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„Totale Geistersituation und nur noch für 25 Kilometer Ladung“

Ein pensioniertes Ehepaar aus Süddeutschland kauft sich einen VW-ID3 und fährt damit nach Frankreich. Kaputte Ladesäulen, ungenaue Apps, plötzlich absinkende Reichweitenanzeigen – es wird eine Katastrophentour. Jetzt verschicken sie das Protokoll ihrer Reise an den Verkehrsminister.

Eigentlich sollte es eine entspannte Urlaubsreise im neuen Auto werden, die Gerhard und Ingrid Mersebach gründlich geplant hatten. Von dort, wo sie wohnen, bei Freiburg, würden sie die gut bekannte Route durch Frankreich bis hinunter in die Camargue nehmen. Unweit von Montpellier liegt ihr Appartement, in dem sie leben, wie Gott in Frankreich, wie Gerhard so oft strahlend berichtet. Die beiden haben im Februar ihren neuen VW ID 3 bekommen, in metallic-grau mit edler Ausstattung, rund 35 000 Euro kostet so ein Auto. Als sie in der vergangenen Woche am Mittwoch um 10 Uhr morgens in ihren neuen Golf stiegen, ahnten Gerhard und Ingrid nicht, dass es der Beginn einer Abenteuer-Reise werden würde. Am Telefon spricht Gerhard sogar von einer „Horrorfahrt“.

Hinter der E-Mobilität steht ein dickes: Aber

Der pensionierte Leiter einer großen Schule und Ingrid Mersebach, eine ehemalige Bankkauffrau, haben mittlerweile eine Dokumentation ihrer Tour erstellt, und sie sowohl an die EU-Verkehrskommission sowie an den deutschen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geschickt. Ihre wirklichen Namen lauten anders und sind der Redaktion bekannt. Beide wollen, seit sie 26 Stunden später am 790 Kilometer entfernten Zielort ankamen, eine Erkenntnis teilen: Sie halten die Elektromobilität für zukunftsweisend, aber sie glauben, dass Europa noch nicht ausgerüstet ist dafür. Ihre Dokumentation liest sich, als stamme sie aus einem Kapitel von Jules Vernes berühmten Roman „In 80 Tagen um die Welt“. Mit dem Unterschied, dass die Romanfiguren in einem E-Auto den Weltumrundungsrekord mit Sicherheit vergeigt hätten.

Dabei hatten sich die beiden Reisenden gründlich vorbereitet. „VW We Charge“ heißt die Ladekarte, die sie mitnahmen. 150 000 öffentliche Ladepunkte wirbt VW. „Mit nur einer Karte in einem der größten Ladenetzwerke Europas laden“, lautet das Versprechen. Zweiter Punkt der Vorbereitung war das Herunterladen zweier Apps „WeConnect ID“ heißt die eine und ist eine Art Betriebssystem für den Elektro-Golf, „Chargemap“ nennt sich die andere, sie ist eine Karte, in der ebenfalls die passenden Ladestationen für den funkelnagelneuen Golf verzeichnet sind. Die beiden waren also mehrfach abgesichert, sie wollten auf der ersten Reise im neuen E-Auto nichts dem Zufall überlassen.

„Erster Ladestopp“, so heißt es in der vorliegenden Dokumentation der beiden unfreiwilligen Abenteurer, stand „nach 178 km auf der Raststätte „Aire Ecot“ an der A36 in Frankreich an“. Eigentlich verspricht VW 550 Kilometer Reichweite. Das hätte geheißen: Einmal zwischendurch Laden und Ankommen. Tatsächlich war die Ladeanzeige bedenklich leer an der Raststätte „Aire Ecot“, und da war es doppelt blöd, dass ausgerechnet diese Ladestation entgegen aller App-Informationen kaputt war. Da der Akku garantiert nicht mehr bis zur nächsten verzeichneten Ladestation „Aire de Besancon, Champoux“ gereicht hätte, empfahl der freundliche französische Tankwart wieder zurückzufahren und in Montbelliard, was einige Kilometer von der Autobahn entfernt liegt, den örtlichen VW-Händler aufzusuchen.

Um 12.03 Uhr hatte dort die ausgedehnte Mittagspause zwar schon begonnen. „Dennoch hilft uns ein freundlicher VW-Mitarbeiter weiter und schließt uns bei Regen und Sturm mit 22 KW an“, vermeldet das Protokoll. „Nach zwei Stunden Ladezeit werden wir mit 40 Prozent Ladung entkoppelt und fahren weiter nach Besancon.“ Dort allerdings müssen die beiden E-Auto-Pioniere feststellen, dass keine der mitgenommenen Apps die Wahrheit gewusst hatte: Es gibt auf der gesamten Raststätte keine einzige Ladestation. Nach kurzer Beratung beschließen beide erneut eine kleine Steckdose anzusteuern, die mit einer Leistung von 22 KW in Besancon-Zentrum verzeichnet ist.

