(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul)



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„Erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet“

Die Taliban wollen ihre Version der Scharia in Afghanistan etablieren. Bisher bedeutete das: prügeln, foltern, verstümmeln, steinigen. Davon sei man abgerückt, beteuert die Taliban-Führung. Doch keiner glaubt ihnen, denn Bilder belegen: Unter der Scharia fließt das Blut.

Europa bereitet sich auf neue Flüchtlingsströme vor. Diesmal aus Afghanistan. Die Menschen fliehen vor dem, was die neuen Herrscher ankündigen: Sie wollen ihre Version der Scharia in dem Land, das sie erobert haben, anwenden. Eine Ahnung, was das bedeutet, zeigen die aktuellen, meist aus anonymen Quellen stammenden Bilder auf Social-Media-Kanälen: Offenbar Angehörige von Taliban-Milizen teeren und peitschen Menschen aus. Stolz präsentieren sie ihre Foltermethoden. Eine Horde johlender Menschen steht um zwei gefesselte Männer und drischt mit Peitschen auf sie ein. Die schreienden Opfer sollen Diebe sein. Ein anderes Video zeigt zwei Männern mit geteerten Gesichtern, Schlingen würgen ihre Hälse, auch sie werden des Diebstahls bezichtigt. Die Scharia in der Taliban-Version: Es sieht so aus, als kehrt das Mittelalter zurück in das geschlagene Land.

Scharia bedeutet übersetzt „Weg zur Quelle“ und beschreibt für Muslime das richtige Verhalten des Menschen gegenüber Gott, untereinander und gegenüber der Schöpfung. Die Regeln haben drei Quellen: Den Koran, die Sunna, die aus einer Sammlung von Sprüchen und Verhaltensweisen des Propheten Muhammad besteht, und dem, was im Laufe der Jahrhunderte daraus gemacht wurde. Damit wird der Unterschied zum Rechtssystem deutlich, wie es hierzulande gilt: Es gibt unterschiedliche Auslegungen der Scharia, und diejenige, die die Taliban bisher angewandt haben, ist blutig: Ein Taliban-Richter erklärt in einem Video, dass je nach Schwere der Tat, mal nur der Finger und mal der ganze Arm abgehackt wird. Homosexuelle werden gesteinigt, Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit brutal eingeschränkt. Wenn sie dagegen verstoßen, droht auch ihnen der Tod durch Steinewerfen.

In einem Video-Interview redet Farzana Kochai, eine 29jährige Abgeordnete des ehemaligen afghanischen Parlaments über ihre Ängste. Sie sieht zwei Szenarien: Eines, das die Taliban derzeit offiziell beschreiben, wonach Frauen zwar die Haare bedecken müssen, sich aber frei bewegen, arbeiten und lernen dürfen. Das andere Szenario beruht auf dem, was die Taliban bei ihrer ersten Terrorherrschaft über Afghanistan zwischen 1996 und 2001 gezeigt haben. Kochai nennt es die „Entfernung aus der Gesellschaft“: Frauen werde im Namen der Scharia gar nicht erst erlaubt, die eigenen vier Wände ohne männliche Begleitung zu verlassen. „Ich fürchte zuerst um mein Leben und danach um meine Freiheit“, sagt die junge Politikerin, die sich derzeit nicht vor die Haustür in Kabul traut.

Kochais Furcht kennzeichnet ein Kernproblem der Scharia: Der Umgang mit Frauen tritt alle westlichen Vorstellungen von Gleichberechtigung mit Füßen. Er beruht beispielsweise auf Aussagen in den Suren des Koran, die wenig Interpretationsspielraum lassen. So steht dort, dass Männer stets eine Stufe über den Frauen stehen, dass die Stimme eines Mannes vor Gericht doppelt so viel zählt wie die einer Frau. Recht zum Beispiel in Vergewaltigungsprozessen zu sprechen, wird damit aus westlicher Sicht unmöglich.

Was Frauen unter den Taliban zu ertragen hatten, als sie in den neunziger Jahren schon einmal die Macht in Afghanistan an sich gerissen hatten, zeichnet das US-Außenministerium in einem Report über den „Krieg der Taliban gegen Frauen“ nach: Sie mussten von Kopf bis Fuß Bedeckungen tragen, durften fast nicht arbeiten, wurden vom Schulbesuch ausgeschlossen und ihre medizinische Versorgung war eingeschränkt. Sie durften außerdem ihre Häuser nur in Begleitung männlicher Verwandter verlassen und mussten spezielle Busse benutzen. Die Fenster der Häuser mussten übermalt werden, um zu verhindern, dass Außenstehende Frauen in ihren Häusern sehen. Dass das entgegen der beschwichtigenden Äußerungen der jetzigen Taliban-Führung noch an der Tagesordnung ist, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2019: Innerhalb von zwei Tagen sprengten Taliban-Terroristen im Westen Afghanistans zwei Mädchenschulen für rund 1.500 Mädchen im Alter von sechs bis 18 Jahren in die Luft. Aktuelle Bilder zeigen bereits wieder übermalte Fenster.

Neben der Gleichberechtigung ist das zweite Problem, das das Rechtssystem der Scharia mit sich bringt, ihr Allgemeingültigkeitsanspruch. Wer sie bejaht, unterstützt damit auch die Auffassung, dass die Scharia über den Menschenrechten steht – was mit dem deutschen Rechtssystem unvereinbar ist. Hierzulande gibt es Grundrechte, die sich aus der Würde des Menschen herleiten und begründen lassen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört dazu; Handabhacken, Peitschenhiebe und Steinigungen damit natürlich nicht.

Das dritte Problem, das mit der Anwendung der Scharia stets einhergeht, ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Vers fünf in Sure neun des Korans lautet: „Erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet.“ Mit Frevler können nach Taliban-Auslegung alle die gemeint sein, die keine Muslime sind.

Schon vor der sich jetzt abzeichnende Regierung der Taliban in Afghanistan warnte beispielsweise der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen, wo die Moscheen-Dichte in einigen Regionen besonders hoch ist: Islamistische Theologen seien weit davon entfernt, in Fragen der Scharia eine echte Übereinstimmung mit grundlegenden westlichen Werten zu erzielen. Im Gegenteil: „Die besonders umstrittenen Bereiche Gleichberechtigung der Frauen, Minderheitenrechte und Strafrecht würden von ihnen oft besonders verbissen gegen westliche Einflussnahme verteidigt und zu zentralen Kernpunkten des islamischen Rechts hochstilisiert.“ Die Folge seien „grobe Menschenrechtsverstöße“.

Oliver Stock

18.08.2021 | 16:21

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