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Gerhard Richters "Domplatz" erzielte 29 Mio. Euro. (Foto: picture alliance)

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Gerhard Richter ist jetzt Weltmeister

Der deutsche Maler Gerhard Richter ist unter Käufern von Gegenwartskunst der weltweit beliebteste Künstler. Bei Versteigerungserlösen von umgerechnet 558 Mio. Euro steht Richter nach einer Aufstellung der Internet-Kunstdatenbank Artnet mit großem Abstand an oberster Stelle.

Auf Platz 2 folgt der chinesische Maler Zeng Fanzhi, dessen Werke 148 Mio. Euro erzielten. Der US-Amerikaner Jeff Koons belegt mit umgerechnet 142 Mio. Euro den dritten Platz. Insgesamt hätten Werke der 100 beliebtesten lebenden Künstler von Januar 2011 bis April 2014 rund 3,5 Mrd. Euro eingebracht.

So versteigerte das Auktions­haus Sotheby’s im Mai 2013 in New York Richters Gemälde „Domplatz“ für umgerechnet 29 Mio. Euro. Zengs Adaption von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ wurde in Hongkong für umgerechnet 17 Mio. Euro versteigert. Ein Sammler bezahlte im November 2013 für Koons „Balloon Dog“ bei Christie’s umgerechnet mehr als 42 Mio. Euro.

Viele Chinesen unter den Top Ten

Zu den Top Ten gehören nach Erlösen auch die Chinesen Fan Zeng (119 Mio.), Cui Ruzhuo (75 Mio.), Zhuo Chunya (66 Mio.), Zhang Xiaogang (62 Mio.), die US-Amerikaner Christopher Wool (96 Mio.) und Wayne Thiebaud (61 Mio.) sowie der Brite Damien Hirst (66 Mio.). Der Trend, dass chinesische und amerikanische Künstler den Weltkunstmarkt zusehends dominieren, verfestigt sich also. Umso verblüffender ist der große Erfolg Richters.

Gerhard Richter hält nach eigenem Bekunden den größten Teil der heutigen Auktionskunst allerdings für überteuert. Es fehle an Maßstäben für die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken, beklagte der 82-Jährige in Basel: „Wenn Sie die Auktions­kataloge sehen, da wird ja 70 % Müll für teures Geld verkauft.“ Er fügte hinzu: „Die Kriterien­losigkeit, die ist schon das Härteste dabei.“ Dass für seine Werke Millionensummen bezahlt werde, empfinde er zwar als angenehm, denn es zeige, dass er geschätzt werde. Zugleich nannte Richter es aber auch „unerträglich und pervers, dass es solche Unsummen sind“. Auf die Frage, ob er das Gefühl habe, dass seine Kunst verstanden wird, sagte Richter: „Manchmal ja. Sonst hätte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.“

Soeben hat das Kunstmuseum Basel bekannt gegeben, dass es im Rahmen einer „epochalen Erwerbung“ Richters aus vier großen Ölgemälden bestehende Werkgruppe „Verkündung nach Tizian“ von 1973 gekauft hat. Die Gemälde befanden sich seit 1977 in einer Zürcher Privatsammlung. Der Preis wurde nicht bekannt gegeben; Experten gehen von einem zweistelligen Millionenbetrag aus.

Die Schweiz ehrt Richter in diesem Sommer mit der größten Schau seiner Werke, die es jemals in dem Alpenland gab. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel wird bis 7. September zu sehen sein – auch die Werkgruppe „Verkündigung nach Tizian“.

Der Direktor der Fondation Beyeler, Sam Keller, würdigte Richter als den bedeutendsten Künstler unserer Zeit. „Ein Ehrenplatz im Olymp der Kunstgeschichte ist ihm schon lange sicher“, sagte Keller. Er habe schließlich „mehr Bilder geschaffen, die als Meisterwerke gelten, als jeder andere lebende Künstler“. Ausstellungskurator Hans Ulrich Obrist, Co-Direktor der Londoner Serpentine Gallery, erinnerte an Richters seit Jahrzehnten sehr innige Beziehung zur Schweiz. Mehrfach habe er sich in den Alpen inspirieren lassen. Davon zeugten auch einige der jetzt gezeigten Werke, darunter die Berglandschaft „Davos“ von 1981.

Zwischen Figuration und Abstraktion

Im Mittelpunkt der Riehener Schau stehen Werkgruppen: Serien, Zyklen, Räume. Ergänzt werden sie durch Einzelwerke: Ölgemälde und übermalte Fotografien. Zu sehen sind Leihgaben internationaler Museen, insgesamt rund 100 Bilder, darunter Porträts, Stillleben, Landschaften, aber auch abstrakte Gemälde, zudem zwei Glasobjekte und 64 übermalte Fotografien. Das Pendeln zwischen Figura­tion und Abstraktion gehört zu den Konstanten in Richters Werk. Sie setzt 1963 ein, als er an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf studiert und seine ersten „unscharfen“ Malereien realisiert.

Im Jahr 1932 in Dresden geboren, hat er sich 1961 in den Westen abgesetzt und kommt in Düsseldorf mit „progressiven Künstlern“ in Kontakt. Die Bilder in Unschärfetechnik fertigt Richter nach Pressebildern und fotografischen Vorlagen an. Bereits 1966 beginnt er aber auch, geome­trisch abstrakt zu malen. In seinen „Vermalungen“, übermalten Fotografien, kombiniert er Gegenständlichkeit und Abstrak­tion. Seit den frühen 60er-Jahren interessiert sich Richter für Politik, die Konsumgesellschaft, die Medien und die Populärkultur. In dieses Interessenfeld passt ein Zyklus, der sich mit den Ereignissen um die Rote Armee Fraktion befasst (1977). Dieser legendäre 15-teilige Zyklus ist in Riehen zu sehen, als Leihgabe des Museum of Modern Art in New York.

Die Adaption des chinesischen Malers Zeng Fanzhi von „Das letzte Abendmahl“ wurde für 17 Mio. Euro versteigert, der „Balloon Dog“ des US-Amerikaners Jeff Koons für mehr als 42 Mio. Euro.

Dass für seine Werke Millionensummen bezahlt werden, empfindet Gerhard Richter zwar als angenehm, denn es zeigt, dass er geschätzt wird. Zugleich findet er es aber auch „unerträglich, dass es solche Unsummen sind“.

24.08.2014 | 10:31

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