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Thyssenkrupp in Schieflage: Droht die Zerschlagung? (Bild: Thyssenkrupp)

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Thyssenkrupp: Folgt die Zerschlagung?

Chaotische Zeiten bei Thyssenkrupp! Nach dem Vorstandschef verlässt nun auch der Aufsichtsratsvorsitzende den Konzern im Clinch. Der geschichtsträchtige deutsche Industrie-Riese steht damit ohne Führung da und könnte zum Spielball zweier Hedgefonds werden. Anleger jubeln. Die Angestellten dagegen bangen. Und Die Zukunft des Konzerns scheint mehr als ungewiss.

Erst vor kurzem präsentierte Heinrich Hiesinger, damals noch Vorstandschef bei Thyssenkrupp, stolz die Ausgliederung des Stahl-Geschäfts in ein 50:50-Joint Venture mit Tata-Steel. Ein wichtiger erster Schritt in Sachen Konzernneuausrichtung schien damit getan. Doch Ruhe kehrte nicht ein. Im Gegenteil. Offenbar hatten viele Großaktionäre mit mehr gerechnet. Allen voran die Hedgefonds Elliott und Cevian. Deren Manager fordern bereits seit längerem eine deutliche Dezentralisierung des Industriekonzerns. Vor allem liebäugeln sie dabei mit einer Abspaltung der hochprofitablen Aufzugsparte, die für mehr als 50 Prozent des gesamten Konzerngewinns verantwortlich ist. Alles in allem dürfte ihnen eine Holding-Struktur a la Siemens als Vorbild dienen.

Eine solche jedoch kam sowohl für Hiesinger als auch für den Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner nicht in Frage. Die Erhaltung des Mischkonzerns mit seinem Engagement in der Produktion von Autoteilen bis hin zum Bau von U-Booten oder dem Betreiben mehrerer Zementfabriken stand für beide nicht zur Disposition. Die fast schon logische Folge: Heftige Konfrontationen, an deren vorläufigen Ende nun die Rücktritte der beiden Unternehmenslenker stehen. ThyssenKrupp steht so nun nicht nur vom einen auf den anderen Moment ohne Führung da, der Essener Großkonzern schlittert damit einhergehend auch bedrohlich zielstrebig in die wohl größte strukturelle Krise seiner mehr als 200-jährigen Geschichte.

Was macht die Krupp-Stiftung?

Wie es nun weitergeht dürfte in großen Teilen von den Plänen der Krupp-Stiftung abhängen, die mit 21 Prozent die Mehrheit der Konzernanteile hält. Zunächst einmal gilt es das entstandene Machtvakuum so schnell wie möglich zu beseitigen. Ein neuer Vorstandschef und ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender müssen her. Zunächst soll der bisherige Finanzvorstand Guido Kerkhoff auf Interimsbasis den CEO-Posten übernehmen. Wer den Aufsichtsrat führen soll ist noch unklar. Daran wiederum dürfte sich am Ende entscheiden, welche Strategie ThyssenKrupp in Zukunft verfolgt. Klar ist: Es braucht eine gemeinsame. Eine, die alle mittragen. Ansonsten enteilt die Konkurrenz.

Genau daran dürfte es jedoch weiterhin haken. Denn sowohl für eine Aufspaltung als auch für einen Erhalt bisheriger Strukturen gibt es gute Gründe. „Um in Zukunft dauerhaft erfolgreich zu sein, müssen die Geschäftssparten von ThyssenKrupp fokussiert, unternehmerisch und effizient aufgestellt werden, flexibel und frei von unverhältnismäßig hohen Kosten und Bürokratie“, plädiert Cevian-Gründer Lars Förberg für mehr Eigenständigkeit der einzelnen Konzernbereiche. Anders könnten diese nicht „nachhaltig erfolgreich sein“.

Forderungen wie diese sind nicht neu. Immer wieder plädieren aktivistische Investoren für die Aufspaltung großer Konzerne. Auch bei Daimler und Continental scheint der Weg in eine solche Richtung zu gehen. Siemens hat ihn bereits eingeschlagen. Und das durchaus erfolgreich. Vor allem mit Blick auf Konkurrent General Electrics, der sich lange davor sträubte und jetzt – nachdem man sogar aus dem Dow Jones geworfen wurde – gar nicht mehr anders kann als nachzuziehen. Aufspaltungen machen die „großen Tanker“ meist weniger schwerfällig, sie können leichter auf Marktveränderungen reagieren und setzen in der Regel mehr Wert frei. Allein die Aufzugsparte von ThyssenKrupp könnte nach Analystenschätzungen wertvoller sein als der gesamte Konzern. Der kommt derzeit „nur“ auf eine Marktkapitalisierung von rund 14 Milliarden Euro, was dem diesbezüglich fünftletzten Platz im Dax entspricht.

