig ist.“ Und nach Einschätzung von Robert Halver, dem Anlagestrategen bei der Baader Bank, haben die Vorgänge eines endgültig bewiesen: Trump sei ein Mann von gestern. 

oli

 

 

07.01.2021 | 15:18

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