Übernachtung im Auto

Zitat aus dem Logbuch: „Ankunft dort bei extremer Witterung um 14.00 Uhr. Laut Angabe des Displays soll der Ladevorgang um 18.30 Uhr abgeschlossen sein. Abbruch wegen Sorge, dass wir zu sehr in die Nacht hineinfahren um 17.00 Uhr.“ Dass die beiden Reisenden während der drei Stunden im Auto saßen und warteten, weil ja coronabedingt keine Geschäfte oder Gaststätten geöffnet haben, kreiden sie niemandem außer sich selbst an. Die Laune dürfte es aber nicht verbessert haben.

Im Dunkeln geht es schließlich weiter auf der A 36 bis „Aire de Glanon“. Hier steht ein „Hallelujah“ im Reiseprotokoll: Die Ladestation mit 50 KW funktioniert, der Strom lässt sich mit der Karte bezahlen und nach wie im Flug vergangenen anderthalb Stunden geht es mit 80 Prozent Ladeinhalt geschwind weiter über Beaune Richtung Lyon. „Auf der Raststätte „Aire de Mionnay“ sehen wir voll Freude nagelneue Ionnity-Ladestationen“, jubelt Gerhard im Tagebuch, dann kommt ein Gedankenstrich und der Satz: „Allerdings wird unsere Ladekarte an den großen Stationen nicht akzeptiert.“ Wieder muss eine Steckdose mit 22 KW herhalten.

Mittlerweile ist es bald 21 Uhr abends. Elf Stunden liegen hinter den beiden tollkühnen Fahrern. Die Hälfte der Strecke ist fast geschafft. Sie sind erschöpft, aber der Versuch einer Hotelbuchung in Lyon scheitert wegen zu spätem Check-in. Die Weiterfahrt zu den Raststätten „Montluel“ und „St.Rambert-Albon“ zehrt an den Nerven, denn auch hier funktioniert die mitgebrachte Ladekarte nicht. Die Restladung sinkt rapide gegen null, die beiden Reisenden sind allein auf weiter Flur, die Franzosen halten sich seit 18 Uhr an die Ausgangssperre. „Es ist gespenstisch“, sagt Gerhard am Telefon. Ein 22 KW-Anschluss in Toulon, verbunden mit einem mehrstündigen Aufenthalt auf dem mitternächtlichen, gähnend leeren Parkplatz, der beiden etwas Tapferkeit abverlangt, verlängert die Fahrt. „Zurück auf der Autobahn steuern wir höchst angespannt die Raststätte „Aire Mornas“ circa 15 Kilometer vor Orange an. Raststätte wegen Umbau geschlossen. Totale Geistersituation und nur noch für 25 Kilometer Ladung“, schreibt Gerhard ins Logbuch. Ingrid und er beschließen, bei Sturm und Regen das Morgengrauen abzuwarten. An Schlaf ist nicht zu denken, stattdessen suchen beide intensiv nach einem VW-Haus in Orange. Sie finden eines, das nur 18 Kilometer entfernt sein soll, allerdings völlig abseits der Route liegt. Sollen sie es wagen mit der minütlich sinkenden Ladung des Akkus?

Um 7 Uhr morgens verlassen sie den Parkplatz, erreichen mit dem letzten Funken Strom die VW-Niederlassung. „Dort ermöglicht sehr freundliches Personal die kostenlose Aufladung mit 50 KW. Um 10.30 Uhr Weiterfahrt möglich.“ Nach exakt 26 Stunden betreten beide völlig erschöpft ihr Ferienappartement.

Schönes Auto, lausige Infrastruktur

Beim Telefonat ein paar Tage später haben sich beide erholt. Die Abenteurer denken positiv und es ist ihnen wichtig, dass hier steht: „Unabhängig von dieser Katastrophen-Fahrt wollen wir definitiv festhalten, dass unser neues Fortbewegungsmittel ein großartiges Fahrzeug mit bestem Komfort ist. Allerdings muss sich auf dem Gebiet der (internationalen) Ladestationen noch sehr viel ändern, damit man guten Gewissens diese Art von Mobilität empfehlen kann.“ Gerhard möchte dann auflegen. Er steckt über beide Ohren in Arbeit, weil er die Rückfahrt planen muss.                           

Oliver Stock

29.03.2021 | 14:53

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