Die Märkte in freudiger Erwartung

Dementsprechend groß war die Freude unter Anlegern über den Konzernkrach bei den Essenern. Sie ließen in der Hoffnung, dass es nun zu aggressiven Umstrukturierungen kommt, den Kurs der Aktie am Dienstag um neun Prozent auf 22,68 Euro emporschnellen. Damit überwand er auch wieder die 21-Tage-Linie.

Was auf der einen Seite die Aktionäre freut, schürt auf der anderen jedoch Ängste unter den mehr als 160.000 Angestellten des Industriekonzerns. Sparten-Verkäufe, Teil-Fusionen und Co. führen schließlich meist zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten. Vielleicht nicht sofort. Aber ziemlich sicher langfristig. Deshalb dürfe es so weit nicht kommen, fordert Betriebsratschef Wilhelm Segerath. „Wir schützen den Finanzmarkt, aber wir schützen zu wenig die Industrie und die Realwirtschaft.“

Man kann beide Seiten gut verstehen. Klar, dass der Betriebsrat Arbeitsplätze sichern will. Klar, dass ein Hedgefonds-Unternehmen wie Cevian, das immerhin 18 Prozent der Anteile von ThyssenKrupp hält, Rendite sehen will. Man kann das Verhalten seiner Manager auch durchaus als moralisch verwerflich bezeichnen, doch wenn man sich als Unternehmen an die Börse wagt sollte man sich genauso bewusst sein, dass dort eben nichts anderes zählt, als eine möglichst hohe Rendite.

Jefferies-Analyst Seth Rosenfeld glaubt, dass die aktivistischen Investoren aus dem entstandenen „Machtvakuum“ schlussendlich als Sieger hervorgehen. Dafür spricht auch, dass Ursula Gather und damit die Chefin der Krupp-Stiftung bereits 2016 mit dem finnischen Kone-Konzern über einen möglichen Verkauf der Aufzugsparte gesprochen haben soll. Sie scheint also nicht abgeneigt. Das wiederum war es auch, was Aufsichtsratschef Lehner endgültig zum Rücktritt bewog. Nach eigenen Angaben hat er von dem Gespräch wohl aus der Zeitung erfahren.

Für die Entwicklung der Aktie ist Analyst Rosenfeld ziemlich optimistisch. Sein Kursziel setzt er derzeit bei 33 Euro, was einem Kurspotenzial von zirka 50 Prozent entspricht. Neben den Spekulationen um eine Zerschlagung sieht er auch positive Signale aus China vorher. Dort könnten ab Herbst strengere Umweltauflagen zu Produktionsbeschränkungen führen, womit die Preise stiegen und die Exporte sinken würden. Das wiederum dürfte die Nachfrage bei den Stahlherstellern aus dem Ausland ankurbeln. Auch Kepler Cheuvreux-Analyst Rochus Brauneiser glaubt an eine Beschleunigung der strategischen Neuordnung und beließ sein Kursziel bei 26 Euro. DZ Bank-Analyst Dirk Schlamp wies derweil darauf hin, dass die Aktie wohl nur kurzfristig von den Spekulationen um mögliche Konzernumstrukturierungen profitieren dürfte.

Fazit

Derzeit scheint es fast so, als könne es nur einen Gewinner geben. Entweder die Anleger. Oder die Angestellten. Was in der entfachten Debatte dagegen zu kurz zu kommen scheint ist die Frage, was für den Konzern insgesamt die vielversprechendsten Lösungen und Strategien für die Zukunft sind. Darum, um den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit, um nachhaltiges Wachstum, um eine glaubhafte Unternehmensphilosophie, sollte es schließlich eigentlich gehen. Nicht um kurzfristige Renditen, nicht um kurzfristige Arbeitsplatzsicherungen. Gut möglich aber, dass eine wenig zielführende Schlammschlacht nun erst begonnen hat. Die Aktie von ThyssenKrupp könnte damit zunächst vor allem zu einem schwankungsanfälligen Spekulationsobjekt werden.

Oliver Götz

20.07.2018 | 10:48

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